Pfeffer & Salz & Senf (Kolumne)
Von Bauruinen, oder: Warum haben wir so viele Dilettanten?
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 08. März 2010 um 17:33 Uhr Freitag, den 26. Februar 2010 um 13:44 Uhr
Nach gut sechs Stunden Flug in die Sonne ist alles doch wie daheim: Ein Besuch in Abu Dhabi und Dubai ist ein Termin mit Bauruinen. Wo es, wie in Abu Dhabi, vor nur fünf Jahrzehnten keine einzige feste Straße, keine Medikamente, keinen Arzt oder gar ein Krankenhaus gab, keinen Strom und kein sauberes Wasser, ist der Crash der Konjunktur besonders deutlich. Viele von außen fertiggestellt wirkende Hochhäuser entpuppen sich von innen betrachtet als kaschierte Rohbauten, Krane „on top" täuschen weitere Bautätigkeit vor, das riesige Dubai-Aquarium leckt und der höchste Wolkenkratzer ist wegen diverser Defekte oben zu. Die Lage im Überblick: schlecht, konfus, auch beängstigend. Wie daheim in Deutschland: Da sind die Bauruinen zwar nicht überall greifbar, doch allgegenwärtig.
Die Koalition in Berlin ist eine solche Bauruine. Die vermeintlichen Macher kombinieren handwerkliche Fehler bei Substanz und Kommunikation zunehmend mit nachhaltiger Demontage des ganzen verharzten Konstrukts. Apropos Konstrukte: Die Stadt Köln versinkt unter weltweiter Aufmerksamkeit im Klüngel von Baugruben und Bauruinen, flutet seine U-Bahn zum „Canale Grande" - hoffentlich fällt nicht auch der Dom noch um. Bilfinger Berger schädigt wohl gerade, ebenso verschwiegen wie global, den Ruf der deutschen Bauwirtschaft.
Eine amtsmüde wirkende Kanzlerin Merkel, das zur Flucht verleitende Steuersystem und der Marketingflop „Rent a Rüttgers" passen ebenso ins Mosaik eines desaströsen Deutschlandbildes wie der zunehmend deplatziert daherschwebende Westerwelle und die ins öffentliche Wegsein verschwundene SPD. Das geschwätzige Hin und Her um die wirtschaftliche und politische Katastrophe am Nürburgring gehört zum Gesamtbild einer paralysierten Republik wie die für jeden Autofahrer fühlbaren nachwinterlichen Schlaglöcher ungeheuren Ausmaßes. Wer pars pro toto derlei Schlaglichter auf die Deutschland zuweisbare, geringe Kompetenzvermutung wirft, der braucht Herrn Öttingers europaweit verlachte Performance-Parodie gar nicht erst zu bemühen.
Man ist sprachlos: Sogar dem lieben Zwanziger und seinem launigen Löw war bei frostigen Finanzverhandlungen die Kommunikationskultur abhanden gekommen. Es wird wirklich Zeit, dass Frühling wird! Klimatisch, konjunkturell und nachhaltig im Umgang mit sich und anderen.
P.S.: Der an der Baustelle Nürburgring jüngst entlassene, lauthals verteufelte und vom Staatsanwalt ins Visier genommene Topmanager dreht seine beruflichen Runden jetzt an der neuen Rennstrecke Abu Dhabi. Die Welt ist wohl doch ein doofes Dorf.
Mathias Scheben, Kommunikationsberater, www.scheben-kom.de

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