Literatur

Illner/Broderson: Ente auf Sendung

Rezension von Beate Quilitzsch-Schuchmann, Public Relations, Consultancy & Moderation, Dipl. Ing. agr. / PR-Referentin (DPRG)
Mit freundlicher Unterstützung von PR+plus Fernstudium Public Relations, Heidelberg.


Diese Buch will keine "trockene“ Fachliteratur sein. Es richtet sich nicht in erster Linie an die Profis, sondern will dem Medien-Laien, aber täglichen Medien-Nutzer, eine Hilfestellung bieten, nicht ohne auch für den Profi interessant zu sein. Bunt bebildert und ganz ohne kommunikationstheoretische Betrachtungen kommt sie also daher, die "Ente auf Sendung“. Und transportiert doch die meisten Theorien unbemerkt und auf angenehm lesbare Art, so dass jeder von uns sein durch Zeitung, Radio und Fernsehen täglich neu zusammengesetztes Informations- und Meinungsbild hinterfragen und vor allem besser - d.h. kritischer - bewerten kann. Denn eine der Kernbotschaften lautet: es gibt keine umfassende Wahrheit und sie wird schon gar nicht durch die Medien in unsere Wohnzimmer getragen. Wer interessiert sich schon für Hungersnöte in einer afrikanischen Bana-nenrepublik, wenn die Mainstream-Nachrichtenkarawane gerade über den weltweit tobenden Terrorkrieg berichtet?

Auch für junge Medienkonsumenten leicht verständlich geschrieben und illustriert durch Beispiele und Details aus dem Geschäft mit und in der Medienwelt, schildern bekannte Journalisten wie Anne Will oder Peter Scholl-Latour, aber auch unbekanntere, von der Kriegsreporterin bis zur Boulevardjournalistin, in voneinander unabhängigen Artikeln ihren Berufsalltag. Und der bewegt sich in erster Linie zwischen Themenflut und Auswahl der Meldungen, die in rasanter Geschwindigkeit - häufig noch vor ihrer Überprüfung – verbreitet werden. Wie man dennoch Information von Desinformation zu unterscheiden versucht, wie eine Meldung überhaupt zur Meldung wird, von ihrer Boulevardisierung im sich immer schneller drehenden Nachrichtenkarussell und vom Spagat zwischen Quote, Auflage und Anspruch ist in diesem Buch die Rede. Nüchtern betrachten die 21 Autoren einerseits ihr Geschäft und machen klar: umfassende Information ist pure Illusion, Objektivität eine Mär. Heftig kritisieren sie die Medienmaschinerie, die "Event-Fernsehen mit Nachrichtengehalt, der gegen Null tendiert“, produziert oder Radiokonzepte, "deren Wortanteil, bitte schön, höchstens in homöopathischen Dosen verabreicht werden darf, um die Hörer nicht zu verschrecken“.
Aber es geht in den sehr persönlichen Artikeln andererseits auch um den Berufsethos, um den Versuch, trotz erbitterten Medienkampfes kritischen investigativen Journalismus zu betreiben, gesi-cherte Informationen zu erhalten und diese in einer unübersichtlichen und durch Medienkampagnen verfremdeten Welt als Orientierungshilfe an Hörer, Leser und Zuschauer weiterzugeben. Da zeigt er sich schon wieder, der Spagat und das macht das Lesen der meisten Artikel so spannend. Wie viel Zeit und Mitarbeiter, Konferenzen und Telefonate, kurz, wie viel Kommunikation es braucht, damit eine einzige Tagesthemen-Sendung oder ein politisches Magazin gesendet werden kann, davon schreiben die Autoren und erzählen auch vom Frust, wenn ein mühsam recherchiertes Thema ersatzlos aus der Sendung fliegt, weil eine aktuelle Meldung wichtiger ist oder – "dahingemordet von der Konkurrenz“ - ein anderer Sender schneller ist und das Thema zuerst bringt.
Von dem Anspruch, dass es auch ihre Aufgabe ist, "die Demokratie zu beatmen“, indem sie die Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Kultur unter Erklärungsdruck setzen und Skandale aufdecken, berichten die Journalisten und von der Spürnase des Detektivs, der Charakterstärke und der persönlichen Distanz, die man dafür braucht. Denn persönliche Beziehungen zu Politikern oder Stars sind zwar hilfreich, um kontinuierlich nah dran zu sein und neue Informationen als erste oder erster zu bekommen, aber wie distanziert von der Person kann man dann noch berichten? Noch ein Spagat. Was, wenn die Information vertraulich ist und man gebeten wird, sie nicht zu benutzen? Alltag.
Hintergründe aus der Kriegsberichterstattung oder dem Boulevardjournalismus, aus dem Leben der Journalisten auf der einen und dem Pressesprecher auf der anderen Seite der Theke - mit Ausnahme einzelner Artikel, die mehr der Selbstdarstellung ihrer Autoren dienen und dem Leser we-nig Brauchbares an die Hand geben - , ist es genau diese Mischung, die "die Ente auf Sendung“ für den Medienlaien wirklich lesenswert macht. Denn so verschieden die Arbeitsbereiche auch sein mögen, so ähnlich sind doch die Kernaussagen der Autoren. Und sie vermitteln dem Leser – nachhaltig und anschaulich -  vor allem eine Botschaft: Was in den Medien publiziert wird, darf noch lange nicht für bare Münze genommen werden. Immer schnelllebiger die Zeit, immer höher der Druck, immer mehr Meldungen (oder Spekulationen?) werden in immer kürzerer Zeit verbreitet. Fazit: immer leichter geraten nicht überprüfte Meldungen  - non testatum – kurz "n.t.“ – auf Sendung.

Buchtitel: Illner - EnteIllner, Maybritt und Broderson, Ingke (Hg) (2003): "Ente auf Sendung. Von Medien und ihren Machern." München: Deutsche Verlags-Anstalt, München; 223 Seiten; Preis: 19,90 Euro; ISBN: 3421057516.

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