Das PR-Interview

PR-Interview Nr. 52: Japan: „Es wird alles so hingenommen“

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Interview mit Stefan Schneider, Leiter Unternehmenskommunikation der Takeda Pharma GmbH und derzeit für zwei Jahre als Director Corporate Communications in der Zentrale des Takeda-Mutterkonzerns in Tokio beschäftigt.

PR-Journal: Wie haben Sie das Beben erlebt, wie die Stunden und Tage danach?

schneider-stefanStefan Schneider: Ich saß gegen 14:45 Uhr Ortszeit in einem Besprechungszimmer mit einem Kollegen, als er mich mitten im Satz unterbrach und sagte: „Earthquake!“ Ich habe mir nichts Schlimmes gedacht, da wir am Mittwoch schon ein leichtes Beben hatten, das alles zum Wanken brachte. Dieses aber wurde schnell heftiger und heftiger, so dass wir uns am Tisch festhalten mussten. Ich stand dann auf, um mich in den Türrahmen zu stellen, wie ich es gelernt hatte. Hielt mich also wankend im Türrahmen fest, mittlerweile war rund eine Minute vergangen. Ich spähte um die Ecke ins Büro meines Chefs und sah, wie der mit Helm unter seinen großen Besprechungstisch kroch. „Gute Idee“, dachte ich mir und bin hinterher. Ohne Helm.

Dort blieb ich auf allen Vieren und erwartete, dass die Decke einstürzte, so schwankte alles. Nach ca. 2,5 Minuten, einer gefühlten Ewigkeit, war’s vorbei. In dieser Zeit gab es zumindest auf unserer Etage keine panischen Schreie etc., alles blieb sehr ruhig. Dann zurück an den Schreibtisch und aufräumen, vieles war umgekippt und runtergefallen. Nach rund zehn Minuten hieß es „Alle raus“ und ab in den nächsten Park, da mit weiteren Nachbeben gerechnet wurde. So war es auch. In dem kleinen Park, umringt von hohen Häusern, kam es dann zu einem heftigen Nachbeben, das die Gebäude um uns herum zum Schwanken brachte. Auf den Handys sah man die ersten Bilder vom Tsunami, ohne die wahren Ausmaße auch nur annähernd erahnen zu können.

Dann ging’s wieder ins Büro, alle waren damit beschäftigt, ihre Angehörigen zu kontaktieren. Handy ging gar nicht, nur Festnetz, auch facebook funktionierte immer. Es folgte eine Lagebesprechung. Da keine Züge oder die Metro fuhren, gab es die Optionen, im Büro zu übernachten oder zu Fuß nach Hause zu marschieren. Das kam für die meisten Kollegen nicht in Frage, da sie sehr weit draußen wohnen. Ich dagegen wohne sehr zentral und habe eine gute Stunde nach Hause gebraucht. Der Weg führte mich vorbei an 200 bis 300 Meter langen Schlangen vor Taxiständen und Bushaltestellen. Noch nie habe ich so viele Menschen auf den Bürgersteigen gesehen, dabei ist Tokio immer voller Menschen.

In meinem Gebäude hat mich dann nur noch die Bergetappe erwartet – zu Fuß in den 30. Stock. Aber dann war alles ok: Strom, Wasser, Gas, alles war da, und nur eine Standbox war umgekippt. Natürlich war das Informationsbedürfnis enorm hoch – bis morgens um vier habe ich vor Laptop und TV verbracht. Als ich dann endlich ins Bett bin, gab es um halb fünf ein heftiges Nachbeben. Im 30. Stock schwankt das sehr, aber fast noch schlimmer sind die Geräusche: Man meint, es wären Leute in der Wohnung, überall ächzt und knarzt es. Samstag war die Stadt vergleichsweise leer, die Brotregale in den Supermärkten komplett ausgeräumt, Wasserflaschen sehr knapp und – man glaubt es nicht – McDonald’s hatte überall geschlossen (keine Brötchen mehr). Abends war ich im Ausgehviertel Roppongi unterwegs – alle Bars und Clubs gähnend leer. Die Leute sind lieber zu Hause vor dem Fernseher geblieben. Schäden waren in der Innenstadt Tokios überhaupt nicht zu sehen. trotz all der Glasfassaden und Baukräne sah alles wie immer aus. Unser Büro bleibt bis einschließlich Mittwoch geschlossen, dann wird entschieden, ob wieder aufgemacht wird.

