Interviews & Debatten Nils Giese „Die deutsche Kompromisskultur macht gerade Pause“
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- von Joris Duffner, Dortmund
Vertrauen bleibt gering, gesellschaftliche Lager entkoppeln sich und der Glaube an die Zukunft erreicht einen historischen Tiefpunkt. So lautet das Fazit des Edelman Trust Barometers für Deutschland. Warum sich Menschen in abgeschottete Gruppen zurückziehen, wie die deutsche Kompromisskultur darunter leidet und welche Aufgabe Unternehmen als „Trust Broker“ übernehmen könnten, erklärt Nils Giese, CEO von Edelman Deutschland, im Interview. Ein Gespräch über Pessimismus, Verantwortung – und die neue Rolle der Kommunikation.
PR-Journal: Herr Giese, die deutschen Ergebnisse des Edelman Trust Barometers zeichnen kein positives Bild. Der Trust Index für Deutschland liegt mit 44% weiterhin im unteren Bereich. 81% der Deutschen sind zögerlich oder unwillig, Menschen zu vertrauen, die sich hinsichtlich Werten, Informationsquellen oder kulturellem Hintergrund von ihnen unterscheiden. Die Deutschen ziehen sich in insulare, abgeschottete Gruppen zurück. Warum ist das Vertrauen in Deutschland im globalen Vergleich so niedrig, und wer ist dafür verantwortlich?
Nils Giese: Den Schwarzen Peter kann man leider nicht nur einer Institution zuschieben. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem in den meisten etablierten Demokratien, welches alle Institutionen – Regierung, Wirtschaft, Medien, NGOs – durchzieht. In Schwellenländern und Ländern mit stärker kontrollierten Informationsräumen ist das Vertrauen oft höher, da die wirtschaftliche Entwicklung positiver wahrgenommen wird und die Narrative oft weniger fragmentiert sind. In offenen Gesellschaften hingegen entstehen durch Meinungsvielfalt mehr Reibung – das ist demokratisch wertvoll, macht Vertrauen aber komplexer.
Parteien und politische Akteure sprechen oft primär ihre eigene Bubble an.
PRJ: Sie machen also nicht vor allem die Politik und damit die politische Kommunikation verantwortlich?
Giese: Nein, nicht vor allem. Aber die Politik ist mitverantwortlich. Nur 42 Prozent der Deutschen vertrauen der Politik – deutlich unter dem globalen Durchschnitt. Das Vertrauen ist leicht gestiegen, aber strukturell bleibt die Herausforderung. Das Kernproblem heißt auch hier Insularität. Parteien und politische Akteure sprechen oft primär ihre eigene Bubble an. Mobilisierung ersetzt Vermittlung. Und wer sich nicht angesprochen fühlt, verliert Vertrauen. Vertrauen entsteht nicht durch Tonalität allein, sondern durch nachvollziehbares Handeln. Auch unpopuläre Entscheidungen können Vertrauen stärken, wenn sie transparent und konsistent sind.
PRJ: Das Trust Barometer zeigt hierzulande auch eine stärkere Verbindung zwischen Einkommen und Vertrauen. Bedeutet eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich automatisch mehr Misstrauen und Insularität?
Giese: Ja, die Daten zeigen einen direkten Zusammenhang: Höheres Einkommen korreliert durchweg mit höherem Vertrauen in alle Institutionen, während niedriges Einkommen mit niedrigem Vertrauen einhergeht. Dieser Effekt ist in Deutschland besonders ausgeprägt, auch wenn er in den USA noch stärker ist.
PRJ: In Deutschland glauben nur 8% der Menschen an eine bessere Zukunft. Ist nicht dieser gravierende Pessimismus das Kernproblem hierzulande, das alles andere überschattet?
