Literatur

Hohlfeld, Müller, Richter, Zacher: Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke?

Ralf Hohlfeld, Philipp Müller, Annekathrin Richter und Franziska Zacher (Hrsg.): „Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke?“. LIT  Verlag, September 2010. 346 Seiten. Preis: 29,90 Euro. ISBN: 978-3-643-10557-8.

Rezension von Christian Enz, Leiter Marketing und Kommunikation der Kreissparkasse Höchstadt/Aisch, Absolvent von PR Plus (www.prplus.de)

Unter der Federführung von Ralf Hohlfeld, dem Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Passau, ist nun Band 1 der „Passauer Schriften zur Kommunikationswissenschaft“ erschienen. Der Sammelband trägt den Titel „Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke?“ und basiert auf Thesen, Befunden und Reflexionen der Medientage Passau, die im November 2009 unter demselben Titel und unter der Leitung der Herausgeber des vorliegenden Buches durchgeführt wurden.

Unter dem Titel „Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke?“ wurden im wissenschaftlichen Teil der Publikation drei thematische Schwerpunkte gebildet: „Journalistenausbildung und Berufsbild“, „Redaktionsorganisation und journalistisches Arbeiten“ sowie „Gesellschaftliche, wirtschaftliche und rechtliche Konsequenzen“. Abgerundet werden diese Fachbeiträge ab Seite 228 durch persönliche Einschätzungen namhafter Praktiker.

Keine Frage, das Internet hat im verstrichenen Jahrzehnt den Alltag unserer Gesellschaft tief greifend verändert, wenn nicht gar revolutioniert. Durch die in Deutschland nahezu flächendeckende Einführung von mobilem Internet und erschwinglicher Endgeräte in Kombination mit sozialen Netzwerken im Web 2.0 hat dieser Trend noch einmal enorm an Dynamik gewonnen. Dabei ist eines klar: Die Zeit, welche Rezipienten zur Nutzung von Medien zur Verfügung steht, ist begrenzt. Ebenso die finanziellen Mittel, welche für Medien eingesetzt werden können. Sowohl auf der Seite der Mediennutzer als auch auf der Seite von Webetreibenden. Die Frage „Wer bleibt auf der Strecke“ ist deshalb nicht nur aktuell, sie ist für eine ganze Branche von essenzieller Bedeutung.

Von so allgemeiner Bedeutung die im Buchtitel aufgeworfene Frage auch ist, so individuell muss sie beantwortet werden – was mit einem solchen Sammelband auf Grund des begrenzten Raumes jedoch kaum möglich ist. Konkrete Lösungsansätze wollen die Verfasser aber auch nicht liefern. Vielmehr wollen Sie einen Überblick geben über den aktuellen Forschungsstand in einer Branche, die sich in der tief greifendsten Veränderung seit Einführung des Buchdruckes durch Guttenberg befindet. Dieses Vorhaben ist sehr gut gelungen, was „Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke?“ gerade für Studenten interessant macht, aber auch für all jene die einen Berufseinstieg im Mediensektor planen und sich Gedanken über die Zukunftschancen einer Zunft machen, die sich selbst zum Schiedsrichter der Demokratie, zum Gralshüter von Recht und Ordnung gemacht hat – und heute in vielen Medienhäusern, Verlagen und Redaktionen nicht mehr viel mehr zu sein scheinen, als eine rechnerische Kostenstelle. Eine Problematik, auf die Hohlfeld in seinem Beitrag dezidiert eingeht – ebenso wie auf strukturelle Änderungen, die zur Degradierung des Berufsfeldes „Journalist“ beigetragen haben, etwa den Monopolverlust. Damit mein Hohlfeld die Tatsache, dass Blogger und Link-Journalisten heute nahezu jede Information, fundiert oder nicht, zu einem in der Breite wahrnehmbaren Thema machen können. Hohlfeld beschränkt sich jedoch nicht darauf, in den Abgesang auf eine tradiertes Berufsfeld einzustimmen – vielmehr zieht er den Rückschluss, dass es an der Zeit ist die Ausbildung von Journalisten auf die neue Situation abzustimmen und so neue Zukunftsperspektiven zu schaffen.

Damit spielt er einen Ball, den Dr. Sonja Kretschmar bereitwillig aufnimmt. Die Vertreterin des Lehrstuhls für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Zeppelin University Friedrichshafen vergleicht Ausbildungs- und Studienmodelle der Vereinigten Staaten mit deutschen Konzepten. Überhaupt wird gern nach Amerika geblickt, will man Zukunftsmodelle für Deutschland entwickeln. Im Bereich Medien und Kommunikation ein durchaus logischer Ansatz, denn die meisten technischen Entwicklungen haben den US-amerikanischen Markt längst erobert, wenn sie in Deutschland eingeführt werden. Elfriede Fürsich liefert mit ihrem Beitrag „Medienkonvergenz als Risiko und Chance“ deshalb nicht nur eine Analyse des Amerikanischen Journalismus, sie entwirft gleichzeitig ein Zukunftsszenario für das Berufsbild Journalist im Jahr 2015. Gabriele Goderbauer-Marchner geht in ihrem Beitrag der Frage nach, ob Qualitätsjournalismus zukunftsfähig ist. Auch wenn ihre Meinung eher vom Selbstbild eines Journalisten als von der wirtschaftlichen Realität geprägt ist, so liefert sie interessante Denkanstöße und Definitionen, die eine gute Basis für Studienarbeiten liefern können.

