Die DPRG-Spitze entdeckt das Internet - Neues Strategiepapier des Berufsverbandes jetzt schon veraltet
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 08. Juli 2009 um 13:54 Uhr Erstellt am Montag, 29. Juni 2009 um 19:05 Uhr
Mein lieber Branchenverband, dem ich jetzt etliche Jahre die Treue halte, ist doch noch zu Überraschungen in der Lage. So flatterte mir in dieser Woche ein Mitglieds-Newsletter in den Account, in dem mich der neue Bundesgeschäftsführer Michael Kalthoff-Mahnke auf ein Strategiepapier aufmerksam machte, das führende Kommunikationsexperten und Verbandsleute auf einem DPRG-Hearing in Worms entworfen haben. Die zentralen Leitfragen des Strategiepapiers lauteten: „Wie verändern sich die Bedingungen für professionelle Kommunikation? Was sind die herausragenden Entwicklungstrends? Welches Veränderungspotenzial erwächst daraus für die DPRG? Und: Welche konkreten Arbeitsschritte stehen an, um den Verband auf die Zukunft auszurichten?" Das klingt noch nicht sehr aufregend, denn die genannten Fragestellungen sollten bei einem modernen Branchenverband eigentlich selbstverständlicher Teil des Tagesgeschäfts sein - so meinte ich. Das kleine Booklet, das einem Link hinterlegt war, bot dann aber doch Erkenntnisse und Lösungsvorschläge der besonderen Art.
Überholtes Selbstverständnis
So stellen die Wormser-Experten in der Analyse der Umfeldveränderungen für Kommunikation fest: „Der dominanteste Faktor dieser Entwicklung gerade in den letzten beiden Jahren mit den nachhaltigsten Auswirkungen auf das tradierte Kommunikationsverständnis geht mit Sicherheit von den Online-Relations und hier insbesondere vom Web 2.0. aus." Aha, nach mehr als zehn Jahren Online-Kommunikation ist es soweit, die DPRG sucht Anschluss an die Internet-Moderne. Und noch mehr Aha: „Das tradierte Selbstverständnis von PR ist stark von der Medienarbeit als ,Handwerk' geprägt. Es hat sich im Laufe der Zeit um redaktionelle Konzepttätigkeiten aller Art und deren Umsetzung erweitert und die unterschiedlichsten Formen von Beziehungsmanagement (Krisenkommunikation, Events, etc) integriert. Angesichts des Bedeutungsverlustes der medialen Gatekeeper-Funktion, der zunehmenden Bedeutung von neuen Medien, Bewegtbildkommunikation und Medienwandel ist dieses Selbstverständnis perspektivisch allein nicht tragfähig." PR ist also mehr als Medienarbeit? Das kann wohl jeder PR-Schaffende locker bestätigen. Aber reden wir nicht seit 25 Jahren von PR als Management von Kommunikation und sind die Fachdebatten seitdem nicht weit darüber hinausgegangen? Und zeigt sich in dieser doch eher lustlosen Analyse nicht das Selbstverständnis eines Verbandes, der zehn Jahre PR-Entwicklungen verschlafen hat und jetzt aus einer völlig unaufregenden Erkenntnis heraus tatsächlich ein tragfähiges Zukunftskonzept für die eigene Arbeit entwickeln will?
Lösungen von gestern
Und dann kommen Lösungsvorschlage von der Verbandsspitze und den Experten, etwa in der Qualität: „Im Bereich „Online Relations und Social Media" ist es Ziel, einen florierenden Arbeitskreis auf den Weg zu bringen. Darüber hinaus wird eine angemessene Webplattform für den Verband auf den Weg gebracht." Also ein florierender Arbeitskreis zum Thema wird gegründet und der Online-Auftritt relauncht. Und dann? „Ad hoc wird zu den bestehenden Themenschwerpunkten ein zentraler Veranstaltungskalender im Internet erstellt, der alle Aktivitäten von AK, Bundesvorstand und Landesverbänden zu den geplanten inhaltlichen Schwerpunkten und nach Schwerpunktthemen geordnet listet." Und weiter? Nichts! Nur noch ein paar Formulierungen zur Kompetenzentwicklung des Verbandes und das war es.
