Branche
Deutscher PR-Rat missbilligt Aussagen von Professor Merten
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 26. Oktober 2008 um 18:50 Uhr Montag, den 06. Oktober 2008 um 13:26 Uhr
Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) hat sich auf seiner routinemäßigen Sitzung Anfang Oktober mit den Äußerungen von Professor Dr. Klaus Merten anlässlich des "PR-Careers Day 2008" im Juni befasst und den folgenden Beschluss gefasst: "Der DRPR missbilligt scharf und einstimmig Aussagen von Professor Dr. Klaus Merten, Münster, in denen er behauptet, die Profession Public Relations habe insgesamt eine Lizenz zur Täuschung".
Hintergrundinformation: Diese Feststellung hatte Merten unter anderem in seiner Funktion als Gesellschafter des Weiterbildungsinstitutes com+plus am 19. Juni 2008 im Rahmen der Veranstaltung der Universität Münster geäußert. Ebenso in dem von ihm verfassten Papier: "Der gesellschaftliche Bedarf für Täuschung" (2008). Äußerungen wie diese sind dazu geeignet, einer Rufschädigung für die ganze Branche Vorschub zu leisten (siehe Artikel 18 Code de Lisbonne).
Der Deutsche PR-Rat sieht in solchen falschen und verallgemeinernden Äußerungen einen eklatanten Widerspruch zu den wichtigen Berufskodizes Code d'Athènes (Punkt 10), Code de Lisbonne (Art. 3 und 4) sowie den "Sieben Selbstverpflichtungen der DPRG". Dort werden Lügen in der Ausübung von Öffentlichkeitsarbeit sowie die Täuschung von Öffentlichkeiten nachdrücklich ausgeschlossen.
Im vorliegenden Fall kommt erschwerend hinzu, dass Professor Dr. Merten als Mehrheitsgesellschafter und alleiniger Geschäftsführer eines zertifizierten Weiterbildungsinstituts aufgetreten ist. Seine Äußerungen wirken daher in die Ausbildungsinhalte des eigenen Unternehmens hinein und haben dadurch auch besondere Bedeutung für die Weiterbildung der gesamten Branche. Hierzu stellt der DRPR fest, dass Merten seine Thesen, falls seine Aussagen denn lediglich als Thesen in einem Diskussionszusammenhang gemeint waren, nicht ausdrücklich als solche kenntlich gemacht bzw. auch im nachfolgenden, schriftlichen Anhörungsverfahren nicht relativiert hat.
Die scharfe Missbilligung des DRPR wird unanhängig von der vom Grundgesetz garantierten Wissenschaftsfreiheit (Art. 5, Abs. 3 GG) ausgesprochen, die Wissenschaftlern erlaubt, Berufsnormen in ihrer empirischen Wirklichkeit und ihrem normativen Sinn in Frage zu stellen und zu diskutieren.
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Auch im Blog "medienlese" wird das Themsa von Klaus Jarchow kritisch beleuchtet. Hier geht's zum Blog.

geschrieben von Leser , Oktober 07, 2008
geschrieben von O. Jorzik , Oktober 10, 2008
Und eine nicht wahrheitsgemäße Kommunikation führt letztlich immer zu Akzeptanz- und Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit. Damit wirkt sich so ein berufständisches Selbstverständnis auch schnell negativ auf das Geschäftsmodell eines Unternehmens zurück, denn welcher aufgeklärte Kunde will wirklich Waren von diesem Unternehmen kaufen? Meiner Meinung nach kann sich ein PR-Mensch, der das Täuschen und Tarnen zum Kommunikationsprinzip erklärt, nicht dauerhaft halten. Denn woher bezieht er seine Glaubwürdigkeit, wenn nicht aus nachvollziehbaren und belegbaren Argumenten? Von daher ist der Wahrheitsanspruch an Kommunikation weit weniger weltfremd als die Angriffe auf die PR-Kodizes es vermuten lassen. Und wer es nicht glaubt, kann ja einmal den letzten Geschäftsbericht der Hypo Real Estate durchlesen. Da zeigt sich doch wunderbar, was passiert, wenn wünschenswerte und reale Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassen.
geschrieben von anderer Leser , Oktober 10, 2008
geschrieben von Sascha Stoltenow , Oktober 13, 2008
geschrieben von Sascha Stoltenow , Oktober 13, 2008
geschrieben von Chat Atkins , Oktober 14, 2008
geschrieben von Chat Atkins , Oktober 14, 2008
geschrieben von O. Jorzik , Oktober 15, 2008
Der selbtsernannte Normenkritiker sollte sich aber schon die Frage gefallen lassen, welche Normensystem und berufliche Selbstverständnis da zum Ausdruck kommt - vom gewöhnungsbedürftigen Kommunikationsstil einmal abgesehen.
