weinberghelgeWie finde ich die richtigen Mitarbeiter? Welche Qualifikationen sind heute in den Agenturen gefragt? Das waren die Themen auf dem 6. Sommer Symposium des PR Career Centers. Mein Eindruck, den ich am 20. September aus Düsseldorf mitnahm: Es besteht noch erheblicher Diskussionsbedarf. Auf dem Symposium sahen wir einen bunten Mix aus dem bekannten Anspruch „wir erwarten viel von unseren Bewerbern“, der Klage über ungeeignete Kandidaten und Verständnis für die Ansprüche der Bewerber und Mitarbeiter.

Frank Behrendt erklärte, dass bei fischerAppelt nur die Besten der Besten eine Chance bekämen. Das sahen Jörg Pfannenberg (JP│KOM) und Dirk Popp (Ketchum Pleon) ähnlich. Es kamen aber zum Teil auch nachdenklichere Töne. Die Agenturen wollen „fertige“ Experten haben. Am liebsten Biologen, Informatiker, Pharmazeuten mit erstklassigen Qualifikationen und Kommunikationsdenke. Zudem sollen es Menschen sein, die unternehmerisch handeln. Frage: Wer will die nicht haben? Selbst Larry Page jammerte vor einiger Zeit, dass sich bei Google mittlerweile die „Falschen“ bewerben würden, die „nicht-unternehmerisch-Denkenden“.

Zielgruppenbashing nicht das beste Rezept
Ja, es mag sein, dass viele Bewerbungen „grottenschlecht“ sind. Ich kann mich nach bewährter Unternehmensmanier über die Bewerber aufregen. Das ändert aber an der Situation der Agenturen nichts. Zudem ist Zielgruppenbashing nicht das beste Rezept, diese für mich zu gewinnen. In der Human Resources-Fachwelt wird momentan die Aussagekraft von Zeugnisnoten und schnurgeraden Lebensläufen heiß diskutiert, zumindest unter uns Bloggern, Employer Branding-Experten und Social Recruitern. Nils Seger von Rocket Internet hatte betont, dass der CV die Person nur zum Teil abbildet. Recht hat er. Geht es nicht darum, dass die Menschen in das Unternehmen passen? Branchen-Know-how kann man lernen. Soziale Kompetenzen, das ist das echte Problem. Die lernt man nicht so schnell.

Bewerber und Mitarbeiter als Kunden wahrnehmen
Grundsätzlich anders würde sich die Situation für die Agenturen darstellen, wenn Bewerber und Mitarbeiter als Kunden wahrgenommen würden. Dann ständen Fragen nach deren Erwartungen und Motiven im Mittelpunkt. Das ist schon für einige Agenturen ein Thema. Jörg Pfannenberg hatte gesagt, dass er die Anliegen seiner Mitarbeiter hinterfragen würde, versuchen würde, diese zu verstehen. Dies scheint ihm nicht immer leicht zu fallen. „Wenn sich die Generation Y eine Klassenfahrt wünscht, dann muss ich halt der Herbergsvater sein“, erklärte er. Ja, so ist es, die Gen Y hat hohe Ansprüche an die Kommunikation der Führungskräfte. Wertschätzung und Feedback sind ihr wichtig.

Schnurgerader CV nicht entscheidend
Für Dirk Popp sind Top-Zeugnisse der Uni und der schnurgerade Lebenslauf nicht entscheidend. Sich auf die Qualifikationen zu konzentrieren, die wichtig für die Agentur sind, den Mitarbeitern Fragen stellen, das sind vielversprechende Ansätze. Kreative sind gefragt. Ich glaube nicht, dass diese stets einen schnurgeraden Lebenslauf haben. Wie steht es in dieser Hinsicht mit den unternehmerisch handelnden Menschen? Dirk Popp hatte gesagt, dass viele seiner Mitarbeiter mit solchen Qualitäten ohne Probleme eine eigene (erfolgreiche) Agentur gründen könnten. Wie binde ich solche Kräfte? Drücken die sich in Bewerbungen stets perfekt aus?

Kreativität keine Kernkompetenz von HR
In dem Zusammenhang möchte ich Bewerber davor warnen, ihren CV generell gestalterisch so ausgefallen zu gestalten, wie es Frank Behrendt forderte. Hier kommt es stark darauf an, wo und bei wem ich mich bewerbe. In der Regel landet eine Bewerbung in der Personalabteilung. Kreativität ist in HR keine Kernkompetenz und wird auch nicht übermäßig geschätzt. Zudem ist in vielen Unternehmen der Auswahlprozess automatisiert.

Echten Fachkräftemangel gibt es nicht
Die Klage über die Bewerber hat viele Funktionen, nur mit der Realität auf dem Arbeitsmarkt hat sie wenig zu tun. Denn einen echten Fachkräftemangel gibt es nicht, erst recht nicht in der Kommunikation. Da ist sich die HR-Fachwelt heute (fast) einig. Auf der Bildungskonferenz 2014 im November steht dieses Thema oben auf der Agenda. Auch dort werde ich die These vertreten, die Martin Gaedt in seinem Buch „Mythos Fachkräftemangel“ so vortrefflich begründet hat: Der Fachkräftemangel ist hausgemacht.

Überzogene Erwartungen an Bewerber
Schuld sind mangelhafte Auswahlprozesse der Personaler, schuld sind überzogene Erwartungen an die Bewerber und vor allem der fehlende Willen, sich auf diese einzustellen. Das Gute daran: Ich kann die Situation für mich als Agentur ändern, wenn ich diese nicht als gottgegeben hinnehmen muss.

Agenturen behäbig wie eine Bank?
Das schätzen meine Bewerber und Mitarbeiter bei einem Arbeitgeber? Das PR Karrierebarometer gibt gute Anhaltspunkte, an denen sich Agenturen orientieren können. Und dann gibt es noch die Employer Branding-Kampagne „We love Stories“, die ebenfalls in Düsseldorf vorgestellt wurde. In diesem Zusammenhang kam dort auch die Frage auf, ob Agenturen der entscheidungsfreudigen Generation Y aufgrund langsamer Abstimmungsprozeduren zu behäbig seien. Behäbig wie eine Bank? Da sollten bei den Agenturen die Warnlampen angehen.

Employer Branding-Kampagnen für Agenturen?
Fazit: Die Agenturen brauchen hervorragendes Personal, um auf Augenhöhe mit den Kunden zu kommunizieren. Das Image der Beratungen ist nicht immer erste Klasse, wie es auch Dirk Popp anmerkte. Die Diskussion über die Erwartungen und Wünsche der Mitarbeiter hat begonnen, die richtigen Fragen wurden gestellt - und das ist gut so. Unternehmensberatungen, wie Ernst & Young oder PricewaterhouseCoopers, führen seit Jahren Employer Branding-Kampagnen durch. Ich bin gespannt, wann die Kommunikationsprofis nachziehen werden.

Über den Autor: Helge Weinberg ist Berater, Blogger und Journalist aus Hamburg. Seine Agentur Strategie & Kommunikation ist spezialisiert auf Strategische Kommunikation und Arbeitgeberkommunikation / Personalkommunikation. Über diese Themen schreibt er in seinem Blog sowie als Korrespondent für Hamburg und Norddeutschland im „PR-Journal“ und in anderen Medien. Gespräche beim Kaffee – etwa auf der Zukunft Personal – über Agenturen und Bewerber findet er spannend. Einfach eine Message an @HelgeWeinberg senden.


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