Lieber DPRG-Vorstand, vor mehr als einem Jahr habt ihr die Losung für das Jubiläumsjahr ausgegeben: „Kommunikation geht weiter!" Dem doppelbödigen „weiter" folgte an konkreten Schritten wenig bis gar nichts. Nach 18 Monaten nun ein Strategiepapier, das zehn Jahre hinter der Entwicklung des fachlichen Know-hows zurückbleibt. Das ist weder eine Attraktion zur Werbung neuer Mitglieder noch macht es den jungen Mitgliedern Mut, dass hier ein zeitgemäßer Berufsverband am Werk ist. Wenn man sich schon verändern will, dann doch bitte auf der Höhe der Zeit. Im ersten Absatz spricht das Strategiepapier davon, dass die Veränderung „die Relevanzsteigerung der PR" und die damit einhergehende „Ausdifferenzierung der Fertigkeiten" nicht zuletzt „brachenspezifisch" getrieben war. Ich hoffe, dieser Verschreiber ist kein böses Omen. Denn was wir bezogen auf unsere eigene Disziplin gar nicht gebrauchen können, ist eine „PR-Bra(n)che", in der man Trends hinterherläuft und in der ein „Bra(n)chenverband" für seine Mitglieder Lösungen von gestern anbietet.
Oliver Jorzik, Berlin

geschrieben von Manfred Godek , Juni 30, 2009
geschrieben von Petra Sammer , Juni 30, 2009
Übrigends war ich nicht bei dem Meeting in Worms dabei und habe auch nicht an dem Papier mitgearbeitet. Wie mein Name in die Liste der "Experten" kommt, ist mir ein Rätsel, das der DPRG-Vorstand noch klären muss. Petra Sammer, Ketchum
geschrieben von Hagolino , Juni 30, 2009
geschrieben von Sascha Stoltenow , Juni 30, 2009
geschrieben von Rosemarie Büschel , Juni 30, 2009
schadet es nicht unserem Berufsstand und letztendlich uns allen, wenn wir so miteinander umgehen? Wer soll uns denn noch ernst nehmen? Keiner von uns ist gottähnlich. Wir machen alle Fehler. Ich finde, dass es viel mehr Möglichkeiten geben sollte, dass wir persönlich miteinander reden (und streiten). Aber Auge in Auge.
Ihre
Rosemarie Büschel
geschrieben von Ulf-Hendrik Schrader , Juni 30, 2009
geschrieben von Michael Kalthoff-Mahnke , Juni 30, 2009
geschrieben von Benedict Rehbein , Juni 30, 2009
Fakt ist: Die DPRG braucht ein paar neue Impulse und ggf. auch neue Unterstützer. Aber ist es nicht ein kleines bisschen wie in der Politik? Kritik ist schneller geübt als aktiv daran gearbeitet wird. Ich würde mir wünschen, dass hier mehr direkt (und nicht über Dritte) kritisiert wird, und das im konstruktiven Sinne. Liebes PR-Journal, macht doch mal ne offene Liste für die nächste BuVo-Wahl, da wäre ich gespannt wer sich drauf setzen lässt... :-)
Benedict Rehbein - pioneer pr
PS: Nicht dass ich das Strategiepapier verteidigen wollte, aber ein Punkt für Frau Büschel: Die offene Diskussion hier ist nicht unbedingt ein Plus für uns Kommunikationsprofis (vor allem im Ton).
geschrieben von Anja F. , Juni 30, 2009
die Auffassung allein "Auge in Auge" würden spannende Diskussionen ausgetragen spricht nicht unbedingt für ein web2.0-Verständnis.
