Literatur

Was faul ist hinter den Hochschulkulissen

Kamenz, Uwe/Wehrle, Martin (2007): Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen. Berlin: Econ. 288 Seiten. ISBN: 978-3-430-20018-9.

Eine Rezension von Dr. Stefan Kombüchen, Geschäftsführer PR Plus, Heidelberg

Haben deutsche Professoren ein Imageproblem? Wohl noch nicht, denn noch hat die Gesellschaft große Achtung vor ihnen, noch werden sie gerne in Talkshows eingeladen, werden als politische Ratgeber geschätzt gehört, haben sie ihre Plätze in den Aufsichtsräten deutscher Großunternehmen. Noch ist es auch schick für deutsche Manager, sich mit den - häufig aus Firmengeldern finanzierten - Honorarprofessorentiteln zu schmücken. So beschreibt das Buch Professor Untat kurz die derzeitige herausragende Stellung der Professoren in unserer Gesellschaft, um anschließend auf 270 Seiten das Recht der deutschen Professoren auf diesen guten Ruf in Frage zu stellen.

Das Buch von Professor Uwe Kamenz und Martin Wehrle liegt im Trend einer wachsenden Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für Bildungsthemen im Allgemeinen und für Hochschulthemen im Speziellen. Bildung ist in: Schulen und Hochschulen liefern mehr und mehr Themen für die öffentliche Diskussion.

Hochschulen stehen mehr und mehr unter Beobachtung der Öffentlichkeit, das Verhalten ihrer Mitarbeiter, vor allem der Lehrenden, wird untersucht und bewertet. Und was dabei zutage tritt, überrascht in Qualität und Quantität auch die Menschen, die selbst eine Hochschule besucht und die eigenen Beobachtungen eher als Einzelfälle abgehakt haben.

Dass es grundsätzliche systemische Probleme in der Hochschule gibt, Probleme, die unserem Bildungssystem und der Gesellschaft schaden, das deckt Professor Untat scheinbar rücksichtslos auf. Rücksichtslos dann, wenn es um die Mängel und Defizite unseres deutschen Hochschulsystems geht, und rücksichtslos auch, wenn es um die Professoren geht, die dieses System gnadenlos um des persönlichen Profits willen ausnutzen. Sie berichten über Professoren als Nebenjob-Millionäre, die durch ihre Nebenjobs Millionen verdienen, Forschung und Lehre aber grob vernachlässigen (: 166 ff.), den Vorleser, den ausbildungsresistenten Professor der ohne eigene pädagogische Ausbildung vor seine Studenten tritt, aus eigenen Büchern vorliest und den Studenten Buchseiten als Folien an die Leinwand projiziert (:76 ff.),

Professoren als Rabenväter und Sklaventreiber, die ihre Uni-Privilegien missbrauchen, Nebenjob an Nebenjob und Konferenz an Konferenz reihen und Doktoranden für sich arbeiten lassen (: 142 ff.). Aus kommunikationstheoretischer Sicht lassen sich die verbrecherisch anmutenden Handlungen vieler Professoren leicht erklären:

Professoren unterliegen, wie es auch Kamenz und Wehrle schreiben, unbeabsichtigten Selbsttäuschungen. Menschen, die an der Spitze einer Hierarchie stehen, werden häufig immun gegenüber der Realität. Sie akzeptieren nur noch Argumente, die ihrer Sicht der Dinge entsprechen und lassen Gegenargumente nicht zu. Im Grunde neigen alle Menschen in einem gewissen Grade dazu, misstönende, unstimmige Sachverhalte abzulehnen. Aber wirkliche Meister der Selbsttäuschung findet man eben häufig in gehobenen gesellschaftlichen oder organisatorischen Positionen, bei Professoren oder Unternehmenschefs, bei denen das Verhalten von anderen zu selten oder gar nicht mehr in Frage gestellt oder kritisiert wird.

