Spierling Detlev fr Autor torial com kleinDas Geschäftsprinzip US-amerikanischer ‚sozialer’ Medien läuft nicht nur auf Radikalisierung und Filterblasenbildung hinaus, es beruht darauf. Die massenhafte Verbreitung von Hetze und Desinformationen, die im Sturm auf das US-Kapitol gipfelte, verdeutlichen ihre dysfunktionale Rolle. Auch einige wenige Social Media-„Leuchttürme“ ändern leider nichts daran, dass sie inzwischen eine Gefahr für liberale Demokratien darstellen und dringend reguliert werden müssen.
Detlev Spierling analysiert diese Entwicklung und belegte sie im 1. Teil seines Beitrags im "PR-Journal" mit zahlreichen Beispielen. Im 2. Teil setzt er seine Analyse mit weiteren gravierenden Beispielen fort und geht unter anderem darauf ein, was Europa und die USA gegen diese Fehlentwicklungen unternehmen wollen und was er der Kommunikationsbranche in Bezug auf Social Media empfiehlt.

Facebooks selektive und halbherzige Reaktion auf Desinformationen

Der Berliner„Tagesspiegel“ schrieb am 26. April 2020 unter der Überschrift „Die Infodemie ist ausgebrochen“: „Social-Media-Gigant Facebook ist sich seiner Verantwortung in dieser Krise bewusst. Schon im März [2020] kündigte das Unternehmen im Schulterschluss mit anderen Plattformen wie Twitter, Google oder Youtube an, die Verbreitung von Corona-Falschinformationen zu bekämpfen und ließ den Worten Taten folgen.“

Trotz dieser vollmündig angekündigten Taten sahen sich jedoch Anfang Mai 2020 mehr als 100 Ärzte und Virologen veranlasst, die US-Netzwerkgiganten in einem offenen Brief aufzufordern, entschiedener gegen die Corona-Infodemie vorzugehen wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am 7. Mai 2020 berichtete.

FAZ Ausschnitt Virologen Protest gegen FacebookWie selektive und halbherzig Zuckerbergs Skandalfirma in der Vergangenheit gegen Desinformationen vorgegangen war, belegt auch ein internes Memos von Sophie Zhang, das „Buzzfeed News“ am 14. September 2020 veröffentlichte.

Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin, die als Junior Data-Scientist für das ‚soziale’ Netzwerk gearbeitet und im Rahmen dieser Tätigkeit auch politische Desinformationskampagnen aus aller Welt aufgedeckt hatte, schrieb in ihrem betreffenden Memo wörtlich sie habe „Blut an ihren Händen“. Demnach reagierte Facebook häufig erst viel zu spät auf Desinformationskampagnen aus Entwicklungsländern, die Zhang intern der Unternehmensführung gemeldet hatte. Sie hatte zum Beispiel eine gezielte politische Desinformationskampagne in Honduras aufgedeckt, worauf das Online-Netzwerk erst neun Monate nach ihrer Meldung entsprechend reagiert hätte. „Nach Facebooks Reaktion dauerte es nur zwei Wochen, bis die Kampagne von neuem angeschoben wurde“, schrieb das Online-Magazin „t3n.de“, das den Bericht zusammen mit anderen deutschen Medien wie der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (am 16 September 2020) auch aufgriff.

t3n Ausschnitt SpierlingFake-Follower und Social Media-„Leuchttürme“

Wie anfällig die Social-Media-Plattformen für Manipulationsversuche sind, lässt sich auch noch an der Reichweite und damit der Relevanz von ‚Influencern’ verdeutlichen – ein durchaus wichtiger Aspekt für scheinbar authentischen Akteure, denen schließlich viele ‚Digital Natives’ teilweise mehr trauen als traditionellen Medien. In seinem Erklärvideo “Fake it 'til you make it“, das auf YouTube abrufbar ist, erläutert das Schweizer Fernsehen (‚SRF Virus’) dieses gerne übersehene oder einfach hingenommene Problem am Beispiel von gekauften Instagram-Fake-Followern. Trotz des schweizerdeutschen Dialekts und der schnell sprechenden Moderatorin ist der kurze Aufklärungsfilm informativ und sehenswert – zumal er auch noch einen gewissen Unterhaltungswert hat.

In seinem Autorenbeitrag vom 18. Januar schreibt Sebastian Callies: „Trotz der massiven Probleme darf der positive Nutzen der Netzwerke nicht unterschlagen werden.“ Ja – natürlich gibt es auch einige Social Media-„Leuchttürme“. In diese Kategorie gehört für mich zweifellos Mai Thi Nguyen-Kim, die vor allem durch ihren YouTube-Kanal „maiLab“ mit 1,13 Millionen Abonnenten bekannt geworden ist und auch schon einmal von der Bundeskanzlerin zitiert wird. Die deutsche Wissenschaftsjournalistin, deren Eltern aus Vietnam stammen, erhielt im letzten Jahr den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und wurde vom Branchenmagazin „medium magazin“ unlängst zur „Journalistin des Jahres“ gekürt – vollkommen zu Recht, finde ich!

