Reputation Management

Wenn Wirtschaftsverbrechen 'commodity' werden

Carrier IQ: Der Count-Down eines Start-Up. (cw) Große Sprachlosigkeit beziehungsweise Verharmlosungsstrategien bei dem Start-Up-Unternehmen Carrier IQ, San Francisco. Laut Handelsblatt (30.11.) soll das noch junge Unternehmen mittels einer Spionage-Software‚ ‘die Aktivitäten von Millionen Mobilfunkkunden detailliert auswerten‘. Jeder Tastendruck, Aufenthaltsorte, sogar Inhalte von SMS, gehen direkt an Mobilfunkunternehmen und Gerätehersteller entsprechend dem Bericht. Selbst verschlüsselte Inhalte wie Passworteingaben gehören vermutlich zu den gesammelten Daten.

Betroffen sind Anwender der Betriebssysteme Android, Blackberry oder Symbian (Nokia) die auf den weit verbreiteten Smartphones, Tablets und eBookreader großer Anbieter laufen, selbst Apple soll davon betroffen sein. Entsprechend einem Anwender erscheint der unwillkommene heimliche Traffic auch noch auf der monatlichen Mobilfunkrechnung Und wie so oft spielte der Zufall eine Rolle als ein Anwender die im Hintergrund laufende Software entdeckte. Auch wenn Nokia Deutschland umgehend erklärte, deutsche Geräte seien nicht betroffen, die Verunsicherung ist da, sehen doch die meisten Mobilfunk- und Internetanwender ein Restrisiko in der Datensicherheit. Und Betriebssysteme kennen bekanntlich auch keine Ländergrenzen. Datenspionage, zumal in diesem Ausmaß,  zählt eindeutig zu dem Kapitel Wirtschaftsverbrechen und egal wie dieser neuerliche Datenklauskandal endet, für Carrier IQ kann dies das reputative Ende bedeuten bevor das Unternehmen jemals seine Höchstform erreicht hat. Bemerkenswert und häufig beobachtbar in Krisen: die große Sprachlosigkeit aus den Führungsetagen, der Kommunikationsverantwortlichen. Zur Aufklärung und Vertrauensbildung trägt dies jedenfalls nicht bei, zeigt sich doch gerade in der Krise, ob ein Unternehmen hält, was es seinen Stakeholdern verspricht: Transparenz, Offenheit, Verantwortung.

Treffpunkt Gefühlswelten: Habgier, Frustration, Geltungsbewusstsein, ...
Die Risiken von Wirtschaftsverbrechen gehören heute zum Unternehmens-Alltag. Die Täter sind meist in den Unternehmen selbst zu finden oder stehen in einer engeren Beziehung dorthin. Entsprechend einer Studie von PriceWaterhouseCoopers sind 42 Prozent eigene Mitarbeiter, nur knapp ein Drittel sind ‚Angreifer‘ außerhalb des Unternehmens und fast ebenso viele (28%) Taten erfolgen im Zusammenspiel zwischen internen und externen Tätern. 92% sind Männer zwischen 41 und 50 Jahre, die bereits lange im Unternehmen tätig und im mittleren Management zu finden sind mit. In der Regel genießen sie einen hohen internen Vertrauensbonus und geraten erst einmal nicht in die Verdachtslinie. Aber was treibt diese hoch verdienten Manager und Mitarbeiter ihren Bonus zu verspielen? Auch hier hat die PwC-Studie einen Antwort gefunden: fehlendes Unrechtsbewusstsein und berufliche Enttäuschungen sind eine Seite der Medaille, aufwendiger persönlicher Lebensstil und ‚leichte Beute‘ weitere Motive. 44 Prozent nannten gar fehlende Identifikation mit den Zielen des Unternehmens. Fehlende interne Kontrollen ermöglichen selbst-legitimierte ‚kleine‘ fehlerhafte Reisekostenabrechnungen, Bewirtungskosten oder sonstigen Privatausgaben zu geschäftlichen Zwecken. Die Konsequenzen, sobald die Tat ans Licht kommt, unterschätzen viele dabei. Für viele Manager und Mitarbeiter ist diese Selbstbedienungsmentalität bereits zur liebgewonnenen Selbstverständlichkeit geworden. Corporate Governance-Regeln stoßen hier anscheinend an ihre Grenzen. 

Um die Datenspionage bei der Carrier IQ kümmert sich mittlerweile die Datenschutzorganisation Electronic Frontier Foundation, die sich in der Vergangenheit bereits erfolgreich um die Unternehmen Facebook und Google ‚gekümmert‘ haben. Und ob der Start-Up und einzelne Partner nun dazu Stellung beziehen oder sich weiterhin in Schweigen hüllen – die Meinung bilden sich die Stakeholder auch ohne Stellungnahme. Der Countdown auf die eigene Reputation hat bereits begonnen. Quelle und Artikel im "Handelsblatt".

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