Literatur
Meckel: Das Glück der Unerreichbarkeit
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- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 29. März 2012 10:18
- Veröffentlicht am Freitag, 30. November 2007 20:38
- Geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg
Eine Rezension von Katja Fürstenau, PR Plus, Heidelberg
Meckel, Miriam (2007): Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle. Murmann Verlag, Hamburg. 271 Seiten. Preis: 18,00 Euro. ISBN: 978-3-86774-002-9. Das Buch hier direkt bei amazon.de bestellen.
Wer dieses Buch liest, fühlt sich ertappt. Immer wieder. Weil der Leser mit einem Auge am Computerbildschirm klebt und auf das Erscheinen des kleinen Briefumschlags unten rechts wartet. Oder weil er mit einem Ohr auf das Piepen lauscht, das eine eingehende SMS meldet. Oder auf das Klingeln des Mobiltelefons. Oder weil er sich sonst wie ablenken lässt.
"Ja, genau!" – ist ein stets präsenter Gedanke, denn Miriam Meckel bringt im "Glück der Unerreichbarkeit" so vieles auf den Punkt, was jeder aus seinem eigenen Alltag – die einen mehr aus dem beruflichen, die anderen aus dem privaten, manche aus beiden Bereichen – so gut kennt. Sie untermauert ihre auf kommunikationswissenschaftlichen Grundlagen aufbauenden Gedanken und Betrachtungen mit zahlreichen aktuellen Studien zur Mediennutzung und Wahrnehmung, mit Erkenntnissen aus Gesellschafts- oder Glücksforschung. Haben wir es z. B. nicht immer schon geahnt, trotz der zahlreichen anderslautenden Behauptungen? Selbst Frauen sind nicht multitaskingfähig – es ist wissenschaftlich erwiesen (S. 99 ff.)! Also kein Grund mehr für uns, mehr zu arbeiten als unsere männlichen Kollegen. Unter dem Vorwand, wir könnten das ja, weil wir in der gleichen Zeit das Doppelte schaffen. Oder wussten Sie zum Beispiel, dass wir dreieinhalb Jahre unseres Lebens mit der Be- oder Verarbeitung irrelevanter Mails verschwenden? Und dass 81 Prozent zugeben, per SMS zu lügen (S. 18)?
Meckels Werk ist dabei mitnichten eine Verteufelung moderner Kommunikationsmittel (sie nennt dies das “Veloziferische“ und “Technoziferische“). An einigen Stellen habe ich mich sogar gefragt, ob das Buch nicht doch eine verschleierte BlackBerry-Werbung ist, taucht diese Marke doch recht inflationär auf. Anscheinend handelt es sich hier jedoch um das Tempo- oder Tesa-Film-Phänomen, bei dem der Markenname zur Bezeichnung für den Gegenstand wird, selbst wenn es sich um Softies oder einen Scotch-Tape handelt. – Vielmehr liefert sie ein Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten, für mehr kommunikative Qualität statt Quantität, für Kommunikationskultur statt Kommunikationskult – und für ein wenig Müßiggang (S. 238 ff.). Das eigentliche Problem sieht sie in dem gesellschaftlichen Druck des Immer-und-überall-erreichbar-sein-Müssens: eine von Arbeitgebern, Politik und Werbung kreierte Suggestion. – “Gestresst zu sein, ist fast zum Statussymbol geworden.“ (S. 112).
Und so zeichnet die Autorin das Bild einer neuen Spezies, des “virtuellen mobilen Ichs“ oder “Homo connectus“ (S. 36), für den sie auch gleich passende Krankheitsbilder parat hat: das “informationelle Sisyphos-Syndrom“ (S. 35), denn wir werden von einem Zuviel an Kommunikation förmlich überrollt und erdrückt. Und das des “Kommunikationssoziopathen“, der in einer intensiveren Beziehung zu seinen vor ihm liegenden mobilen Geräten zu stehen scheint als zu seinem Gesprächspartner ihm gegenüber.
Ein wenig redundant wird "Das Glück der Unerreichbarkeit" lediglich im mittleren Teil, spätestens, wenn zum zweiten Mal von einer Windows-Werbung für mobile Kommunikation am Frankfurter Flughafen berichtet wird. Die Botschaft kommt hier zeitweise mit dem Holzhammer daher – 'Entschleunigung’, 'Off-Schalter’, 'Zeit für sich und für andere’. Allerdings kriegt das Buch wieder die Kurve – sehr unterhaltsam dann auch das Kapitel über 'virtuelles Liebesleben’, den "Ego-Exhibitionismus im Netz“ (S. 220) und Meckels Erlebnisse mit ihrem plötzlich nackten Avatar in Second Life. An vielen Stellen stellt sich dann doch die Frage: "Wo führt das eigentlich hin?"
An vielen Stellen regt "Das Glück der Unerreichbarkeit" dazu an, Gedanken weiterzuspinnen: So diskutiert Meckel beispielsweise den Aspekt der Datensicherheit mobiler und vernetzter Kommunikation. Abgesehen von den beschriebenen technischen Sicherheitsrisiken sollte man, so denke ich, hier auch eine 'zwischenmenschliche Sicherheitslücke' erwähnen: Wer hat nicht schon unfreiwillig Gespräche belauscht, in denen es um Firmendaten, Vertragsdetails oder Mitarbeiterführung ging? Wie viele Firmeninterna werden auf der Straße, im Restaurant, in der Bahn oder am Flughafen einer zufällig präsenten Öffentlichkeit mitgeteilt? Es würde vermutlich Abmahnungen oder Kündigungen hageln, wenn Führungskräfte dies mitbekämen.
Offen bleibt auch die Frage, wie sehr die moderne Kommunikation uns eigentlich zur Unselbstständigkeit erzieht. Früher kannte ich sämtliche Telefonnummern meiner Freunde oder Familie auswendig; heute weiß ich nicht einmal meine eigene oder die Mobilnummer meiner besten Freundin – ist doch alles gespeichert… Und was macht der Autofahrer, dessen GPS ausfällt, auf das er seit seiner Führerscheinprüfung mehr geachtet hat als auf markante Punkte an seinen Wegen? Der nie seinen Orientierungssinn trainiert, weil er sich auf die Technik verlassen hat? Was macht er, wenn die Einparkhilfe defekt ist, ohne die er seit eben jener Prüfung nicht mehr in eine Parklücke gefahren ist?
Dem “Glück der Unerreichbarkeit" wünsche ich viele weiterdenkende Leser. Leser, die ihre Mobiltelefone und BlackBerrys ausschalten, die sich Zeit nehmen, das Gelesene zu reflektieren, bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein, in aller Ruhe und ganz gemütlich auf dem Sofa. Es reicht schon, wenn das Buch es schafft, uns bewusst(er) zu machen, wie sehr wir von der Technik abhängig sind – und dass es zumindest zeitweise auch anders gehen kann. Wir müssen nicht alles mitmachen, was möglich ist. Gesünder ist das auf lange Sicht ganz bestimmt.