Ich empfehle PR-Beratern, die ihren eigenen Kodizes nicht mehr glauben, zur Entspannung einmal die Lektüre der Landespressegesetze, des Pressekodex oder einzelner Redaktionsstatute. Man kommt recht schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn man sich einmal informiert, wie andere Kommunikationszünfte so arbeiten.
geschrieben von Sascha Stoltenow , Oktober 16, 2008
Was ich mich frage ist aber unter anderem, warum die Äußerungen eines Professor derzeit zum zentralen Arbeitsinhalt des DRPR wird? Beide aktuellen Meldungen des Rats sind diesen gewidmet. Sie scheinen also wichtig zu sein. Warum? Weil es in der Tat um eine grundsätzliche Verständigung über das berufliche Selbstverständnis geht. Genau hier aber reicht mir das Angebot der Verbände nicht aus, und ich begrüße Mertens Initiative, denn im Kern fordert er die Aufklärung der Öffentlichkeit darüber das PR, ebenso wie alle anderen Medienberufe, unter bestimmten Umständen täuschen können, die Rezipienten also nicht alle “für wahr” nehmen sollen.
Das ist eine Aufforderung zu einer tiefergehenden, grundlegenden Diskussion. Dass einige berufsständische Akteure nicht bereit sind, sich darauf einzulassen, sondern stattdessen mit einer Mißbilligung die Diskussion beenden wollen, wirft Fragen auf.
Sind sie dazu intellektuell nicht in der Lage?, Verfolgen sie mit den Angriffen gegen Merten andere Ziele?, oder sind sie tatsächlich überzeugt, die bestehenden Codizes reichten aus, um unter den gegebenen Bedingungen professionell zu kommunizieren?
Gerade letzteres ist mehr als fraglich, und es ist auch nicht weiter verwunderlich, dass sich bislang niemand, der in aktiver Verantwortung für die Kommunikation eines Unternehmens oder einer Organisation steht, hier exponiert hat.
In der Praxis ist nämlich sehr häufig ein Differenzmanagement im Sinne Mertens erforderlich, und man kann es niemandem in verantwortlicher Position raten, sich hierzu anders zu äußern als mit Verweis auf die bestehenden Codizes. Und vielleicht ist genau das der Schlüssel: Weil jeder weiß, dass die Praxis anders ist, sind diese Codizes die eigentliche Lizenz der PR zur Täuschung. Und genau an dieser rüttelt Merten mit aufklärerischem Idealismus.
Er will die Nebel von Avalon teilen und nicht immer nur in die Abtei von Glastonbury reiten (http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Nebel_von_Avalon) - und ich auch nicht.
geschrieben von O. Jorzik , Oktober 16, 2008
-Gerade für jüngere Kollegen, die eine PR-Ausbildung absolvieren und noch am Anfang ihre Berufsweges stehen, haben die Kodizes eine wichtige Orientierungsfunktion, besonders wenn es um das eigene berufliche Selbstverständnis geht. Die Diskussionen, die in der Folge der Täuschungsäußerungen aktuell an PR-Ausbildungsinstituten geführt werden, bewegen sich nach eigener Erfahrung irgendwo zwischen abenteuerlich und hanebüchend. Die Verunsicherung der jungen Kollegen, ist jedenfalls groß.
- Das Negativ-Image unseres Berufsstandes bei Journalisten hat viel mit der Täuschungsabsicht zu tun, die uns PR-Leuten regelmäßig unterstellt wird. Was bedeutet das für uns? Es gibt sicher genug Kollegen, die Irreführung und Täuschung als Teil des Spiels betrachten. Es gibt aber auch Kollegen, für die "Walk as you talk" etwas wichtiger ist. Gerade wenn die Kommunikations- und Organisationsprozesse komplexer werden, ist das „Walk as you talk“ meiner Ansicht nach immer noch die sicherste Basis, um auf glattem Parkett nicht unfreiwillig umzufallen - oder von Medienseite umgestoßen zu werden.
-Im Zeitalter von Web 2.0 wächst die öffentliche Kontrolle von Unternehmen. Die vielfältigen CSR-Bemühungen der Unternehmen zeugen von dem Versuch, nach innen und außen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten und der gesellschaftlichen Anforderung an Unternehmen Rechnung zu tragen. CSR aus Marketinginteressen oder aus Gründen der Imagekosmetik, d.h. CSR, die nicht an die Unternehmenswirklichkeit und die eigenen Geschäftsmodelle angebunden ist, bringt jedoch langfristig nichts. Gerade hier sind Täuschungsversuche oder wie es schön heißt, Differenzmanagement, völlig kontraproduktiv und – im Gegenteil - imagebedrohend.
- Das führt zum letzten Punkt. Seit 20 Jahren wird allerorten gepredigt, dass Imageaufbau und Imagepflege eine der wichtigsten Aufgaben der PR sei. Imageaufbau ohne Vertrauensaufbau ist jedoch schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Leider wird diese enge Verbindungslinie zwischen Image und Vertrauen in vielen Fachdiskussionen immer wieder vernachlässigt. Vertrauensaufbau braucht jedoch glaubwürdige Vertrauensabsender. Ob man diese Glaubwürdigkeit als professioneller Differenzmanager wirklich hinkriegt, möchte ich doch noch einmal in Frage stellen. Wenn es einen direkten Weg in die Kommunikationskrise gibt, dann durch das professionelle Vorgaukeln von Wunschwelten jenseits der Faktenlage. Ich weiß, das viele Auftraggeber das gerne anders sehen würden. Aber als verantwortlicher PR-Mensch muss man doch auf das Risiko von falschen Imagewünschen und -ansprüchen hinweisen. Sie sind es, die letztlich die Fallhöhe bestimmen.
geschrieben von Chat Atkins , Oktober 16, 2008
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