Interviews & Debatten VSDI-Geschäftsführerin Lina Crusius „Wenn niemand die Wallet kennt, wird sie niemand nutzen“

Die EUDI-Wallet soll Bürger:innen künftig ermöglichen, digitale Identitätsnachweise europaweit zu nutzen. Lina Crusius, Geschäftsführerin des Verbands Sichere Digitale Identität e.V. (VSDI), erklärt, warum es dabei nicht nur um einen digitalen Ausweis geht, weshalb Vertrauen zur zentralen Kommunikationsaufgabe wird und welche Auswirkungen auch die Kommunikationsbranche schon jetzt mitdenken sollte. Ihr Appell an die Politik: Eine zentral gesteuerte Kampagne sollte die Einführung begleiten.

Lina Crusius appelliert an die Politik: Eine zentral gesteuerte Kommunikationskampagne sollte die Einführung der EUDI-Wallet begleiten. (Foto: privat)

PR-Journal: Frau Crusius, die EUDI-Wallet wird oft als digitaler Ausweis erklärt. Ist das zu kurz gedacht?

Lina Crusius: Ja, definitiv. Die EUDI-Wallet ist zwar auch ein digitaler Ausweis, aber sie ist viel mehr. Man kann sie sich eher wie eine digitale Brieftasche vorstellen: mit Personalausweis, Führerschein, Mitgliedsausweisen oder anderen Nachweisen. Die Wallet ersetzt perspektivisch auch den Ordner im Schrank, auf dem „Wichtig“ steht: Geburtsurkunden, Zeugnisse, Diplome – selten gebraucht, aber dann sehr wichtig.

PRJ: Wo liegt der Unterschied zu bisherigen digitalen Identitätssystemen?

Crusius: Bisher war es jedem europäischen Land freigestellt, ob es ein digitales Identitätssystem einführen möchte oder nicht. Deutschland hat das mit der eID gemacht, aber viele andere Länder nicht. Daher wurde die eIDAS-Verordnung 2024 novelliert und alle EU-Mitgliedstaaten verpflichtet, ein digitales Identitätssystem mit EUDI-Wallet einzuführen. Ob ich in Berlin oder Barcelona eine Wohnung miete, ein Bankkonto eröffne oder einen Nachweis erbringe: Meine digitale Identität soll grenzüberschreitend funktionieren.

PRJ: Viele Menschen dürften bei digitalen Identitäten sofort an Kontrolle, Überwachung oder Datensammlung denken. Ist Vertrauen damit die eigentliche kommunikative Schlüsselaufgabe?

Crusius: Vertrauen ist auf jeden Fall zentral. Deshalb muss man sehr klar erklären, was die Wallet ist – und was sie nicht ist. Sie ist nicht dafür da, möglichst viele Daten über Menschen zu sammeln. Im Gegenteil: Sie soll Menschen mehr Kontrolle über ihre eigenen Daten geben.

Der eigentliche Paradigmenwechsel ist nicht: Der Ausweis kommt aufs Smartphone. Sondern: Ich muss nicht mehr ein ganzes Dokument weitergeben, wenn ich nur eine einzelne Information nachweisen will. Wenn ich einen Hochschulabschluss belegen soll, scanne ich heute oft mein gesamtes Zeugnis und verschicke es per E-Mail. Dann gebe ich alle Noten, alle Nebenfächer, das ganze Dokument preis. Mit der Wallet kann ich dagegen nachweisen: Ich habe einen Hochschulabschluss. Mehr nicht.

Ich vergleiche das auch gerne mit einem Schlüsselbund. Wenn ich jemanden bitte, im Urlaub meinen Briefkasten zu leeren, gebe ich dieser Person ja auch nicht meinen kompletten Schlüsselbund. Genau darum geht es: Ich entscheide, welchen Nachweis ich gebe.

PRJ: Warum sollte man sich aus Kommunikationssicht schon jetzt mit der EUDI-Wallet beschäftigen, obwohl viele Anwendungen noch nicht ausgerollt sind?

Crusius: Gerade weil noch nicht alles fertig ist, ist jetzt ein sehr guter Moment, um einzusteigen. Die Wallet wird kommen, und sie wird uns alle beschäftigen. Deshalb sollten Organisationen jetzt überlegen, wo sie die Wallet in eigene Prozesse einbinden können und was das für ihre Kommunikation bedeutet.