Aus dieser Perspektive ist es erklärlich, warum Professoren die Kritik beispielsweise von Journalisten oder Studierenden nicht ernst nehmen. Die Tendenz zur unbeabsichtigten Selbsttäuschung erklärt zum Beispiel auch, warum sich viele Professoren und ganze Hochschulen gegen die Internetseite MeinProf.de zur Wehr setzen. Es handelt sich hier um eine Internetseite, über die Studierende ihre Professoren bewerten können. Die hier veröffentlichten Seminar- und Dozentenbewertungen dienen dem interessierten Leser als Orientierungshilfe. Viele schlecht beurteilte Professoren drängen darauf, Einträge über sie löschen zu lassen. Gerichte haben mittlerweile erklärt, dass die Professorenbewertungen auf dieser Seite als freie Meinungsäußerung anzusehen sind.

Der Umgang mit diesen Bewertungen ist aus PR-Sicht äußerst interessant, hat doch der Umgang mit Kritik einen wichtigen Einfluss auf das eigene Image. Doch anstatt das Feedback der Studenten ernst zu nehmen und an sich zu arbeiten, wehren sich die Betroffenen zum Teil mit juristischen Schritten. Ihre Namen finden sich dann bei Professor Untat, was sicherlich für das eigene Image einen noch größeren Schaden bedeuten kann. Der Internetseite MeinProf.de widmen Kamenz und Wehrle ein eigenes Kapitel (: 54 ff.). Die Schilderungen wecken die Neugier des interessierten Lesers. Wie sieht es denn mit unseren PR-Professoren aus?

Professor Bentele, PR-Kopf des Jahres 2004, wird auf MeinProf.de von 74 % seiner Studenten weiterempfohlen. Er wird mit einer Durchschnittsnote von 2,0 bewertet. Ähnlich gut schneidet die ehemalige Prüfungsvorsitzende der Deutschen Public Relations Gesellschaft, Professor Femers, ab, die von drei Vierteln ihrer Studenten weiterempfohlen wird.

Sie bringt es auf eine Durchschnittsnote von 2,1. Insgesamt ist es doch ein gutes Zeichen, dass andere Wissenschaftler, die sich bekanntermaßen mit der Unternehmenskommunikation beschäftigen, zu selten von ihren Studenten bewertet werden. Sie tauchen gar nicht erst in den Rankings bei MyProf.de auf wie beispielsweise Frau Professor Mast oder auch Professor Zerfaß. Es gibt wohl keinen Grund zur Klage.

Professor Untat macht durchaus nicht alles und alle an deutschen Hochschulen schlecht. Das Buch lobt ausdrücklich die Kollegen, die es schaffen, trotz der Missverhältnisse gut zu lehren und zu forschen. Die Autoren verstehen ihr Werk als Unterstützung dieser Professoren in ihrem Kampf für eine bessere, produktivere, leistungsstärkere, wettbewerbsfähige deutsche Hochschule. Professor Untat beschränkt sich auch nicht auf die reine Analyse, sondern legt im letzten Kapitel auch einen Lösungsansatz vor: Unter anderem schlagen sie "eine Lehr-Tauschbörse im Internet vor. Professoren bieten dort ihre freien Lehrkapazitäten, Hochschulen ihre freien Fächer an" (: 270). Über weitere Aktivitäten informiert die Internetseite www.professor-der-tat.de.

Das Buch ist empfehlenswert für alle, die sich für deutsche Hochschulen interessieren, für Absolventen und aktuelle Studenten, um eigene Erfahrungen besser einordnen zu können, für alle Bildungsinteressierten, die wissen wollen, warum an der aktuellen Bildungsmisere nicht nur die Schulen, die Elternhäuser, sondern auch die Hochschulen schuld sind. Hoffentlich wird dieses Buch auch von wissenschafts- und bildungspolitischen Entscheidungsträgern gelesen. Die Verhältnisse an deutschen Hochschulen sind teilweise katastrophal. Es wird höchste Zeit, dass sich etwas ändert.

Nur dann ist auch das Image der deutschen Professoren noch zu retten.

Ich danke den Autoren für ihren Mut und ihre Offenheit.

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