Einen Einblick in die Arbeitsweise crossmedial aufgestellter Redaktionen bietet die Rubrik „Redaktionsorganisation und journalistisches Arbeiten“. Modelle, wie Konvergenz in Medienhäusern bereits erfolgreich gelebt werden, haben darin ebenso ihren Platz wie Konvergenztheorien. Wohltuend ist zudem, dass Cornelia Wolf das Betrachtungsspektrum auf die Nutzung von mobilen Endgeräten ausdehnt. Damit gelingt es den Herausgebern ein Buch vorzulegen, das sowohl fundiert den Forschungsstand widerspiegelt, aber dank schneller Projektarbeit gleichzeitig nicht auf technische Aktualität verzichten muss. Thematisch eher lose an die Ausrichtung des vorliegenden Buches angebunden sind die Beiträge von Alexander Godulla und Matthias Strobel. Sie beleuchten die Bedeutung von crossmedia für Fotografie und Sportberichterstattung, bleiben dabei jedoch auf deskriptivem Niveau. Dies ist doppelt schade, denn der journalistisch interessierte Leser hätte angesichts der übrigen Beiträge gut auf diese Kapitel verzichten können. Wer speziell an einem der Beiden Themenbereich interessiert ist, der wird jedoch fachlich enttäuscht – und sollte deshalb lieber zu spezieller Fachliteratur greifen.

Der dritte Teil des Buches „Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke?“ ist den Auswirkungen der zuvor aufgearbeiteten Veränderungen gewidmet. Beachtenswert hier ist vor allem die Ausführung von Philipp Müller, der sich mit dem Legitimationsproblem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auseinandersetzt – in einer Zeit, in der die Bürger auch ohne staatliche Einrichtungen über vielfältige Zugangsmöglichkeiten zu Informationen verfügen. Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle auch der Einsatz verschiedener Abbildungen, die sowohl dazu Beitragen das zitierte Zahlenwerk nachzuvollziehen, als auch Anregung geben für Darstellungen in eigenen wissenschaftlichen Arbeiten. Das die Auswirkungen neuer Kommunikationskanäle durchaus auch handwerklicher Art sein können, wird von Cornelia Wolf und Ralf Hohlfeld herausgearbeitet. Die Autoren verglichen Medienangebote aus dem TV mit inhaltsgleichen Angeboten für mobile Endgeräte und liefern damit eine besonders aktuelle Grundlage für weitere Überlegungen. Gleichzeitig unterstreichen Sie die künftige Bedeutung des mobilen Internets, das für sämtliche Kommunikationskampagnen von zentraler Bedeutung sein wird.

Inzwischen verfügen die meisten Medienhäuser über ein crossmediales Angebot. Damit einher geht die Möglichkeit, die unterschiedlichen Kanäle im Sinne der integrierten Kommunikation aufeinander Abzustimmen um Botschaften und werbliche Angebote möglichst schlagkräftig an die Rezipienten zu bringen. Welche rechtlichen Eckpunkte es dabei zu beachten gilt ist Gegenstand der Publikation Franziska Zachers. Wenn gleich es auf den wenigen Seiten nur dazu reicht, einige Denkanstöße zu geben, so handelt es sich doch um ein lohnendes Kapitel, das den Praktiker auf oft vernachlässigte Problematiken hinweist. Die es zu vertiefen lohnt.

Wie eingangs erwähnt finden sich im letzten Abschnitt des Buches Praxisbeiträge, auf die im einzelnen einzugehen hier den Rahmen sprengen würde. Gemein ist ihnen, das sie sich allesamt auf die im wissenschaftlichen Buchteil besprochenen Thesen beziehen und damit in gewisser Weise zur Verifizierung der dort nur rudimentär dargestellten Ansätze beitragen.

Fazit: Der Titel des Buches „Crossmedia. Wer bleibt auf der Strecke?“ weckt große Erwartungen. Die zwangsläufig nicht für jeden Leser erfüllt werden können. Wichtig ist deshalb die Frage nach der Zielgruppe – und diese sind klar Studenten sowie Praktiker, die sich einen ersten Überblick über dieses aktuelle Thema verschaffen wollen. All jenen ist das Werk sehr zu empfehlen, da es alle wesentlichen Probleme andiskutiert und auf unterschiedliche Blickwinkel aufmerksam macht ohne diese erschöpfend zu behandeln und so den Leser zu überfordern. Dank umfangreicher Quellen wird es möglich, zu dem für die eigene Person relevanten Themenbereich schnell vertiefenden Zugang zu finden. Für Spezialisten dürfte der theoretische Tiefgang jedoch nicht ausreichend sein.

Der Rezensent
Christian Enz ist Leiter des Bereiches „Marketing und Kommunikation“ der Kreissparkasse Höchstadt/Aisch sowie Gründer der Agentur Christian Enz - PR. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann absolvierte er das Fernstudium von PR Plus sowie eine Hörfunkausbildung. Inzwischen hat er sich auf die Bereiche Kommunikation für regionale Kreditinstitute und Stiftungen sowie politische PR im kommunalen Umfeld spezialisiert.
Er ist Absolvent des Universitätslehrgangs Communications MSc „PR und Integrierte Kommunikation“ der Donau-Universität Krems in Kooperation mit PR Plus.

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