Der Nutzen wächst mit den Netzwerkeffekten: Je mehr Dienste eingebunden sind, desto mehr Menschen nutzen die Wallet. Und je mehr Menschen sie nutzen, desto attraktiver wird sie wiederum für weitere Dienste. Auch Digitalminister Karsten Wildberger hat auf mehreren Veranstaltungen gesagt, die EUDI-Wallet sei das wichtigste Digitalprojekt dieses Jahres. Gleichzeitig war sie laut Bitkom im Frühjahr mehr als der Hälfte der Deutschen völlig unbekannt. Das zeigt: Wir haben hier nicht nur ein Digitalprojekt, sondern ein großes Kommunikationsthema.

PRJ: Die Online-Ausweisfunktion der eID galt technisch lange als gute Lösung, wurde aber kaum genutzt. Was darf sich bei der EUDI-Wallet kommunikativ nicht wiederholen?

Crusius: Richtig, auf Fachkonferenzen zur EUDI-Wallet fällt fast immer der Vergleich zur eID. Die Online-Ausweisfunktion wurde 2010 eingeführt, aber damals hat man weitgehend auf Launch-Kommunikation verzichtet. Die Funktion war da, aber viele Menschen wussten nicht, was sie damit anfangen sollten. Man saß im Bürgerbüro, wurde gefragt: „Wollen Sie das freischalten?“ Und viele haben gesagt: „Weiß nicht.“ Dann wurde es eben nicht gemacht. Natürlich gab es damals auch wenige Anwendungen. Aber fehlende Kommunikation war ein riesiger Stolperstein.

Bei der EUDI-Wallet haben wir eine bessere Ausgangslage. Aus meiner Sicht muss man sehr früh auf echte, konkrete Anwendungsfälle setzen. Menschen müssen verstehen: Das ist kein abstraktes Digitalprojekt, sondern etwas, das ein Problem in meinem Alltag löst. Ein Beispiel ist der Mietwagen im Urlaub. Heute steht man am Schalter, jemand nimmt den Führerschein, kopiert ihn, heftet ihn ab. Künftig könnte ich online buchen, mich vorab mit der EUDI-Wallet ausweisen und am Schalter direkt durchgehen. Wer einmal drei Stunden in einer Mietwagenschlange gestanden hat, versteht den Nutzen sofort. Solche Beispiele muss die Kommunikation aufgreifen.

PRJ: Ist denn eine größere Einführungskampagne geplant?

Crusius: Ich wünsche sie mir sehr. Aus Sicht vieler, die mit der EUDI-Wallet zu tun haben, wäre eine echte Kampagne von ganz oben enorm wichtig. Dabei geht es nicht nur um Plakate oder große Botschaften. Es ist auch ein Multiplikatorenthema. Bestimmte Gruppen müssen besonders gut informiert werden, etwa Mitarbeitende in Bürgerämtern. Dort darf keine Unsicherheit entstehen. Die Wallet soll auch Verwaltungen entlasten. Dafür müssen diejenigen, die heute an den Schnittstellen zu Bürgerinnen und Bürgern arbeiten, verstehen, wofür sie da ist und wie sie hilft.

PRJ: Ein greifbarer Anwendungsfall ist auch die Altersverifikation, die schon im Zusammenhang mit Beschränkungen von Social Media diskutiert wurde. Was bedeutet die Wallet in diesem Fall für Plattformen und Nutzende?

Crusius: Altersverifikation zeigt sehr gut, welches Potenzial in der Wallet steckt. Wir sind uns wahrscheinlich alle einig, dass es Inhalte gibt – analog wie online –, die nicht für Menschen unter 18 zugänglich sein sollten. Mit der Wallet könnte ich nachweisen, dass ich über 18 bin. Der entscheidende Punkt ist aber: Im Idealfall erfährt die Plattform nur genau das. Sie sieht nicht, wie ich heiße, wo ich wohne oder welche Personalausweisnummer ich habe. Sie erfährt nur: Diese Person ist über 18. Das ist der Trick der Technik.

PRJ: Welche weiteren Alltagssituationen zeigen anschaulich, wofür die Wallet nützlich sein könnte?

Crusius: Ein sehr gutes Beispiel ist auch der Arztbesuch. Wenn ich heute in eine Praxis komme, in der ich noch nie war, bekomme ich entweder ein Klemmbrett und trage meine Daten handschriftlich ein, oder ich tippe sie auf einem Tablet ein. Mit der Wallet könnte vorne ein QR-Code stehen. Ich scanne ihn, die Wallet fragt mich: Möchtest du dieser Praxis deinen Namen, deine Adresse, deine Telefonnummer freigeben? Ich bestätige – und die Daten sind da.

