Norbert: Gerüchte+Gerichte

Gerücht: Lektion für Wirtschaftsjournalisten in griechischer Geschichte

schulz-bruhdoel norbert-58(nsb) Griechenland ist schon einmal bankrott gewesen, vor 118 Jahren. Die damalige Regierung hatte zur Rückzahlung ihrer Kredite, die sie vor allem von Frankreich und England bekommen hatte, ganz auf den hohen Preis für ihr Monopolprodukt gesetzt: Korinthen. Doch als auch die Franzosen und Türken ihre getrockneten Trauben auf den Markt warfen, war Griechenland am Ende. Im Dezember 1893 sprach der Ministerpräsident Charilaos Trikoupis im Parlament die Wahrheit aus: „Leider sind wir pleite!“

Die Regierung hatte bis dahin Staatsanleihen in Höhe von insgesamt 630 Millionen Francs aufgelegt, das Berliner Bankhaus Bleichröder war führend mit von der Partie. Nach der Bankrotterklärung fehlte zunächst jede Idee, wie die Gläubiger ihr Geld zurück bekommen könnten. Als aber Griechenland 1897 einen Krieg gegen das Osmanische Reich verlor, setzten Deutschland, Großbritannien und Frankreich einen Finanzkontrolleur in Athen ein und verlangten von Griechenland, alle Altschulden zurück bis zum Unabhängigkeitskrieg gegen die Türken seit 1823 zu bezahlen. Die Hellenen stotterten ihre Kredite immer noch ab, als 1941 die deutsche Wehrmacht das Land besetzte.

Das sollte wissen, wer Griechenland heute unter internationales Kuratel setzen will, wie die Elite der deutschen Wirtschaftsredakteure es fordert: Kaum ein anderes Land hat mit ausländischen Kommissaren so schlechte Erfahrungen gemacht. Und sind wir ehrlich: So wie am Ende des 19. Jahrhunderts die Bleichröder-Bank und andere Geldhäuser vor allem ans eigene Fell dachten, so dienen auch heute die „Rettungsschirme“ der Sicherheit der Banken und ihrer Anteilseigner.

Wer den Griechen vorwirft, sie hätten eben über ihre Verhältnisse gelebt, ist ziemlich frech. Dumme Regierungen, unfähige Behörden und dreiste Steuerhinterzieher sind nicht „die Griechen“. Deutsche, Franzosen und Briten haben Griechenland unsinnige, aber teure Waffen verkauft und eine der größten Armeen Europas gezüchtet: Sie wussten, dass Griechenland dies nur über Schulden finanzieren konnte.

Und jetzt von allen Menschen in Europa zu fordern, mit ihren Steuern die Löcher überall dort zu stopfen, wo sie gerade entdeckt werden, ist noch frecher. Vor allem, wenn sie mit Gefahren für den Euro begründet wird. Denn der Euro schwankt und wankt nicht, wie die Devisenbörsen belegen. Weshalb also sollten alle Europäer den Gürtel enger schnallen?

Sind unsere Straßen nicht schon marode genug? Wie viel Verwahrlosung sollen unsere Schulen und Hochschulen noch ertragen? Wie viele Schwimmbäder, Sportanlagen, Theater und Büchereien sollen noch schließen? Wie viele Polizisten sollen noch eingespart werden?

Warum traut sich niemand, den Profiteuren der sich wiederholenden Krisen wieder zu nehmen, was sie angehäuft haben? Den Spekulanten in London und New York, die an jeder Börsenaufsicht vorbei immer noch ein „innovatives Finanzprodukt“ erfinden? Den Banken, die ihnen die gierige Kundschaft zutreiben? Den Couponschneidern, die sich über ihre 25 Prozent Kapitalertragssteuer freuen und ihren Geifer über den griechischen Wirt verspritzen, der den einen oder anderen Euro in seiner Steuererklärung vergaß? Den Eigentümern all der wuchtigen Yachten und Traumvillen, die als Griechen und Nichtgriechen die Annehmlichkeiten dieses Landes nutzen?

Langsam, ganz langsam stellen diese Fragen auch die Wirtschaftsredakteure unserer Medien. Jetzt, nachdem selbst ein Warren Buffet oder George Soros die Frage stellen, warum sie eigentlich so geringe Steuern zahlen. Jetzt, wenn vor der New Yorker Börse, in London und Frankfurt die Demonstranten stehen und ein Umdenken fordern.

Staatsüberschuldung und -bankrotte gibt es übrigens, seit Geschichte aufgezeichnet wird. Es gibt Dutzende, nein Hunderte Gelegenheiten nachzulesen, wie die Menschen damit fertig wurden, was gelang und was daneben ging. Die bisherige Berichterstattung und die Kommentare zum aktuellen Fall gleichen einer Bankrotterklärung.

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