Murtaza Akbar

Wir in der PR- und Kommunikationsbranche duzen uns doch eh alle, oder? Na ja, eigentlich schon und dann wiederum auch nicht. Es gibt ja noch Kunden, Louis van Gaal, VW, Deutsche Bank, Key Account Manager und Facebook. Was das mit dem Duzen und Siezen zu tun hat? Darüber klärt Sie gerne unser Sprach-Optimist Murtaza Akbar (Foto) in der neuen Folge seiner Kolumne auf. Zudem hofft er bei einer bestimmten Frage auf Antworten von ganz vielen Sprach-Optimistinnen. Und er möchte konkret wissen, was Sie persönlich von dem ganzen Sprachwirrwarr halten?

Von Murtaza Akbar, Neu-Isenburg

Sie kennen das bestimmt noch an der Supermarktkasse. „Du, Frau Schmidt, sag‘ mal was kosten die Kilo Tomaten, die sind doch im Angebot?“. Was für Zeiten. Oder im Büro. „Daniel, Sie müssen das hier noch nacharbeiten.“ Abgesehen davon, dass ich „Nacharbeiten“ ein grauenvolles Wort finde, dieses inkonsequente Duzen und Siezen kommt einem wie aus einer anderen Zeit vor, oder? Denn die Freunde meiner beiden Teenager-Söhne duzen mich zum Beispiel einfach. Dabei habe ich es ihnen gar nicht erlaubt. Was würde Louis van Gaal dazu sagen? Kennen Sie noch den Fußballtrainer des FC Bayern München, auch General genannt? Gerüchtehalber sollen ihn seine Töchter gesiezt haben. Sehr ungewöhnliche Erziehungsmethoden. Ob ich das bei meinen Söhnen auch noch einführen kann? Hätte was.

Ich habe eine weitere Frage: Was machen Sie, wenn Sie einem, sagen wir, bekannten Kunden gegenübersitzen, den Sie siezen, und von einem Kollegen erzählen, der dem Kunden bekannt ist und den Sie duzen. Klingt kompliziert, lesen Sie den Satz am besten nochmal. Habe ich eben auch gemacht und es dann immer noch nicht sofort verstanden. Dann will ich Ihnen wenigstens die Antwort verraten: Es wird, warum auch immer, meistens der Vor- und Nachname benutzt, also etwa „ich habe das mit Stefan Müller besprochen, das Projekt ist gerade im Roll-out“. Ja, klingen total businessmäßig diese Anglizismen, so wichtig. Kennen wir Kommunikatoren doch alle – und hören sie ständig. Zu Anglizismen schwebt mir natürlich noch eine Kolumne vor. Die wird garantiert ganz anders, als Sie es erwarten. Sie werden sich wundern.

Und hier kommt die nächste Frage, vielleicht sogar mit einer Auflösung, die Sie aber eher verwirren wird, weil selbst die größten deutschen Konzerne sie oft nicht eindeutig beantworten. Wenn Sie einen Auszubildenden suchen, würden Sie ihn oder sie in der Stellenanzeige duzen oder siezen? Und einen Studenten, wie würden Sie es da machen? Ich kann Ihnen sagen, jetzt wird’s erst richtig spannend. Ich hatte das nämlich mal untersucht. Okay, nicht alleine, ich habe ja ein kompetentes Wortwahl-Team.

Nehmen wir VW. Lassen Sie den Diesel-Skandal mal außen vor, auch wenn es schwierig ist. VW siezt auf seiner Internetseite Schüler: „Gewinnen Sie einen Eindruck mit einem Schülerpraktikum.“ So weit, so gut. Aber wissen Sie was, auf Facebook duzt VW dagegen sogar Berufserfahrene: „Bewirb Dich als Key Account Manager International bei VW.“ Ja, aber was denn nun? Schüler siezen und Berufserfahrene duzen? Lufthansa oder die Deutsche Börse machen es ähnlich, mal so und mal so oder manchmal wieder ganz anders. Jetzt sagen Sie bestimmt, auf Facebook oder Instagram duzen doch eh alle. Na ja, die Deutsche Bank siezt überall alle, vom Schüler bis zum Pensionär, egal wo und wann. Ob es an der aktuellen Situation der Bank liegt, kann ich Ihnen nicht sagen.

Bei Stellenanzeigen gibt es seit Januar ja etwas Neues. Das (w/m) hinter einer Position reicht bekanntlich nicht mehr, sondern jetzt muss ein (w/m/d) dahinter, wobei das „d“ für divers steht. Ja, so ist das. Und wissen Sie was, ich find’s gut. Wo ich gerade dabei bin, fasse ich direkt noch ein heißes Eisen an: gendergerechte Sprache. Also, diesem Anglizismus kann sogar ich nichts abgewinnen, aber der Idee grundsätzlich schon. Zur geschlechtergerechten Sprache sollten am besten viele Frauen befragt werden, vielleicht gibt’s ja auch mindestens eine „Sprach-Optimistin“, die sich dazu äußern will? 

Bevor ich Sie vollends verwirre mit so vielen schweren Sprachthemen, mein Aufruf: Schreiben Sie mir zum Duzen, Siezen (da ist es im Englischen mit dem „you“ oft einfacher, oder?) und wenn Sie wollen auch zur gendergerechten Sprache. Wie hätten Sie es denn gerne? Eines kann ich Ihnen in jedem Fall versichern, ob Sie oder Du oder Divers, der Ton macht die Musik. Spielen Sie eine optimistische Melodie, dann wird’s für alle schön. 

Über den Autor: Murtaza Akbar ist Geschäftsführer von Wortwahl – Agentur für Unternehmens- und Onlinekommunikation in Neu-Isenburg. Der gebürtige Frankfurter mit pakistanischen Wurzeln ist zudem Dozent an der Hochschule Darmstadt im Studiengang Onlinekommunikation sowie Speaker, Trainer und Coach zum Thema Sprache und (Kunden-)Kommunikation. Falls Sie Vorschläge zu Lieblingswörtern, Unwörtern, Floskeln, PR- und Social-Media-Sprech, Auffälligkeiten oder Besonderheiten der deutschen Sprache haben, schreiben Sie gerne Murtaza Akbar per E-Mail beziehungsweise via Twitter, Instagram und Facebook.


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