Medien

Klassische Unternehmensberichterstattung vor dem Aus? Neuorientierung der Wirtschaftskommunikation

Eine Gemeinschaftsstudie der Universität Hohenheim, Stuttgart und der ING-DiBa AG, Frankfurt am Main offenbart eine hohe Betroffenheit der Bürger durch die Verschuldungs- und Eurokrise. Den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, aber auch den Medien wird Misstrauen entgegen gebracht. Auch mit der Medienberichterstattung über die Krise sind die Bürger sehr unzufrieden. Eine Neuorientierung des Wirtschaftsjournalismus steht an – mit Folgen für die gesamte Wirtschafts- und Unternehmenskommunikation.

Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Verschuldungskrise, Eurokrise – eine Schreckensmeldung jagt die nächste. Ist der Euro noch zu retten? Halten die Staatsfinanzen Deutschlands den ständigen Rettungspaketen stand? Sind die Menschen angesichts dieser vielen Negativmeldungen bereits abgestumpft? Fühlen sie sich überhaupt direkt davon betroffen? Die Ergebnisse der Gemeinschaftsstudie zeigen: Den Bürgern ist klar, dass die aktuellen Probleme rund um Euro und Staatsverschuldung nicht spurlos an Deutschland vorüberziehen werden.

Eine deutliche Mehrheit der Befragten glaubt, dass die Krise uns noch lange beschäftigen wird und ihr Höhepunkt noch nicht überschritten ist. Die tiefgreifenden Auswirkungen werden mehrheitlich erkannt und sowohl für die wirtschaftlichen als auch die sozialen Grundlagen des Zusammenlebens sehr kritisch eingeschätzt. Auch die persönliche Betroffenheit des Einzelnen ist hoch. Die Krise wird keinesfalls nur als Problem der internationalen Finanzmärkte wahrgenommen.

Tragweite erkannt – aber Vertrauen wird zur Mangelware
An Problembewusstsein mangelt es den Deutschen also keineswegs. Und auch nicht an Interesse, denn bei knapp 86 % der Befragten ist das generelle Interesse an Wirtschaftsthemen – also unter anderem an der Verschuldungs- und Eurokrise – mittel bis (sehr) stark ausgeprägt. Erhebliche Defizite zeigen sich jedoch beim Vertrauen. Fast 80 % der Befragten sprechen den Verantwortlichen ab, die Krise unter Kontrolle zu haben. Den Eliten fehlt es insgesamt an Glaubwürdigkeit. Dies betrifft insbesondere die wirtschaftlichen Entscheidungsträger bei Banken und Versicherungen. Aber auch für die Demokratie so zentrale Institutionen wie z. B. der Bundestag, die EU-Kommission und das europäische Parlament hält eine Mehrheit der Deutschen für unglaubwürdig.

Dieses Misstrauen ist tief verwurzelt. Jeder Zweite zeigt sich grundsätzlich unzufrieden, wie die soziale Marktwirtschaft in Deutschland funktioniert. Wenn zentrale demokratische Institutionen wie z. B. die Bundesregierung, Opposition oder der Bundestag bei vielen Bürgern ihr Vertrauen verspielt haben, steckt dann nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das politische System in der Krise? Die Befragungsergebnisse deuten darauf hin. Denn knapp die Hälfte der Bürger ist unzufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie.

Medienberichterstattung über die Krise bekommt schlechte Noten
Die Fragen der Bevölkerung werden von den Politikern also offenbar nicht mehr zufriedenstellend beantwortet. Die Bürger nehmen wahr, kaum Verbündete unter den wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträgern zu haben. Den zentralen Institutionen sprechen sie ab, ihre Interessen zu vertreten. Hinzu kommt, dass sie deren Präsenz in der Medienberichterstattung überdrüssig sind.

Können die Medien in die Bresche springen? Klar ist jedenfalls: Dem Journalismus kommt in der gegenwärtigen Situation eine Schlüsselrolle zu. Die Medien erfüllen eine gesellschaftliche Aufgabe, indem sie die Entwicklungen und Ereignisse der Krise erklären, einordnen und auf diese Weise bei den Bürgern Unsicherheit reduzieren.

Das sind hohe Erwartungen an den Journalismus, denen er – den Ergebnissen der Umfrage zufolge – aber kaum gerecht wird. Die Bürger bewerten die Leistungen der Medienberichterstattung über die Krise als mangelhaft. Mit dem Ausmaß der Berichterstattung über die Euro- und Verschuldungskrise sind die Befragten zwar mehrheitlich zufrieden. Dem Thema wird also die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Allerdings fallen die Ergebnisse hinsichtlich der Bewertung von Medieninhalten ernüchternd aus.

Die Bürger trauen der Berichterstattung über die Krise nicht – und zwar weder den präsentierten Fakten noch den journalistischen Kommentaren. Insofern überrascht es kaum, dass etwa ein Drittel der Befragten mit dem Journalismus grundsätzlich unzufrieden ist. Die hohen Erwartungen und negativen Bewertungen der Bürger machen deutlich, dass sich der Journalismus, allen voran der Wirtschaftsjournalismus, neu orientieren muss. In welche Richtung diese Neuorientierung gehen könnte, haben die vergangenen und aktuellen Finanzkrisen aufgezeigt: Wirtschaft ist eben kein Biotop, das losgelöst von politischen, sozialen und gesellschaftlichen Bezügen funktioniert.

Deshalb ist es notwendig, die komplexen Verflechtungen zu Politik und Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Das gilt auch und gerade für den Wirtschaftsjournalismus. Die Bürger und Entscheidungsträger der Wirtschaft gleichermaßen wünschen sich jedenfalls eine Öffnung der Wirtschaftsberichterstattung, insbesondere für gesellschaftliche und politische Aspekte der unternehmerischen
Tätigkeit.

Eine Gemeinschaftsstudie der Universität Hohenheim (Stuttgart) und der ING-DiBa AG (Frankfurt am Main). Hintergrundinformationen zum Vortrag von Prof. Dr. Claudia Mast auf dem DPRG-Symposium in Stuttgart am 7. Dezember 2011. Die Hintergrundinformationen und Zusammenfassung der Präsentation hier als PDF herunterladen.

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