Das PR-Interview

PR-Interview Nr. 56 mit Claudia Mast: „Tiefe Skepsis bei Bürgern und Entscheidern“

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Interview mit Professor Dr. Dr. Claudia Mast über den deutschen Wirtschaftsjournalismus und die Notwendigkeit einer neuen Art der Berichterstattung

PR-Journal: Werden Leser, Zuhörer, Zuschauer und User mit der Berichterstattung über Wirtschaftsthemen noch erreicht?

mast claudiaClaudia Mast: Das Interesse an Wirtschaftsthemen ist sehr groß – vielleicht sogar so groß wie noch nie, wie unsere Studie zeigt. Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise, die Debatte um Boni-Zahlungen für Manager, die Eurokrise – es sind Wirtschaftsthemen, die für die Zukunft der Menschen entscheidend sind und sie bewegen. Was mir Sorgen bereitet ist: Es gibt inzwischen eine tiefe Skepsis von Bürgern und Entscheidern gegenüber Politik und Finanzwirtschaft. Viele sprechen der politischen Kaste die Führungsfähigkeit ab und bezweifeln den Veränderungswillen der Finanzwirtschaft. Zwei Studien, die wir an der Universität Hohenheim gemacht haben, belegen diese Skepsis sehr deutlich.

PR-Journal: Aber Krisen hat es früher auch gegeben. Was ist heute anders?

Claudia Mast: Heute misstrauen viele Bürger den Verantwortlichen, dass sie die Krisen im Sinne der Menschen überwinden können. Über die Hälfte der Bürger und Entscheider machen sogar die Politik dafür verantwortlich, die Finanzkrise mit ins Rollen gebracht zu haben und jetzt andere dafür bezahlen zu lassen – nämlich die Steuerzahler. Die Finanzwirtschaft wird sowieso von vielen als zutiefst unmoralisch wahrgenommen. Diese Menschen haben das Grundvertrauen in die Lösungskompetenz der Politik und das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein der Finanzbranche verloren.

PR-Journal: Wie sehen Sie dabei die Rolle der Medien?

Claudia Mast: Auch die Medien laufen Gefahr, dass sich die Kluft zwischen ihnen und den Lesern vergrößert. Schon rund 40 Prozent der Bürger hegen inzwischen ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Medien. Sie sind mit der Berichterstattung unzufrieden, weil die Journalisten in ihren Augen sich zu sehr mit unwichtigen Themen und Nebensächlichkeiten beschäftigen, aber die in ihren Augen entscheidenden Fragen nicht ansprechen.

PR-Journal: Haben die Wirtschaftsjournalisten dieses Misstrauen nicht bemerkt? Warum haben sie nicht reagiert?

Claudia Mast: Nun, dieser Bereich hat sich durchaus verändert. Überspitzt ausdrückt saßen Wirtschaftjournalisten früher im Elfenbeinturm und verfassten unverständliche und blutleere Artikel für Kollegen und Unternehmen. Nach der Jahrtausendwende kam hingegen im Zuge der New Economy ein sehr nutzwertorientierter Journalismus auf, der bis zu konkreten Kaufempfehlungen für Verbraucher und Anleger reichte. Daraus erwuchs aber auch der Vorwurf einer zu großen Nähe zur Finanzbranche. Das kostete Glaubwürdigkeit und Reputation eines sonst sehr angesehen Wirtschaftsjournalismus.

PR-Journal: Und das ist heute nicht mehr angemessen?

Claudia Mast: Richtig. Viele Leser haben genug von simplen Tipps und konstruierten Ratings. Sie wollen Informationen und Unterstützung, um selbst fundierte Entscheidungen fällen zu können. Die Journalisten sollen für sie Entwicklungen der Wirtschaft analysieren und bewerten, um ihnen zu helfen, einen Überblick im Alltag zu gewinnen und sie sollen über die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft und die Auswirkungen wirtschaftlicher Handlungen auf unser Zusammenleben schreiben – das fordern die Bürger. Dazu gehört, z. B. die Eurokrise sachkundig zu erklären und bei politischen Vorschlägen wie dem EURO-Rettungsschirm auch aus der Position des deutschen Steuerzahlers Stellung zu beziehen. Die Menschen wollen spüren, dass Journalisten in ihrem Sinne agieren und Fragen für sie beantworten. Das ist mehr als nur ein Interview mit einem prominenten Wirtschaftsvertreter zu veröffentlichen.

PR-Journal: Ist die Personalisierung von Informationen überhaupt sinnvoll?

Claudia Mast: Grundsätzlich ist die Personalisierung schon ein geeignetes Mittel, um schwierige Themen zu transportieren und Aufmerksamkeit zu gewinnen. Aber: Wenn Personen zu sehr in den Vordergrund rücken, leidet die Sachinformation. Viele sehen nur die Vorteile der Personalisierung von Wirtschaftsthemen – Journalisten, die komplizierte Themen nicht recherchieren und analysieren, dafür lieber den bequemeren Weg gehen und Interviewfragen stellen oder Kommunikationschefs, die ihren CEO mit einem platzierten Interview schmeicheln, das sie voll im Griff haben, weil sie es nur autorisiert freigeben. Dadurch entsteht eine Form von absenderorientierter, öffentlicher Kommunikation, bei der wichtiger ist, „wer“ etwas sagt und „dass“ ein Unternehmen Stellung bezieht, als „was“ genau die Aussage ist. Zudem besteht die Gefahr, dass eine stark an Personen orientierte Berichterstattung als „Show der Eitelkeiten“ wahrgenommen wird. In der jetzigen Situation ziehen die Bürger fundierte Informationen über Ursachen und Zusammenhänge von Ereignissen einfachen – häufig zu einfachen – Manager- und Personengeschichten vor. Das ist ein eindeutiges Ergebnis unserer Studie.

PR-Journal: Was also muss zeitgemäßer Wirtschaftsjournalismus leisten?

Claudia Mast: Wir brauchen einen gesellschaftspolitisch verantwortungsvollen Wirtschaftsjournalismus, der Zusammenhänge zwischen der Wirtschaft, vor allem dem Finanzsystem und der Gesellschaft thematisiert. Der sich aus der betriebswirtschaftlichen Fixierung auf Unternehmen löst und verstärkt volkswirtschaftliche Fragen aufwirft. Die BWL-Sicht ist nur eine Perspektive – aber die des Verbrauchers, Bürgers, Arbeitnehmers und Steuerzahlers eine andere. Und sie ist ebenso wichtig – aus Sicht eines breiten Publikums sogar viel wichtiger.

Professor Dr. Dr. Claudia Mast ist Inhaberin des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim (Stuttgart).

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