Norbert: Gerüchte+Gerichte
Gerücht: Berlusconi, Gaddafi und der große Bluff
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- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 29. März 2012 10:18
- Veröffentlicht am Montag, 14. November 2011 11:32
- Geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg
(nsb) Dem Vernehmen nach haben sie alle aufgeatmet, Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, Barack Obama, als Silvio Berlusconi endlich seinen Rücktritt erklärt hatte. Ähnlich wie einige Wochen zuvor, als Muammar al-Gaddafi sein Leben aushauchte. Beider Haltbarkeitsdatum war schon längst abgelaufen. Der eine hat lange gekämpft und starb elend. Der andere wird noch eine Weile als Zombie kleine Kinder erschrecken. Irgendwann wird ihn eine Überdosis Botox oder Viagra umbringen; dann bekommt er ein Staatsbegräbnis.
Das wirkt irgendwie ungerecht, denn die beiden Freunde vom Süd- und Nordrand des Mittelmeers, der Cavalliere und der Oberst, waren sich recht ähnlich. Der eine putschte sich an die Macht – in einer morsch gewordenen Monarchie. Der andere auch – in einer morsch gewordenen Demokratie, die in fünf Jahrzehnten 46 Regierungen verschlissen hatte. Der eine schrieb ein grünes Büchlein und zwang seinem Land jeden Satz des Geschreibsels als immer geltende Wahrheit auf. Der andere überzog sein Land mit seinen Fernsehprogrammen und machte sich die anderen Kanäle gefügig, bis es nur noch einige wenige Großstadtzeitungen gab, die nicht seine Version der Wahrheit verbreiteten.
Der eine ließ in seinem Land erst gar keine unabhängige Justiz zu und geiferte gegen jedes Gericht im Ausland, das ihm die Drahtzieherschaft für Terroranschläge nachwies. Der andere versuchte immer aufs neue die Gesetze zu seinen Gunsten zu verbiegen, und wenn Gerichte das nicht zuließen, beschimpfte er die Richter als „organisierte Kriminelle“.
Das Privatleben des einen ist weitgehend unbekannt, aber es soll viele Frauen in seinem Land geben, die sich der Gunst des Potentaten erfreuen durften. Der andere machte seinen Spaß an Bunga-Bunga öffentlich; wer seine virile Huld genoss und die richtige Körbchengröße hatte, durfte ernsthaft auf eine politische Karriere hoffen. Der eine sah zum Schluss so aus wie sein Land – wüst und verkommen; der andere wie eine hormongestörte Barbiepuppe.
Beide waren schon lange lächerlich und schädlich für ihr Volk. Alle Regierungschefs ringsum wussten, dass die beiden Greise ihre Länder ausplündern und ins Verderben führen, jeder auf seine Weise. Aber beide hatten einen Verbündeten, der sie fast so sicher schützte wie Siegfried sein Bad im Drachenblut: ihren Reichtum.
Wer reich ist an Geld und Einfluss, an Öl, Gas, Diamanten und seltenen Erden, der hat wenig zu fürchten in dieser Welt. Die Reichen und die Mächtigen halten fest zueinander, solange es eben geht.
Aber nun ging es nicht mehr. Die Reichen dieser Welt brauchen Libyens Öl- und Gasreserven ebenso wie seine strategische Lage, um die unruhigen Völker rundum in Schach zu halten. Und sie brauchen für ein stabiles Europa ein stabiles Italien, das nicht länger von einer Witzblattfigur regiert wird. Beide Länder werden gebraucht als Teile des Schutzwalls, an dem die hungernden, zu den vollen Töpfen Europas drängenden Millionen aus Schwarzafrika abprallen.
Es geht immer um Stabilität, damit die Geschäfte brummen, die Renditen stimmen, das Volk süß träumen kann und die Klappe hält. Despotie, Korruption, Vetternwirtschaft, Diebstahl öffentlichen Eigentums, sogar offenkundiger Wahnsinn und grenzdebiles Lustgreis-Verhalten als Regierungschef: das alles wird geduldet, solange die Statik des großen Bluffs stimmt.


