Schebens Karriererat
Salz: Müssen wir alles wissen?
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- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 29. März 2012 10:18
- Veröffentlicht am Samstag, 03. September 2011 23:26
- Geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg
Die Schonzeit für Mediennutzer ist vorbei, das Sommerloch überwunden. Jetzt gibt es wieder Nachrichten aus Deutschland. So erfahren wir, dass zeitnah zur Muhkuh Yvonne auch Kristina Schröder zurückgekehrt ist, aus dem Mutterschaftsurlaub einer nicht näher bekannten Familienministerin. Fußballer Lahm hat ein autobiographisches Buch geschrieben und Lukas Podolski fragt sich, so ein Spaßvogel, über welches Auto.
Das sind die Nachrichten aus Hierzulande, die uns aufmerken lassen. Auch beruflich muss uns Kommunikationsprofis die Not mit wichtigem Neuem berühren: Im Mangel an Dingen aus Deutschland, die die Welt bewegen, haben es zum Beispiel freie Journalisten immer schwerer, Themen im eigenen Land zu finden, die ihre wenigen festangestellten Konkurrenten ihrem Chef nicht schon verkauft hätten. Dann wird zuweilen berichtet, was kaum Bezug zur Wirklichkeit hat, und aufgemotzter Tendenzjournalismus führt in Folge zu Windbruch ohne Wind, zu Aufregungen ohne realen Anlass. Wo es TV-Dokumentationen aus dem echten Leben geben könnte, verschreien sich Laien in gescripteten Doku-Soaps. Wirkliches Leben ist halt langweilig, weil ungescripted: Lieber Pfusch als Phönix. Müssen Pressestellen, PR-Agenturen und PR-Berater jeden Killefit an die Redaktionen mailen und auf der Homepage ihres Auftraggebers posten? Kein Wunder, das mehr und mehr Menschen mit Normalverstand ihre Mediennutzung reduzieren und sich wieder der Wirklichkeit zuwenden – der realen, über den Zeitungs- und Bildschirmrand hinaus.
Gibt’s nicht zu viele Medien, Kanäle, Programme, Formate und bedrucktes Papier für die wenigen deutschen Themen? Die journalistischen Grundfragen („Warum sollen wir darüber berichten?“ und „Warum jetzt?“) werden offenbar in den Stuben kaum noch gestellt, und noch weniger mit kritischer Distanz beantwortet. Müssen die Zeitungen inhaltlich vertwittern und das Fernsehen wie Facebook sein? Wen interessiert wirklich, was an Selbstdarstellung im Netz um die Welt geht? Brauchen wir ein Internet, das uns Ereignisse meldet, während sie sich eventuell ereignen könnten? Dürften Zeitungen nicht dünner werden, wenn die Verleger wüssten, dass weniger mehr ist? Waren das noch Zeiten, als es im Radio und Fernsehen einen Sendeschluss gab, und auf dem Bildschirm ein Testbild. Sind unzählbare Special-Interest-Blätter nichts anderes als Schmalspur-Literatur, die Wahrnehmung blendet und Wirklichkeit ausblendet? Die Überlastung mit Entbehrlichem verstärkt das Cocooning eines jeden von uns. Das erfreut die Pizzadienste und den Möbelhandel, allen anderen droht mentaler Zerfall und uns gemeinsam die gesellschaftliche Katastrophe.
Mathias Scheben, Kommunikationsberater, Rengsdorf, www.scheben-kom.de


