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Bürgermeister gesucht! Direkte Demokratie, Menschlichkeit und Kommunikationskultur
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- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 29. März 2012 10:18
- Veröffentlicht am Montag, 07. Mai 2007 15:06
- Geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg
von Professor Dr. Helmut Ebert, Berater für Unternehmenskommunikation, www.buergerkommunikation.eu, 59909 Bestwig
Wer ein Bürgermeisteramt anstrebt, weil er in der Lage ist, auf verkehrsgefährdende Weise von Wahlplakaten auf das Wahlvolk herabzuschauen, geht schlechten Zeiten entgegen. Wer glaubt, fehlende persönliche Ausstrahlung und mangelnde Eignung durch Sozialformen funktionärshafter Nichtkommunikation wie Ränkespiel, Kungelei und Intrige kompensieren zu können, der mag in der einen oder anderen Gemeinde erfolgreich sein, sollte aber auf jeden Fall die niederländische Gemeinde Utrecht meiden. Dort wurde im März und April 2007 auf Initiative des Gemeinderats eine Umfrage durchgeführt, um zu ermitteln, welche Eigenschaften und Qualitäten die Utrechter von ihrem zukünftigen Bürgermeister bzw. von ihrer zukünftigen Bürgermeisterin erwarten.
So wünschen sich die Bürger von Utrecht eine Person als Bürgermeister, die über Führungsqualitäten verfügt, die Tatkraft und Charisma hat und die über den Parteien steht. Neben der Unabhängigkeit von Parteien ist den Bürgerinnen und Bürgern wichtig, dass der Bürgermeister für sie erreichbar ist und gut mit Menschen umgehen kann. Ferner soll der Wunschkandidat eine umweltfreundliche Politik machen und in der Lage sein, langfristig und strategisch zu denken und zu planen. Die Person, der die Utrechter vertrauen, sollte stressresistent sein, d.h. auch in Krisensituationen Präsenz und kühlen Kopf zeigen. Außerdem legen die Utrechter Wert darauf, dass der oder die Gesuchte integer und der Stadt verbunden ist. Nicht zuletzt sollte er oder sie ehrgeizige Ziele für die Zukunft von Utrecht haben. Dies sind nur die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage, deutlich wird auf jeden Fall der Wunsch nach Kompetenz, Unabhängigkeit und Nähe („mensenmens“).
Es ist für jede Führungspersönlichkeit wichtig zu wissen, was das Publikum erwartet bzw. was es mag oder nicht mag. Leider fehlt uns – was auch für Impression-Management und CEO-Kommunikation von Nutzen wäre – immer noch eine fundierte Soziologie der Publika. Die Einstellungen, Erwartungen, Bewertungen und Ursache-Wirkungs-Annahmen seines Publikums zu kennen und ernst zu nehmen, ist eine wichtige Voraussetzung für Kommunikationserfolg. Ich selbst habe im Wintersemester 2006/2007 eine kleine Gruppe Studierende danach befragt, welches Gesprächsverhalten von Politikern sie anzieht oder abstößt. Das war freilich keine repräsentative aber doch aufschlussreiche Studie.
Einen abstoßenden Eindruck hinterlassen danach auf junge gebildete Erwachsene Phrasendrescherei, der Gebrauch von Schlagwörtern, Überheblichkeit, Übertreibungen, verbale Angriffe auf den Gegner, Fragen-ausweichendes Verhalten. Wer seine Gesprächspartner unterbricht, kommt ebenfalls nicht gut bei den Studierenden an. Im Gegensatz dazu wurden eine klare und verständliche Sprache, authentisches und glaubwürdiges Auftreten sowie Kompetenz positiv bewertet. Außerdem können Politiker und Politikerinnen Sympathie gewinnen, wenn sie zu ihren Äußerungen stehen, Versprechen einhalten, auf ihre Gesprächspartner und deren Argumente eingehen sowie wenn sie Fehler zugeben können. Es gibt einige Parallelen zwischen der Utrechter Umfrage und der kleinen Innsbrucker Umfrage.
In beiden Fällen steht man dem inszenierten Populismus sehr kritisch gegenüber. Eine Studierende aus Innsbruck bringt es wie folgt auf den Punkt: „Mich stößt es ab, wenn Politiker versuchen, sich im Wahlkampf besonders volksnah zu geben, indem sie mit ihren Wahlkampfhelfern ständig überall auftauchen und Bratwürste, Luftballons oder Kugelschreiber verteilen Solches Handeln scheint mir charakterlos und für eine Demokratie unangemessen, die WählerInnen werden für blöd verkauft, so als ob sie die Inhalte ohnehin nicht verstehen können.“ Die Teilnehmer der niederländischen Umfrage wünschen sich tatkräftige und strategisch denkende Politiker, die - auch nach der Wahl - erreichbar sind, die gut mit den Bürgern umgehen können und die sich viel unter die Einwohner begeben, um direkt zu erfahren, was die Bürger bewegt und wo Handlungsbedarf besteht.
Der Wunsch nach der Fähigkeit, sich ernsthaft und kompetent mit den Standpunkten der Bürger auseinander setzen zu können, ist deutlich. Die auf vordergründige Beeinflussung abzielende und daher lediglich menschelnde Inszenierung von Nähe und Volkstümlichkeit wird abgelehnt. Der Idealtyp des Bürgermeisters, wie ihn die Utrechter wünschen, kulminiert im Begriff „mensenmens“ (‚Menschenmensch’). Ist es ein Zufall, dass die Bürgerinnen und Bürger, direkt und offen befragt, Menschlichkeit (Humanum) einen hohen Wert in der Politik beimessen? Auf jeden Fall geben die Umfragen Anlass, die Schnittmenge von Menschlichkeit und Politik neu zu beschreiben und über Kommunikationskultur in der Politik nachzudenken. Unsere Demokratie lebt von solchen Neubeschreibungen, und Humanität ist eine Wurzel der europäischen gemeinsamen Geschichte.
Das komplette Ergebnis der Umfrage findet man in der Broschüre „Wat voor burgemeester wilt u? Resultaten inwonerenquête profielschets nieuve burgemeester“ (www.utrecht.nl - Abruf vom 3. Mai 2007).
H. Ebert ist Berater für Unternehmenskommunikation und Autor des „Handbuch[s]
Bürgerkommunikation. Moderne Schreibkultur in der Verwaltung. Berlin 2006“.



