Norbert: Gerüchte+Gerichte
Gerücht: Si tacuisses …
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- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 29. März 2012 10:18
- Veröffentlicht am Montag, 28. November 2011 18:01
- Geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg
(nsb) Unser deutscher Mann in Brüssel ist schon oft maßlos unterschätzt worden. Günther Oettinger, als EU-Kommissar zuständig für Energiefragen, gilt als seelenloser Buchhalter, politisch erzkonservativ und unflexibel. Den Deutschlehrern hierzulande war er ein Sprachpanscher ersten Ranges, weil er Deutsch nur noch im privaten Rückzugsraum dulden wollte, Englisch sei die Sprache der Zeit. Kürzlich jedoch hat der schwäbische Pfiffikus einen Vorschlag gemacht, der uneingeschränkten Beifall verdiente – aber leider hat er sich schon erledigt.
Oettinger hat als einer von wenigen darauf verzichtet, rund um die Finanz-, Schulden- und Eurokrisen heiße Luft zu verbreiten. Das Gezänk um Eurobonds, Rettungsschirme etc. macht er nicht mit, sondern setzt eine konkrete Idee dagegen, eine Art Marshall-Plan: In Griechenland, Portugal und Spanien könnte die Sonnenenergie eingefangen werden, um dem ganzen Kontinent langfristig die Sorge um seine Energiezukunft zu nehmen. In den Schuldenstaaten errichten in- wie ausländische Investoren große Solaranlagen. Der Pachtzins für einige hundert Quadratkilometer unter südlicher Sonne und teilweise auch die Gewinne aus dem Verkauf der gewonnenen Energie fließen in die Staatshaushalte der Länder, um deren Schulden zu mindern.
Die Idee ist wirklich interessant, weil es erstmals darum gehen könnte, die Milliarden nicht zur Rettung von Banken und Privatvermögen einzusetzen, sondern den Ländern effektiv wieder auf die Beine zu helfen. Wesentliche Elemente des Plans nehmen den Gedanken von „Desertec“ auf, mit dem Unterschied, dass Südeuropa und nicht das instabile Nordafrika als Standort für Solaranlagen in den Blick genommen wird.
Eine erkennbar gute, zumindest diskussionswürdige Sache, sollte man glauben. Der Vorschlag ging vor zwei Wochen kurz durch die Medien, das war’s.
Und Günther Oettinger hat es selbst verschuldet. Wenige Tage später, im Stimmenfang kurz vor dem Volksentscheid über Stuttgart 21, hielt er es für richtig, über den Sinn und Unsinn von Kopfbahnhöfen zu sprechen: „Der Gare de l’Est in Paris ist ein Kopfbahnhof, weil es westlich von Paris keine Menschen mehr gibt, sondern nur noch Kühe und Atlantik.“ Mein Gott, Oettinger!
Er bleibt sich treu bleibt, der brave Mann. Vor einigen Jahren driftete seine Empfehlung fürs Englische in die Bereiche unvergesslicher Fernsehunterhaltung, weil er sich leichtsinnigerweise dabei filmen ließ, als er selbst einen Vortrag in englischer Sprache hielt. Millionen haben das im Fernsehen oder über Youtube miterleben dürfen – nichts war komischer seit Loriot. Der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider bezeichnete Oettingers Rede als „das Grausamste, was man jemals in englischer Sprache auf der nördlichen Erdhalbkugel hören musste.“
Als er noch CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg war und am Grabe seines Vorgängers Hans Filbinger redete, verdarb er’s so gründlich, dass er seine eigenen Worte wenig später „mit dem Ausdruck größten Bedauerns“ zurück nehmen musste.
Warum kann der Mann aus Ditzingen nicht ab und zu mal die Klappe halten? „Westlich von Paris gibt es nur Kühe und Atlantik.“ Die Franzosen können über so viel Unsinn in einem Satz nicht lachen. Die anderen Europäer auch nicht, weil sie gerade erst von einem Parteifreund und Landsmann Oettingers, Volker Kauder aus Singen am Hohentwiel, erfahren haben, dass „in Europa jetzt deutsch gesprochen wird.“ Und die Deutschen bekommen ungute Gefühle, wenn einer der ihren bei den Freunden rundum antideutsche Reflexe auslöst.
So kommt es, dass einer der wenigen guten Gedanken in diesen Krisenzeiten nicht die Aufmerksamkeit findet, die er verdient. Weil der Zwirn fehlt, um die Schwertgöschle zu vernähen.


