Literatur

Meißelbach: Web 2.0 - Demokratie 3.0? - Demokratische Potentiale des Internets

"Web 2.0 - Demokratie 3.0? - Demokratische Potentiale des Internets" von Christoph Meißelbach. Nomos Verlagsgesellschaft / Edition Reinhard Fischer, Baden-Baden, Dezember 2009. 148 Seiten. Preis: 20,00 Euro. ISBN: 978-3-8329-5115-3
Rezension von Julia Wittwer, 02/2010 Leiterin des Pressebüros des Frankfurter Kunstvereins und Absolventin von PR Plus (www.prplus.de)

"Web 2.0 – Demokratie 3.0? – Demokratische Potentiale des Internets" von Christoph Meißelbach untersucht am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland, wo und in welchem Umfang das Internet bereits heute für Demokratisierungsprozesse eingesetzt wird, welche Potentiale es birgt und wo seiner Anwendung Grenzen gesetzt sind. Das Modell einer „digitalen Demokratie“ – hier verstanden als „Ergänzung der modernen repräsentativen Demokratie, um Prozesse und Strukturen, die durch die Anwendung des Internets umsetzbar sind“ – steht dabei im Mittelpunkt einer differenzierten Analyse. Diese berücksichtigt neben soziologischen und politikwissenschaftlichen auch kommunikations-theoretische Konzepte.

Ausgangspunkt der Analyse ist die Definition des Internets mit seinen systemischen Eigenschaften (Dezentralität, Globalität, Digitalität) und den daraus resultierenden Anwendungsvoraussetzungen. Der Autor präzisiert deren Auswirkungen auf die Online-Kommunikation und kategorisiert die daraus abzuleitenden Informationsfluss-Muster zwischen den Akteuren der modernen „Netzwerkgesellschaft“. Unter Bezugnahme auf Daten der empirischen Internetforschung beschreibt Meißelbach die von sozialen Tatbeständen, wie z.B. Bildungsstand, abhängigen Nutzungsmechanismen des Internets in Deutschland. So kann er schlüssig darlegen, dass die Internetnutzung von einem „medialen Konservatismus“ geprägt ist, der auf der Übertragung des Nutzerverhaltens klassischer massenmedialer Kommunikationskanäle auf das Hybridmedium Internet beruht. Meißelbach macht deutlich, dass das Internet bislang ohnehin hauptsächlich politisch aktive Bevölkerungsteile erreicht. Eine neue politische Öffentlichkeit ist durch die Anwendung des Internets daher laut Meißelbach noch nicht zu beobachten.

Hier sieht der Autor das Zukunftspotential des Modells der digitalen Demokratie. Er schlägt in Anlehnung an die auf sozialer Software basierenden Online-Plattformen – derzeit überwiegend für Beziehungs- und Wissensmanagement genutzt – den Aufbau eines political network durch „politische Software“ vor, die es zur Entwicklung demokratieförderlicher Kulturtechniken des politischen Kommunizierens zu nutzen gilt.

Aufbau einer politischen Öffentlichkeit über political network
Als Beispiel für ein political network zieht der Autor das viel versprechende Konzept eines auf der Entwicklung einer „E-Identity“ basierenden Online-Bürgerportals heran. Über elektronische Verwaltungsfunktionen sowie die Möglichkeit der Durchführung von Online-Wahlen und Online-Referenden hinaus, soll diese partizipatorische Nutzungsmöglichkeiten anbieten.

PR-Praxisnutzen
Das Buch bietet unter PR-relevanten Gesichtspunkten vor allem interessante Einsichten in die Strukturen des Internets. Die Differenzierung in Medium erster Ordnung „GKI“ (globale Kommunikations-Infrastruktur) und darauf aufbauende Medien zweiter Ordnung „D&A“ (Dienste und Anwendungen) sowie die Veranschaulichung der Parameter global ablaufender Informationsflüsse über Hauptdatenstränge „back bones“ und die Einwahlknoten der Provider, hilft ein grundsätzliches Verständnis für die daraus resultierenden Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen der Online-Kommunikation auszubilden. Auch bietet das Kapitel „Internet und Gesellschaft“ einen nützlichen Überblick über die Sozialstruktur der bundesdeutschen Internetnutzer sowie Einsichten in die Evolution des Internets im Zusammenwirken von GKI und D&A und der kommunikativen Verwendung der User.

Leider streift der Autor nur am Rande konkrete Beispiele aus der Praxis wie bestehende Onlineangebote politischer Akteure oder NGOs, um seine Hypothese zumindest in ersten Ansätzen zu verifizieren. Hier wünscht sich der Leser dann auch eine genauere Analyse des angerissenen Beispiels des Schweizer Online-Wahlverfahrens.

Sozialwissenschaftliche Forschungsperspektive
Meißelbach operiert mit einem klassischen aus der Soziologie entlehnten Kommunikationsbegriff, der Kommunikation als soziales Handeln im Sinne Max Webers und in Anlehnung an das Informationsmodell „Sender-Transmitter-Receiver“ von Shannon & Weaver versteht. Aspekte wie Reflexivität und Selektivität im Kommunikationsprozess werden nicht berücksichtigt. Diese sozialwissenschaftliche Perspektive auf den Forschungsgegenstand findet auch in der Anwendung von Begrifflichkeiten wie „netzbasierte Kommunikation“, „Netzöffentlichkeit“ oder den „Many-to-Many“-Kommunikationsmodi Niederschlag und muss bei der Übertragung auf PR-spezifische Problemstellungen kritisch reflektiert werden.

Fazit: Insgesamt ist das vorliegende Buch theorielastig und wenig praxisorientiert für den PR-Alltag. Es bietet aber an vielen Stellen interessante Einblicke in die vielfältigen Anwendungsbereiche des Web 2.0 und verdeutlich dessen Potential für die Entwicklung neuer netzbasierter Teilöffentlichkeiten. Wissensdurstige Nicht-Experten auf dem Gebiet der demokratietheoretischen Diskussion werden zudem beim Betreten dieses Neulands mit reichlich Erkenntnisgewinn entlohnt.

Die Rezensentin: Julia Wittwer ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Frankfurter Kunstvereins, ein internationales Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst. Nach dem Studium der Anthropologie und Kunstgeschichte in Freiburg und Madrid, arbeitete sie nach dem wissenschaftlichen Volontariat als persönliche Referentin des Generaldirektors am UNESCO Weltkulturerbe Völklinger Hütte – Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur und später in der Pressestelle der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Seit 2007 leitet sie das Pressebüro des Frankfurter Kunstvereins und betreute neben der Durchführung des Fernstudiums von PR Plus als freie PR-Beraterin u.a. das Instituto Cervantes Frankfurt.

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