Spannende Diskussionen finden heute eben auch in Kommentaren, auf Twitter und in Foren statt. "Auge in Auge"? Wir sind doch nicht mehr in den 90gern.
geschrieben von Manfred Godek , Juni 30, 2009
geschrieben von Peer Tavori , Juni 30, 2009
Wenn's aber die gesamte Marktrealität anders macht, dann steht man als ernst meinender PR-Berater in der Zwickmühle: Dem Kunden Recht geben oder die Wahrheit sagen und das eigene Geschäft schädigen?
geschrieben von countUP (Arnold Melm) , Juni 30, 2009
Was mich irritiert ist, dass die Diskussionen im Netz viel weiter sind. Partizipation und Dialog sind zwei wichtige Stichworte, die wesentlich für das Internet sind. Spätestens seit dem sogenannten Web 2.0 stehen nicht nur einzelne Dienste, sondern Plattformen bereit, die jedem die Teilhabe sowie Teilnahme am Geschehen im Netz einfach machen. Das kann man dieser Tage sehr schön im Iran sehen.
Warum ist ein Kommunikationsverband so wenig "webzwonullig", wo es doch einige (viele) seiner Mitglieder sind? Das erweckt den Eindruck, als müsse erst erprobt werden, das seit Jahren schon von vielen praktiziert wird. Dabei denkt man bei so einer Haltung eher an Politiker, die sich recht unbeholfen verhalten, wenn es um das Internet geht, aber von einem Kommunikationsverband hätte ich richtungsweisenderes erwartet. Wie positioniert er sich denn, wo die jetzt vorgestellte Strategie bereits in den Neunzigern hätte formuliert worden sein können?
Arnold Melm, PR-Berater (DAPR) aka countUP seit 1994 im Internet aktiv
geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg , Juni 30, 2009
Ein unvoreingenommener Blick ins Internet könnte lehren, wo der Zug hinfährt. Das "PR-Journal" als größtes Online-Medium der Branche ist gerne bereit, die notwendige Sache zu unterstützen.
Auch ich bin sehr für Gespräche. Ich habe nur was gegen Selbstgespräche. Denn ich war immer dialogbereit - keine Gesprächsbereitschaft zeigten jedoch Ihre Auftraggeber, Frau Büschel - die Verbandsfunktionäre. Einige wollen ja bei ihren Tagungen nicht mal die (Branchen-)Presse dabei haben. So ist das halt mit den Splittern in den Augen...
geschrieben von O. Jorzik , Juli 01, 2009
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Das Strategiepapier eines Berufsverbandes sollte meines Erachtens eine tragfähige Positionierung für den Verband hinkriegen, die zeitgemäß ist und auf Augenhöhe mit den täglichen Job-Erfahrungen der Verbandsmitglieder stattfindet. Da ist Web 2.0 ein Kernbereich für „Dialog und Partizipation“, der die DPRG vielleicht auch für Sie interessant machen könnte. Bei vielen Mitgliedern findet die zentrale Identifikation mit dem Verband über die z.T. tolle Arbeit in den Landesgruppen satt. Da wird genetzwerkelt, dort gibt es spannende Diskussionen und fachliche Inputs. Der Bruch findet in der regionalübergreifenden Verbandskommunikation statt und dort gibt es neben ein paar Online-Verlautbarungen auf www.dprg.de kaum Chancen für innerverbandlichen Dialog und die Diskussion in und mit der Fachöffentlichkeit.
Der Kommunikationsmanager, der von der DPRG unter dem Deckmantel eines Verbandsmediums jährlich mit einer stolzen Summe subventioniert ist, kann kein Ersatz für eine moderne Verbandskommunikation sein. Und die Gelder, die ja da sind, wären aus meiner Sicht an anderer Stelle wesentlich sinnvoller aufgehoben. Dazu gehört die Stärkung der Regionalarbeit, die mit teilweise kümmerlichen Budgets auskommen muss, und natürlich an zentraler Stelle das Thema Web 2.0. Über die personale und mediale Außendarstellung des Verbandes bei aktuellen Fachfragen (z.B. DB-Skandal) mag ich da noch gar nicht reden. Da reicht mir der Blick in den jetzigen Online-Pressebereich meines Verbandes. Es gibt also eine Menge Baustellen, aber auch viele Chancen. Ich freue mich weiter über eine kritische Diskussion. Viele Grüße aus Berlin, Oliver Jorzik
geschrieben von Daniel Görs , Juli 01, 2009
schön, dass das Positionspapier zumindest eine rege Diskussion angestoßen hat. In den Kommentaren hier und im Web spiegeln sich viele Kritikpunkte wider, die auch ich hinsichtlich des Papiers hatte und habe. Als DPRG-Vorstand Norddeutschland sowie Initiator & Vorsitzender des DPRG Arbeitskreises Digital Relations//:Social Media sehe ich daher das Papier mit lachendem und weinendem Auge. Fakt ist, dass Praktiker, die sich bereits länger im Web (1.0 und 2.0) tummeln und dort professionell kommunizieren, sicher von einigen Punkten enttäuscht sind – bin ich auch. Aber ich bin halt auch im Job als Leitung Corporate Communications bei Immonet.de „always on“. Das sind aber viele DPRG-Mitglieder und andere PR-Profis noch lange nicht.
