Marina Owssjannikowa rechts mit ihrem Plakat. (Foto: Twitter)

Was für ein Beispiel, was für ein Mut, was für eine Tat! Die Redakteurin des Ersten Kanals des russischen Staatsfernsehens Marina Owssjannikowa hatte am Montagabend während der live ausgestrahlten Hauptnachrichten ein selbst beschriebenes Protestplakat gegen den Krieg in der Ukraine in die Kamera gehalten. Darauf war in russischer Sprache zu lesen: „Glaubt nicht an die Propaganda, sie lügen euch hier an.“ Als letzte Zeile stand in Englisch noch darunter: „Russians against war.“ Was in westlichen Ländern wohl nur als Akt des zivilen Ungehorsams bewertet würde, war unter den aktuellen Zensurbedingungen in Russland eine unfassbar mutige Tat, die den allergrößten Respekt verdient.

Marina Owssjannikowa, die Tochter eines Ukrainers und einer Russin, hatte ihr Vorhaben vorher in den sozialen Medien angekündigt und offen damit gerechtfertigt, dass der Krieg gegen die Ukraine ein Verbrechen und einzig Putin für die Aggression verantwortlich sei. Das alles tat sie wohlwissend, dass es russischen Staatsmedien und ausländischen Journalisten verboten ist, von einem Krieg zu sprechen. Wie vielfach zitiert, spricht die russische Führung lediglich von einer „militärischen Spezialoperation“ zur „Entmilitarisierung“ und zur „Entnazifizierung“ der Ukraine.

Nach Informationen des „Handelsblatt“ gab es im Laufe des 15. März zunächst länger keine Spur von Owssjannikowa. Wie russische Medien später berichteten, ist die mutige Redakteurin wegen der Organisation einer nicht erlaubten öffentlichen Aktion belangt worden. Ihr drohe demnach eine Arreststrafe von zehn Tagen oder 30.000 Rubel (umgerechnet 250 Euro) Ordnungsstrafe oder bis zu 50 Stunden gemeinnützige Arbeit.

Zunächst war befürchtet worden, die Redakteurin könnte nach dem umstrittenen neuen Gesetz wegen Diffamierung der russischen Armee verurteilt werden. Demnach hätten ihr bis zu 15 Jahre Haft gedroht.

Doch unabhängig vom tatsächlich verhängten Strafmaß hat Marina Owssjannikowa einen Riesenmut an den Tag gelegt. Das verlangt allen, die das Geschehen in Russland und der Ukraine mit großer Sorge betrachten, den größten Respekt ab. Eine Freiheitskämpferin, die sich im Hauptsender des russischen Fernsehens traut, ihre Meinung trotz aller Repressalien auf diesem Wege kundzutun, hat höchste Anerkennung verdient. Die Gefahr, der sie sich ausgesetzt hat, können wir nicht ermessen. Die vielfache Nachahmung wäre sicher wünschenswert, doch aus der sicheren Entfernung einer funktionierenden westlichen Demokratie lässt sich das leicht sagen. Lassen wir es dabei: Respekt und Anerkennung für eine äußerst mutige Frau, deren Tat hoffentlich irgendwann einmal belohnt werden wird.

Nachtrag vom 17. März 2022

Der Protest von Marina Owssjannikowa zieht weitere Reaktionen nach sich. Zum einen steht zu befürchten, dass ihr doch noch Konsequenzen nach der neuen Gesetzgebung drohen, zum anderen hat sie sich selbst in einem Interview mit „Spiegel online“ (paid) geäußert. Darin sagt sie: „Ich bin jetzt der Fein Nummer Eins hier.“ Und: „Ich habe den Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt.“ Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte ihr nach ihrer Aktion Asyl in Frankreich angeboten. Owsjannikowa lehnte das ab: „Ich bin Patriotin, mein Sohn ein noch viel größerer. Wir wollen auf keinen Fall weg, nirgendwo hin auswandern.“


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