PR-Journal: Aus welchen Quellen beziehen Sie Ihre Informationen, wie schätzen Sie das Informationsverhalten der japanischen Behörden ein?

Stefan Schneider: Da mein Japanisch sehr schlecht ist, musste ich das meiste aus den ausländischen Medien beziehen: CNN und dem englischsprachigen Dienst des japanischen Senders NHK im TV. Online die Üblichen: Spiegel, SZ, Kölner Stadt-Anzeiger. Auf allen japanischen Sendern kommt seit Freitag rund um die Uhr nichts anderes. Wenn ich das richtig einschätzen kann, ist das aber alles Hofberichterstattung. Da wird die Pressekonferenz des zuständigen Regierungsvertreters übernommen, Fragen zur Situation im Reaktor werden überhaupt keine gestellt, es wird alles so hingenommen, inklusive der Widersprüche und Ungereimtheiten. Das ist eben die japanische Obrigkeitshörigkeit, nach der Autoritäten grundsätzlich nicht in Frage gestellt werden.

Natürlich ist es in gewisser Weise verständlich, dass die Regierung hier keine Panik erzeugen will und deshalb beschwichtigt. Sie wandelt jedoch auf einem schmalen Grat: Ist es schlimmer, als sie es darstellen, oder wird es schlimmer, dann ist das ein nicht wieder gut zu machender Gesichtsverlust. Für Premierminister Kan ist diese Tragödie durchaus eine Chance, an Profil zu gewinnen und von den massiven innenpolitischen Problemen abzulenken. Wenn er hier als halbwegs kompetenter Krisenmanager rauskommt, sitzt er wieder fester im Sattel.

Auch wenn die Informationspolitik nicht so schlecht ist, wie sie von einigen deutschen Medien dargestellt wird: Es ist schon traurig, dass es gerade bei so einem Thema, bei dem es um die Gesundheit von Millionen von Menschen geht, keine objektive Berichterstattung gibt. Aber in erster Linie wollen die Verantwortlichen eine Panik vermeiden. Wo sollen 120 Millionen Japaner denn auch hin? Es gibt für diese Menschenmassen keine machbaren Evakuierungspläne.

PR-Journal: Welche Kommunikationsmaßnahmen müssten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um die Bevölkerung offen zu informieren?

Stefan Schneider: In Gesprächen mit japanischen Freunden zeigt sich, dass viele über die Gefahren radioaktiver Strahlung nicht informiert sind. Tschernobyl kennt hier kaum einer. Für eine Aufklärungs- und Informationskampagne ist es jetzt zu spät. Im TV sagte ein Mann, der aus der Zone um das betroffene AKW evakuiert wurde, dass er die radioaktive Wolke gesehen hätte. Das zeigt, wie wenig selbst die Leute, die in der Nähe wohnen, von der Thematik wissen. Wenn man sieht, welche lange Historie von Störfällen die Betreibergesellschaft hat, wundert man sich, dass es da keine größeren Widerstände oder Proteste in der Bevölkerung gibt.

Aber da sind wir wieder beim „Nicht-in-frage-stellen“ von Autoritäten. Hier zählt das Schicksal des Einzelnen nicht, die Gruppe ist alles. Auffallen, schon recht nicht durch eine von der Norm abweichende Meinung, ist nicht vorgesehen bzw. sozial inakzeptabel. In der Regel findet eine offene Kommunikationspolitik nicht statt. Sie ist auch gar nicht gewollt, mehr noch: Sie wird auch – bisher zumindest – von der Bevölkerung nicht gefordert. Vielleicht setzt ja mit diesem schrecklichen Ereignis ein Wandel ein. Wenn die Menschen merken, dass ihnen diese Art der Informationspolitik im Endeffekt gesundheitlichen Schaden zufügt, sind sie vielleicht bereit, mehr Offenheit zu fordern. Von allein werden die Autoritäten dies nicht tun.

Stefan Schneider ist Leiter Unternehmenskommunikation der Takeda Pharma GmbH und derzeit für zwei Jahre als Director Corporate Communications in der Zentrale des Takeda-Mutterkonzerns in Tokio beschäftigt. Schneider wird Tokio Mitte dieser Woche verlassen und vorübergehend nach Deutschland zurückkehren.

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