Literatur

Schneider: Der Januskopf der Prominenz

Rezension von Lars Rademacher, Hannover
Als Rezensent kann man von diesem Band nur hingerissen sein – und leider auch hergerissen. Denn es gibt wohl keine Studie, die sich mit dem Phänomen der Prominenz aus so unterschiedlichen Perspektiven theoretisch fundiert und letztlich doch integrativ auseinandergesetzt hätte wie der Band von Ulrich F. Schneider. Der Kommunikationswissenschaftler, Berater und Dozent geht in seiner publiziert vorliegenden Mainzer Dissertation auf über 400 Textseiten dem Phänomen der Prominenz nach, das sich in den letzten Jahren zentrifugal in alle Bevölkerungssichten auszubreiten scheint.

Wo sich noch vor wenigen Jahren – sei es in der Qualitätspresse oder im intellektuellen Diskurs – Schranken zwischen dem allzu Populären und dem Ernsthaften befunden haben, ist jegliche Grenzziehung einer Dominanz des Pop gewichen, die mit einigem Recht als Wandel des »Populären zum Repräsentativen« (vgl. z.B. Kaspar Maase) diagnostiziert wurde. Schneider geht einem der wesentlichen Faktoren für diese Entwicklung auf den Grund: dem veränderten Einsatz von öffentlicher Privatheit zur Generierung von Prominenz. Auch »klassische Prominente« nutzen diesen Mechanismus zusehends – und unterwandern dadurch die eherne Grenze zwischen dem Ernsten und dem Trivialen. Eine neue Art unpolitisch politischer Ideologie.

Was die Studie so überraschend konsistent macht, ist die breite theoretische Aufstellung. Man merkt der Arbeit an, dass hier sowohl kommunikationswissenschaftliche und juristische als auch film- und fernsehwissenschaftliche Erkenntnisse zusammen kommen. Diese theoretische Stärke spielt der Autor zunächst bei der Skizzierung des Modells von gesellschaftlichem Erfolg aus (Kapitel 2), das er seinem Verständnis von Prominenz unterlegt. Mit Hilfe dieser Methode erstellt sich Schneider ein begriffliches Instrumentarium, mit dem er zwischen Eliten, Prominenten und Stars unterscheiden kann. Anschließend vergleicht er unterschiedliche Konzepte der »Prominenzierung« (also der Entstehung und des Nachweises von Prominenz). Spannend ist bei einem derart ambiguitären Phänomen wie Prominenz besonders der Weg der empirischen Messung. Der Autor kreiert sich ein schlaues Verfahren aus Expertenurteilen, Medienpräsenz, Publikumserfolg sowie Preisen und Auszeichnungen. Sein Resümee zu diesem Kapitel (und das dort entwickelte Modell der Instanzen und Mechanismen der Prominenzierung sucht seinesgleichen.

In Kapitel 4 folgt der Wechsel auf die Seite des gesellschaftlichen Wandels. Schneider entfaltet – wieder in einer schier überwältigenden Zahl von Beispielen – vor unseren Augen die »Personality-Gesellschaft«. Und in eben dieser Detailverliebtheit bricht sich auch in der Studie ein nahezu an Grimmsche Sammelwut erinnernder Manierismus bahn, der sich bereits im Vorwort, aber auch in der vom Verlag zur Verfügung gestellten Pressemitteilung angekündigt hatte. Dort ist über die beeindruckende Vita des Autors (Jg. 1972) so manches zu erfahren, z.B. dass der Autor mit sechs Semestern Studiendauer "bundesweit als einer der zügigsten Studienabgänger seiner Disziplin (Durchschnitt an seinem Institut im Abschlussjahr 13 Semester)“ gilt (?!) und schon als Schüler bei Alice Schwarzer hospitierte (womit gleich mal ein prominenter Name bemüht wurde). Solche und andere Angaben hinterlassen einen einigermaßen ratlos, unterstützen aber doch den etwas gezwungen überdrehten Gesamteindruck der Publikation mit ihren habilitationsverdächtigen 1.500 Fußnoten.

In den Kapiteln 5 und 6 werden die Kommerzialisierung der Prominenz und das Spiel der Prominenten mit den Medien (mit all seinen Schattenseiten) dargelegt. Die Analyse Schneiders trifft hier ebenso wie in den vorgenannten Kapiteln. Dennoch ist die eigentliche Stärke der Arbeit in den ersten vier Kapiteln zu finden, da der Autor hier das Phänomen der Prominenz in einer Vielgestaltigkeit zerlegt und dann rekonstruiert, die erst die weitergehende Analyse ermöglichst und den Prominenten eine erhebliche Mitschuld an den vielfach beklagten Überschreitungen des presserechtlich Zulässigen attestiert. Prominenz ist für Schneider durchaus ein Beruf – mit einem Januskopf.

Fazit: Der vorliegende Band ist eine Pflichtlektüre für jeden, der sich den Wandel zur Prominenzgesellschaft erklären will oder muss, wie z.B. Journalisten und Kommunikationsberater. Den Wandel im Journalistenverhalten oder in neuen Schwerpunktsetzungen bei Medienunternehmen kann man ohne derartiges Rüstzeug kaum noch nachvollziehen. Da dieser Zusammenhang auf über 400 Seiten entwickelt wird, bleibt dem Praktiker nur, sich zu quälen oder auf die Veröffentlichung einer Kurzfassung zu warten, die (gut in das Programm von Reclam passen könnte und) einem dann auch so manchen Manieriertheit ersparen dürfte.

Buchtitel: Schneider - JanuskopfUlrich F. Schneider: "Der Januskopf der Prominenz. Zum ambivalenten Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit." Wiesbaden: VS Verlag, Wiesbaden; 2004; 473 Seiten; Preis: € 39,90; ISBN: 3-51-14238-0.

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