Giese: Absolut, diese Zahl ist die erschreckendste des Berichts. Deutschland war noch nie ein besonders optimistisches Land. Der momentane Pessimismus ist jedoch direkt auf das schwindendende wirtschaftliche Urvertrauen zurückzuführen. Früher stützte ein stetiges Wirtschaftswachstum den Optimismus. Heute sind globale Krisen und wirtschaftliche Ängste vor Rezession oder Arbeitsplatzverlust bis in den eigenen Vorgarten spürbar und verstärken die pessimistische Grundhaltung nochmals. Wir sehen eine deutliche Verunsicherung und einen ausgeprägten Zukunftspessimismus. Entscheidend ist jetzt, wieder wirtschaftliche Perspektiven zu eröffnen und Menschen konkrete Gestaltungsmöglichkeiten zu geben.
Es ist entscheidend, die deutsche Kompromisskultur wiederzubeleben, um Vertrauen zurückzugewinnen.
PRJ: Deutschland war immer bekannt für seine Fähigkeit, ausgleichende Lösungen und Kompromisse zu finden – zwischen Parteien, Verbänden, Unternehmen, Gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen Gruppen. Hat der Rückgang des Vertrauens das Ende der deutschen Kompromisskultur eingeläutet?
Giese: Mir scheint, die deutsche Kompromisskultur macht gerade Pause. Diese Kultur, die auf Zuhören und dem Zulassen anderer Perspektiven basiert, hat unser Land stark gemacht. Die zunehmende Fragmentierung des politischen Systems erschwert den Austausch zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen – Dialogräume werden kleiner, die Kompromissfähigkeit nimmt ab. Es ist entscheidend, diese Kultur wiederzubeleben, um Vertrauen zurückzugewinnen.
PRJ: Das Vertrauen in den eigenen Arbeitgeber ist mit 74 % noch sehr hoch. Einerseits ein positives Zeichen für Unternehmen, andererseits auch eine große Verantwortung für die Führungsebene und speziell die Kommunikator:innen. Sie schlagen das Konzept des „Trust Brokering“ vor, mit dem Arbeitgeber als ausgleichende Instanzen agieren könnten. Was bedeutet das konkret für die Unternehmenskommunikation? Betrifft „Trust Brokering“ eher die interne oder auch die externe Kommunikation?
Giese: "Trust Brokering" ist ein übergeordnetes Konzept, das auf Zuhören und Empathie statt auf Senden, Überreden und Verändern basiert. Trust Brokering ist keine alleinige Kommunikationsdisziplin, sondern eine Führungsaufgabe – und ein zentraler Hebel für organisationale Leistungsfähigkeit in einer fragmentierten Gesellschaft. Es geht darum, intern eine Unternehmenskultur zu schaffen, in der sich Mitarbeiter gehört fühlen und einbringen können. Die Kommunikation muss Räume schaffen, in denen auch unterschiedlich denkende Mitarbeiter in Projekten zusammenarbeiten, um Spaltungen zu überwinden. Führungskräfte bis hin zum CEO müssen diese Kultur vorleben.
Extern muss Unternehmenskommunikation zur Aktion werden – ganz nach dem Motto "Action earns trust". Vertrauen entsteht lokal. Unternehmen müssen im direkten Umfeld konkret handeln und gesellschaftlichen Nutzen stiften, um zu beweisen, dass sie nicht nur reden, sondern auch handeln. Es geht darum, neben der reinen Produktfähigkeit auch Verlässlichkeit, Integrität und gesellschaftlichen Nutzen erlebbar zu machen. Eine ehrliche, transparente Kommunikation, die auch unbequeme Wahrheiten nicht scheut, ist dabei essenziell.
Kommunikation muss als Brückenbauer im Ozean der Abschottungsinseln fungieren.
PRJ: Heißt das, Kommunikationsverantwortliche müssen heute eher Moderator:innen als klassische Pressesprecher:innen sein?
Giese: Richtig. Kommunikation ist keine Sende-, sondern eine Dialogfunktion und eine Führungsrolle. Der Kommunikator wird zum Vermittler zwischen den verschiedenen insularen Gruppen. Die Struktur wandelt sich von einer vertikalen Top-down-Kommunikation zu einer horizontalen Funktion, bei der es keine klaren Sender und Empfänger mehr gibt, da jeder beides ist. Kommunikation muss als Brückenbauer im Ozean der Abschottungsinseln fungieren.
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