Schebens Karriererat

Viel Lärm und dann nichts? Ruhe, bitte!

Frage des Friseurs: "Wie darf ich Ihnen die Haare schneiden?"
Antwort des erfahrenen Klienten: "Am liebsten schweigend."
Was sagt uns das Laute, Lärmende? Welche Botschaft haben Dezibel? Leben wir in der Zeit vor Erfindung und Nutzung gummibereifter Gefährte? Stehen wir vor der Anwendung physikalischer Gesetze zur Schalldämmung, vor der Einführung von Sitte und Anstand?

Das zum Dröhnen aufgemotzte Mopedchen des Pickelgesichts, der röhrende Lotus, Ferrari oder Maserati des tätowierten Goldkettchens, der Paket- oder Einkaufswagen auf Eisenrollen bei Post, Tengelmann oder Aldi, Bobbycars mit Hartplastikrädern in der Fußgängerzone, das Krachkrad im Naturschutzgebiet, die vom Gerüstbauer hingeschmissenen Eisenrohre, der allzu robuste Russe im westlichen Hotelpool, Proletengeschrei in nachmittäglichen TV-Betroffenheitsprogrammen fürs Prekariat, Handygeschwätz in jedwedem öffentlichen Raum, tosend der obendrein auch stinkende und Staub aufwirbelnde Laubbläser im Park oder Hotelgarten  - was will uns der Terror des Alltags sagen?

Geltungsbewusstseinsstörungen hie, Unbedarftheit da, mal mangelndes Interesse am Miteinander oder Heischen nach sinnfreier Aufmerksamkeit. Das Grundgesetz der Straßenverkehrsordnung, nach dem niemand den Anderen mehr als unbedingt nötig zu stören hat oder behindern darf, könnte ins Schulfach "Sozialverhalten" übernommen werden. So ruft der vermeidbare Lärm in täglicher Demo nach konstruktiven Entscheidungen:  Lasst uns Deutschland leiser machen. Die Vorbereitungen können ruhig in aller Stille geschehen. Einer Diskussion bedarf es nicht, die Lust am Leisen ist alternativlos.

Wurde bei der lärmend angekündigten Frauenfußball-WM ein Anfang gemacht? Immerhin waren, aufgeblasener Medienhype hin oder her, keine Fans zu hören, die per Vuvuzelas Luft abgelassen hätten.

Warum ich das im PR-Journal schreibe? Weil Bilder verstehen helfen und ich vermeidbaren Lärm für suboptimal halte, auch in unserem Geschäft. Laute Kampagnen sind selten nachhaltig, weil sie auch zu bewussten Vermeidungsreaktionen oder gar zu Aggressionen führen. Der vorübergehenden Wahrnehmung von Aufgeregtheiten folgt eine gute Wirkung dann nicht. Die Hoch-Zeiten öffentlicher Kampagnen sind dahingegangen. Die besten Momente der unaufgeregten Spin-Doktoren und leisen Kommunikationsmoderatoren liegen erst noch vor uns. Denn zum PR-Erfolg braucht es mehr denn je die Wahrnehmung, die nicht mehr das Wahrnehmen von Aktion und Absicht ist, sondern die Wahrnehmung erwünschter Wirkung. Das hat doch was, überkommende Konzeptmodelle zu kippen.

P.S.: Schweigende Friseure können sich besser aufs Frisieren konzentrieren.

Mathias Scheben, Kommunikationsberater, Rengsdorf, www.scheben-kom.de

 

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