Medium Magazin Cover SpierlingAber machen wir uns nichts vor: das sind doch (leider) die ganz großen Ausnahmen! Schon in den 1990er Jahren sagte der deutsch-US-amerikanische Informatiker sowie Wissenschafts- und Gesellschaftskritiker Joseph Weizenbaum (* 1923, † 5. März 2008) so treffend: „Das Internet ist wie ein großer Misthaufen mit einigen wenigen Perlen darin.“ Daran hat sich bis heute leider nichts geändert – vor allem durch den Social-Media-Hype, den ein Branchenfachmagazin schon vor über zehn Jahren in einer Überschrift als „Die Inflation der Billigkommunikation“ bezeichnet hatte.

Grenzen für Digitalkonzerne werden immer nötiger

Mit ihrer Ende letzten Jahres vorgestellten Gesetzesinitiative ‚Digital Services Acts’ will die EU-Kommission insbesondere die Angebote der Social-Media-Plattformen und -Dienste in der Europäischen Union regulieren und damit die schon lange veralte Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr aus dem Jahr 2000 aktualisieren beziehungsweise ablösen. Hierzu fordert die NGO „algorithmwatch.org“ in einem interessanten Beitrag vom 9. Dezember 2020: „Wenn Internet-Plattformen rechenschaftspflichtig sein sollen, muss das neue Gesetz Journalist·innen und Forscher·innen Zugang zu Daten ermöglichen, damit diese die Algorithmen analysieren können, die den Inhalt auf den Bildschirmen der Nutzer·innen steuern“. In dem Online-Beitrag ist auch ein Podcast mit Auszügen aus einer Rede der EU-Kommissarin für Wettbewerb, Margrethe Vestager, aus einem Webinar bei ‚AlgorithmWatch’ abrufbar.

"Die EU-Kommission knöpft sich die IT-Riesen vor. Am Ende könnte ein anderes Internet stehen," schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (paid) am 23. Dezember 2020: „In den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union hat der bisher schärfste Versuch begonnen, Einfluss, Einkommen und Erfolg von in der Geschichte der Menschheit einzigartigen Digitalkonzernen zu begrenzen. Gerichte und Gesetzgeber sollen die Macht im Mitmachinternet umfangreich umverteilen. Dies könnte dereinst sogar zum Ende des World Wide Web in seiner heutigen Form führen“.

Das betrifft natürlich auch den De-facto-Monopolisten Alphabet/Google, gegen den der weltweite Widerstand genauso zunimmt, ob von Kartellbehörden oder aus der Wirtschaft. Auch Verlage wehren sich gegen die Vereinnahmungsversuche des Unternehmens. So befürchtet etwa Andreas Häuptli, Geschäftsführer des Verlegerverbandes Schweizer Medien, der Suchgigant entziehe Website-Betreibern die Lebensgrundlage. „Google spielt sich jetzt auch noch als Chefredakteur des www auf“, kritisierte er laut „newsroom.de“ vom 27. November 2020: „Der Tech-Gigant entscheidet mit welchen Medienhäusern zusammengearbeitet wird und damit auch, wer für seine Inhalte Geld erhält. Google gibt damit seine Neutralität auf.“ Nun wolle Google die Medienwelt spalten und „den Widerstand gegen das in der EU beschlossene, aber bisher – aufgrund des Widerstands von Google – noch kaum umgesetzte Leistungsschutzrecht, zu brechen,“ sagte Häuptli.

„Google und Facebook: Der wilde Plattformkapitalismus geht zu Ende“, vermutete gar die „Süddeutsche Zeitung“ am 19. Dezember 2020. Ob dieses Ende nun wirklich so kommen wird, bleibt abzuwarten. Neben der überfällig gewordenen Regulierung halte ich aber auch einen deutlich reflektierteren Umgang unserer Branche mit diesen Kommunikationskanälen für dringend geboten. Statt weiter mehr oder weniger unkritisch jedem neuen Social-Media-Hype hinterherzulaufen und diesen dadurch auch noch zu befeuern (Stichworte: Clubhouse und TikTok), sollten wir uns lieber wieder stärker auf die klassischen (Qualitäts-)Medien fokussieren. Denn nicht umsonst werden diese wegen ihrer wichtigen Funktion für die Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert allgemein als „vierte Gewalt“ bezeichnet. Und wie erfolgreich und relevant Zeitungen mit ihren seriösen Online-Angeboten ja inzwischen sind, haben sie vielfach bewiesen – genauso wie ihre ebenso wichtige Konkurrenz der öffentlich-rechtlichen TV- und Radio-Sender.

Über den Autor: Detlev Spierling arbeitet seit 2002 als freier Fachjournalist für IT-Fachmedien sowie für ITK-Unternehmen. Zur Zeit arbeitet Spierling an einem Sachbuch über ‚Digitale Souveränität’, das inhaltlich auf diesem Beitrag aufbaut. Vor seiner Selbstständigkeit war er als Pressesprecher und PR-Leiter eines früheren Online-Dienstes sowie als Print- und Online-Redakteur für ein B2B-Magazin tätig.

Teil 1 seines Beitrags erschien in der Vorwoche am 29. Januar 2021.


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