Literatur
Kleinsteuber, Thimm: Reisejournalismus
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- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 29. März 2012 10:18
- Veröffentlicht am Freitag, 13. März 2009 21:37
- Geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg
Hans J. Kleinsteuber, Tanja Thimm, Reisejournalismus – Ein Einführung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008. 348 Seiten. Preis: 29,90 Euro. ISBN 978-3-531-33049-5.
Autorin der Rezension: Ulrike Michels, Mönchengladbach
Frühjahr – während in Berlin die Vertreter der Tourismusbranche zur Internationalen Tourismus-Börse auflaufen, blättern viele Deutsche in Reisekatalogen. Denn es ist an der Zeit, den Sommerurlaub zu buchen. Doch während im Hochglanzkatalog eine Flut an blitzsauberen Hotelanlagen zu finden ist, herrscht bei Informationen zu Land und Leuten häufig Ebbe. So greift der potenzielle Tourist gerne zu den „unabhängigen Reisemedien“ – schließlich vermutet er hier den größeren Wahrheitsgehalt. Ob diese Einschätzung berechtigt ist und welche Schritte ein Journalist von der Idee bis zum fertigen Beitrag durchläuft, beschreibt das Fachbuch „Reisejournalismus – Eine Einführung“.
Nach elf Jahren wurde das Werk überarbeitet und im Verlag für Sozialwissenschaften neu aufgelegt. Hat es sich gelohnt? Ja! Denn auf diesem Gebiet hat sich über die Jahre viel getan: Reisemedien sind digital und multimedial geworden, Touristen reiseerfahrener, Redaktionen dünner besetzt, Web-2.0 die neue Plattform für Bürgerjournalismus, die Tourismus-PR gewachsen.
Herausgeber Hans J. Kleinsteuber und Tanja Thimm bieten in ihrer Einführung eine ausgewogene Mischung aus Theorie und Praxis. Neben dem obligatorischen geschichtlichen Abriss und einer ethischen Betrachtung des Reisejournalismus überzeugt das Buch vor allem durch seine zahlreichen Erfahrungsberichte, Praxisbeispiele und die tiefen Einblicke in Redaktionsabläufe. Gerade diese erleichtern es Einsteigern und Freelancern im Reisejournalismus, aber auch PR-Schaffenden in der Tourismusbranche, die Strukturen und Anforderungen der Redaktionen zu verstehen und sich darauf einzustellen. Auch vermittelt das Buch ein realistisch gezeichnetes Bild des „Traumjobs Reisejournalist“, der alles andere ist als ein immerwährender Abenteuerurlaub auf Redaktionskosten.
Ein Rückgang des Reisejournalismusmarktes um 35 bis 40 Prozent in den letzten Jahren führte zu einer umso größeren Konkurrenz am Arbeitsmarkt, dazu kommt eine Arbeitsbelastung von rund 14- bis 18-Stunden am Tag und eine Vielzahl ethischer Fallstricke – all dies sind Herausforderungen, denen nicht alle Menschen gewachsen sind. Wer Reisejournalist werden möchte, braucht ein dickes Fell. Und einen guten Charakter. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Seiten: Das Bewusstsein um ein besonderes Spannungsfeld zwischen Redaktion, Journalist, PR-Agentur und Reiseveranstalter.
Der Hauptgrund liegt im lieben Geld, denn die Berichterstattung über ferne Welten ist ein teueres Geschäft. Und nur wenige Redaktionen besitzen heute noch die Mittel, um sich eigenfinanziert allen eventuellen Interessenskonflikten zu entziehen. So verlagert sich die Verantwortung der Objektivität immer mehr zu den Akteuren.
Als Einführungswerk ist das Buch teils gezwungen, an der Oberfläche zu bleiben – etwa bei der Kurzbeschreibung der Textformen oder der Frage nach dem richtigen Kamera-Equipment, die mit der Abwägung zwischen digital oder analog auf einer halben Seite abgehandelt wird. Auch hätte das Buch noch stärker auf die Möglichkeiten des Internets eingehen können, statt nur vereinzelt Beispiele vorzustellen.
Dennoch, auf 348 Seiten haben die Autoren eine große Informationsdichte herausgearbeitet. Die vorliegende zweite Auflage des Werkes wird den veränderten Anforderungen des Reisejournalismus gerecht, beleuchtet Status quo und nahe Zukunft des Berufes und vermittelt vor allem ein realistisches Bild des Arbeitsalltags. Darüber hinaus ist das Buch nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Textformen wie Beispielreportagen oder Interviews ein kurzweiliges Lesevergnügen. Man darf sich also schon freuen – auf die dritte Auflage in zehn bis 15 Jahren.
Mönchengladbach, 13. März 2009