So habe ich bei der DPRG Landesgruppe Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland Veranstaltung „Zwitschern für die Unternehmensmarke – wie kann die Unternehmenskommunikation Social Media sinnvoll nutzen?“ die rund 50 Teilnehmer vor Ort gefragt, wer denn einen Twitteraccount hat – und nur rund ein Drittel twittert. Das ist auch in Zeiten der Digital Natives und Digital Relations ein Durchschnittswert, der sicher nicht nur im „Dreiländereck“ die Realität widerspiegelt. Der http://twitter.com/DPRG Account hingegen besteht bereits seit dem letzten Jahr (der Bundespressesprecherverband hat hingegen bis zum Frühjahr 2009 gebraucht). Präsentationen werden auf http://www.scribd.com/DPRG zum Lesen und Download bereitgestellt, auf XING existieren mehrere DPRG-Gruppen wie bspw. http://www.xing.com/net/dprg
Das Schöne wie Üble am „Mitmachnetz“ ist doch, dass niemand den einen „Masterplan“ hat. Das Entscheidende ist doch vielmehr, DASS man überhaupt startet und mitmacht. Und zum Start gehört aus meiner Sicht auch eine Bestandsaufnahme. Dass die DPRG nicht die BITKOM ist, dürfte klar sein. Und dass die DPRG vor allem dezentral über die Landesverbände, Arbeitskreise, Stammtische und sonstigen Veranstaltungen / Engagements wirkt und lebt, sollte auch allen klar sein. Und auch beim Thema Professionalität ist noch „Luft nach Oben“, keine Frage. Rechtschreibfehler und Worthülsen sollten nicht sein. Aber starten muss man irgendwie.
In Zeiten von „Online first“ suchen heute nicht nur Journalisten nach einem digital-adäquaten Selbstverständnis, sondern auch die Kommunikationsmanager und PR-Leute. Auch die DPRG wird weitersuchen, versprochen.
Kollegialen Gruß aus Hamburg
Daniel Görs
geschrieben von Michael Kalthoff-Mahnke , Juli 01, 2009
geschrieben von Sascha Stoltenow , Juli 01, 2009
Ich bin überzeugt, dass die DPRG ein grundsätzlich verändertes Selbstverständnis braucht. Weg vom Dachverband, hin zu einer Vernetzungsplattform, die den inhaltlichen Austausch anregt und fördert. Dieses Selbstverständnis muss sich bspw. auf der Webseite des Verbandes ausdrücken, die vielmehr publizistische Plattform und Sprungstelle zu inhaltlichen Initiativen sein müsste.
Zu diesem veränderten Selbstverständnis gehört auch, dass sowohl die "Funktionäre" als auch wir als Mitglieder uns dort zu Wort melden, wo relevante Themen diskutiert werden. Das kann (muss aber nicht) eine XING-Gruppe sein (Wo ist meine Einladung?), dürfte vermutlich aber stärker durch die aktive Teilnahme am Webdiskurs geprägt sein. Denn: die Webpräsenz der Zukunft ist nicht (nur) der Traffic auf der eigenen Website, sondern die Sichtbarkeit und Relevanz einer Organisation und ihrer Mitglieder im gesamten Netzuniversum.
geschrieben von Sebastian Vesper , Juli 03, 2009
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