Schebens Karriererat
Senf: Vorsicht, Kalle!
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- Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 29. März 2012 10:18
- Veröffentlicht am Montag, 18. April 2011 18:46
- Geschrieben von Gerhard A. Pfeffer, Siegburg
Ich kenne Kalle nicht, habe ihn nie gesehen. Nur seine rauchige Stimme und das verschleimte, kratzige Lachen kenne ich - durchs Telefon. Ich stelle mir Kalle so Anfang 50 vor, die Haare akkurat mit viel Gel über die kleine Glatze gekämmt, rosa Hemd, schwarzer Kunstfaser-Anzug, zu kurz gebundene Krawatte. Er hat er sich zwar mit vollständigem Namen am Telefon vorgestellt. Gemerkt habe ich mir aber nur, dass ich ihn doch einfach Kalle nennen soll. Er weiß, wie die Welt zwischen PR und Journalismus funktioniert. Sie funktioniert dank ihm.“Kerle, so funktioniert des net.” Auf diese ureigene charmant-schwäbische Art begrüßte er mich gestern Abend am Telefon. “Du bisch no jung, i meins ja gut, pass a mal auf.” Wie könne ich nur so simpel denken und Informationen direkt an Redaktionen schicken? So ein Aufwand, so eine Zeitverschwendung! Seine Verlagsvertretung decke 85 Prozent der Zeitungen in Deutschland ab und 95 Prozent der dort tätigen Redakteure würden nach seiner Pfeife tanzen.
Ich habe den Braten schon lange gerochen, sage ihm, dass komm.passion eine professioniell arbeitende PR-Agentur ist, die Koppelgeschäfte und Schleichwerbung kategorisch ablehnt. Außerdem seien wir definitiv in der Lage, durch gute Inhalte das Interesse bei Journalisten (!) zu wecken.
Gott bewahre, er sei ein strikter Verfechter der Trennung von Redaktion und Werbung, sagt er mir - und lacht. Nie würde er solch ein Angebot unterbreiten. Er wisse doch, dass über Werbeschaltungen der Marketingfuzzi entscheide und außerdem sei er doch ein netter Mensch und wolle nur helfen. Ab sofort solle ich meine Pressemitteilungen gleich direkt und ohne Umweg über die Redaktionen an ihn schicken. Er sorge dann dafür dass darüber ausführlich, gut platziert und natürlich positiv berichtet werde. Dass ich mir den Marketing-Chef mal zur Brust nehmen sollte und ihm erklären möge, dass der fünfzehnprozentige Rückgang der Werbeschaltungen bei ihm im letzen Jahr nur von Nachteil ist. Mit seiner Hilfsbereitschaft habe das aber nichts, rein gar nichts zu tun. Es öffne nur manchmal Türen, sagt Kalle. “Ich will einfach nur was Gutes tun für euch, aber gell, darüber musch ja mit niemandem reden, gell, mir verstehen uns da schon.” Er lacht. Ich lege auf.
Ich denke an zahllose Beiträge im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, an lange Artikel in Nachrichtenmagazinen, wie schlecht die PR-Branche ist, welch geheime Verführer und gewissenlose Manipulateure wir in unserem Berufsstand doch angeblich sind. Kein Wort über Verlagsvertreter. Kein Wort, dass Anrufe á la Kalle oder ähnliche Mails mit unlauteren Angeboten mittlerweile zum Alltag unseres Schaffens gehören. Ich ärgere mich und denke: Vielleicht tue ich heute Abend nichts Gutes mehr, aber reden werde ich - über Kalle.
Patrick Hacker, Düsseldorf am 14. April im komm.passion-Blog "komm.post"


