PR-Journal-Chefredakteur Thomas Dillmann.

Um es direkt offen zu sagen: Die Ergebnisse der Umfrage von news aktuell, Hamburg, und dem Berliner Unternehmen für Meinungsforschung, Civey, zum aktuellen Bundestagswahlkampf irritieren mich. 28,5 Prozent der befragten Kommunikationsprofis sind der Meinung, dass die Grünen ihre Wahlkampfthemen bis zum Zeitpunkt der Umfrage (22. Juli bis 9. August 2021) am besten vermittelt haben? 12,9 Prozent sehen ihre persönlichen Belange (!) am ehesten durch die AfD vertreten, einer Partei, die in einzelnen Bundesländern wegen antidemokratischer Tendenzen vom Verfassungsschutz beobachtet wird? Natürlich schlagen bei solchen Befragungen immer auch die persönlichen Präferenzen durch. Da mögen auch professionelle Betrachtungen hinter individuellen Vorlieben zurücktreten. Aber solche Ergebnisse lösen bei mir das Gefühl aus, mich fremdschämen zu müssen.

Dieses Gefühl stellt sich vor allem ein, wenn 12,9 Prozent der befragten Kommunikationsprofis ihre persönlichen Belange am ehesten durch die AfD vertreten sehen. Wo sind wir hingekommen, wenn eine in verschiedenen Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtete Partei in unserer Branche auf eine solch‘ große Zustimmung stößt? Selbst wenn man eine gewollte Provokation unterstellt, diese Zahl allein wirft kein gutes Licht auf die Branche, die sich für Diversität und Nachhaltigkeit einsetzt und darüber hinaus unter anderem für Dialog und Partzipation steht. Hoffen wir, dass die ausgewählte Gruppe von 500 Kommunikationsfachkräften doch nicht so repräsentativ für die Branche ist, wie es die Befrager suggerieren.

An der Stelle drängt sich übrigens die Frage auf, warum nicht mehr Kommunikationsfachkräfte befragt wurden. Andere Befragungen zum Wahlkampf weisen da deutlich mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus.

Was die professionelle Betrachtung der Wahlkampfleistungen der Parteien angeht, so lassen mich die Ergebnisse ratlos zurück. Während die CDU und ihr Spitzenkandidat Armin Laschet mit einer Zustimmung zur Wahlkampfkommunikation von nur 5,8 Prozent regelrecht abgestraft werden, fällt das Urteil für den Wahlkampf der Grünen geradezu milde aus: 28,5 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Grünen ihre Wahlkampfthemen bis zum Zeitpunkt der Umfrage am besten vermittelt haben, mit deutlichem Abstand folgt dann erst die SPD mit 13,6 Prozent. Wie grün müssen die Brillen derjenigen sein, die dieses Ergebnis mit ihren Antworten herbeigeführt haben. Pleiten, Pech und Pannen von Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock wurden hier offensichtlich komplett ausgeblendet. Da halte ich die Antworten derjenigen, die sich von keiner der großen Parteien überzeugen lassen konnten, für die ehrlicheren – übrigens war das auch mit 30,3 Prozent die größte Gruppe.

Ich bleibe dabei, die Befragungsergebnisse sind irritierend. Meine langjährige Erfahrung mit der Kommunikationsbranche führt mich zu der Einschätzung, dass sie professioneller ist, als es hier den Anschein hat, und sie auch anders „tickt“. Vielleicht ist das aber auch nur die Hoffnung eines Optimisten…


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