Ein anderes Beispiel: Eine Mutter wollte im Zoo eine Jahreskarte für ihren fünfjährigen Sohn kaufen. Den Reisepass hatte sie dabei, trotzdem verlangte der Zoo eine Geburtsurkunde oder einen Kindergeldnachweis. Solche Dokumente trägt man im Alltag nicht mit sich herum. Genau solche kleinen Stolpersteine könnte die Wallet künftig reduzieren. Oder bei Führungszeugnissen: Heute kann ich sie zwar teilweise schon digital beantragen, aber am Ende kommt das Dokument per Post. Mit der Wallet könnte künftig hinterlegt sein: Diese Person hat keine Einträge. Ich gebe genau diesen Nachweis frei – und fertig. Gerade für Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, etwa im Ehrenamt oder bei Feriencamps, wäre das eine große Erleichterung.

Auch bei Banken gibt es viele Anwendungsfälle. Ein Konto eröffnet man zwar nicht ständig, aber wenn man es tut, ist die Identifizierung zentral. Gleichzeitig haben Banken ein Problem mit Fake-Personen und betrügerischen Kontoeröffnungen. Die Wallet kann helfen, Identitäten verlässlicher zu prüfen. Für Banken wird das Thema besonders konkret: Ab Ende 2027 müssen sie die EUDI-Wallet in Identifizierungs- und Authentifizierungsprozessen akzeptieren.

PRJ: Das klingt zunächst nach IT-Projekt. Warum ist es auch eine Aufgabe für Kommunikation, Change- und Akzeptanzmanagement?

Crusius: Weil es nicht reicht, dass ein Prozess technisch funktioniert. Menschen müssen verstehen, was sich ändert, warum es sich ändert und welchen Vorteil sie davon haben. Das gilt für Bürgerinnen und Bürger genauso wie für Mitarbeitende in Unternehmen, Behörden oder Organisationen. Entscheidend wird sein, dass gut erklärt wird, was „Wallet ready“ konkret bedeutet: Welche Prozesse sind betroffen? Welche Nachweise können digital erbracht werden? Wo müssen Unternehmen ihre Abläufe anpassen?

Auch unser Verband hat dabei eine Aufgabe. Wir wollen unterstützen, vernetzen, Materialien bereitstellen und helfen, dass Organisationen schneller verstehen, wie sie sich anbinden können. Die Einführung darf nicht als Spezialthema einzelner Fachabteilungen behandelt werden.

PRJ: Braucht es dafür mehr Unterstützung durch Politik und Verwaltung?

Crusius: Ja, unbedingt. Mein Appell wäre: Es muss einfach verständlich sein. Ich vergleiche das gerne mit Online-Banking. Für mich ist es selbstverständlich, aber früher gab es Überweisungsträger. Heute reden wir darüber kaum noch, weil es normal geworden ist.

So sollte es im besten Fall auch mit der EUDI-Wallet laufen. In ein paar Jahren sprechen wir vielleicht gar nicht mehr ständig über sie, weil sie einfach Teil unseres Alltags ist. Wichtig ist auch, Fragmentierung zu vermeiden. Gerade im Föderalismus sollte nicht jede Kommune oder jede Organisation ihr eigenes Verständnis entwickeln. Es braucht einheitliche Standards und klare Orientierung.

PRJ: Müssen Kommunikationsverantwortliche bei solchen Digitalprojekten generell früher eingebunden werden – genauso wie IT, Recht und Compliance?

Crusius: Aus meiner Sicht: ja, absolut. Kommunikation gehört immer dazu, sobald es eine Neuerung oder Veränderung gibt. Wenn niemand die Wallet kennt und die Vorteile versteht, wird sie niemand nutzen. Dann brauchen wir sie gar nicht erst zu entwickeln. Deshalb sollte Kommunikation von Anfang an mitgedacht werden – gerade bei digitalen Identitäten, wo Vertrauen und Verständlichkeit entscheidend sind.

PRJ: Was entscheidet am Ende darüber, ob die EUDI-Wallet im Alltag wirklich akzeptiert wird?

Crusius: Entscheidend sind echte Anwendungsfälle, gute Erklärungen und Vertrauen. Die Menschen müssen erleben, dass die Wallet ihnen Kontrolle gibt und Prozesse einfacher macht. Und Organisationen müssen früh genug wissen, was auf sie zukommt. Wenn die Wallet weniger Papier, weniger Kopien, weniger Wartezeit und weniger unnötige Datenweitergabe bedeutet, hat sie eine echte Chance, selbstverständlich zu werden.

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