Norbert: Gerüchte+Gerichte
Gerücht: Öffentlich-rechtliches Versagen
- Details
- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 29. März 2012 10:18
- Veröffentlicht am Montag, 26. März 2012 16:45
- Geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg
(nsb) „Der wird einem regelrecht sympathisch“, urteilt ein Blogger. Er meint Mahmud Ahmadinedschad, den Präsidenten des Iran, der sich vor einer Woche gut 40 Minuten lang einem Interview mit Claus Kleber stellte. Ach was; der Präsident hat gezeigt, wie er einen schlecht vorbereiteten und übervorsichtigen „Topjournalisten“ aus Deutschland vorführen kann.
Zwei Jahre hatte sich das ZDF angeblich um dieses Interview bemüht, die Erwartungen durften entsprechend groß sein. Doch Kleber sitzt seltsam steif, erkennbar unsicher seinem Gesprächspartner gegenüber, sein rascher Puls ist an der Halsschlagader sichtbar.
Schon nach wenigen freundlichen Worten zu Beginn erreicht die Situation einen Tiefpunkt. Kleber fragt:
Menschen in Europa, speziell in Deutschland schauen mit großer Spannung auf diese Region im Moment und fürchten, dass ein Krieg möglich sein könnte. Haben Sie eine Botschaft in diesem Zusammenhang, heute?
Ahmadinedschad: Können Sie uns sagen, von welcher Seite eine Kriegsgefahr behauptet wird und warum?
K.: Sie wissen so gut wie ich, dass Israel mit einem Angriff auf Iran droht, wenn sich die Frage des Nuklearprogramms nicht anders lösen lässt.
A.: Warum muss Israel drohen?
K.: Weil Iran bis heute sich weigert, sein Atomprogramm offenzulegen.
A.: Zeigen die Zionisten Klarheit und Transparenz in ihrer Nuklearfrage? Sie haben mehr als 250 atomare Sprengköpfe! Ist das kein Problem, wenn sie so ausgestattet sind?
K.: Israel gehört nicht zum Atomwaffensperrvertrag. Es hat keine vertragliche Verpflichtung, das offen zu legen. Iran hat diese Verpflichtung
A.: Das heißt, jeder der nicht Unterzeichner des Vertrages ist, ist frei zu tun, was er will?
K.: So ist das wohl.
A.: Das heißt, wenn jemand Mitglied des Vertrages ist, darf er entrechtet werden? Und die Zionisten dürfen einem Mitgliedsland drohen?
Und dann darf Ahmadinedschad minutenlang ausführen, dass er Atomwaffen ablehnt, sie niemand braucht, dass sie etwas für Zurückgebliebene seien. Schließlich fragt er Kleber, ob „die Zionisten“ ein ungeschriebenes Recht hätten, der ganzen Welt ihre Sicht aufzuzwingen, bezeichnet Israel als ein künstliches Konstrukt ohne Existenzberechtigung und leugnet zum wiederholten Male den Holocaust.
Kleber schweigt und schweigt, versucht endlich das Thema zurück auf die Nuklearpolitik des Iran zu bringen. Aber die restlichen 30 Minuten des Gesprächs lassen sich in wenigen Worten darstellen:
K.: Warum öffnen Sie nicht alle Türen?
A.: Tun wir doch!
K.: Nein!
A.: Doch!
Dieses Interview war nutzlos und unprofessionell. Wer sich auf Gegenfragen einlässt, hat als Interviewer schon verloren. Wer dann noch Unsinn antwortet, erst recht: Natürlich dürfen auch die Nichtunterzeichner des Atomwaffensperrvertrags nicht machen, was sie wollen; das weiß man zum Beispiel in Nordkorea.
Kleber wirkte fast verängstigt, hing starr an seinem Fragekonzept, ließ Ahmadinedschad immer wieder ausweichen und Gegenfragen stellen, statt beherzt nachzuhaken. Verdammt schade, wie hier eine seltene Chance vertan wurde, Neues und Verbindliches zu erfragen. Man erinnert sich wehmütig, wie einst eine Oriana Fallaci mächtige Männer wie Henry Kissinger, Deng Xiaoping, Muammar al-Ghaddafi oder den Ayatollah Chomeini befragt und als zynische, machtbesessene Lügner entlarvt hatte.
Vielfache Kritik in den Medien und in der Politik gibt es aber an einer Stelle, wo Kleber sicht richtig verhalten hat: Er ließ sich von seinem Gesprächspartner nicht dazu provozieren, über den Holocaust zu diskutieren. Dafür wird er jetzt gescholten, vom Zentralrat der Juden wie von Spiegel, Focus oder Cicero. Die Empörungsmaschine rattert los, als habe er selbst die Judenvernichtung in Frage gestellt. Kleber wollte erfahren, ob dem iranischen Präsidenten die bedrohliche Situation bewusst ist. Das haben wir leider nicht erfahren. Dass Ahmadinedschad den Holocaust für eine verschwörerische Erfindung hält, das wissen wir schon. Ob es ausgerechnet Claus Kleber gelungen wäre, ihn zu belehren?
Die vollständige Version des Interviews gibt es hier:
http://www.youtube.com/watch?v=P2VJIOR8I3s



