Gastautor Marc Trömel verweist auf technische Dimension des Twitter Deals

Twitter Logo 250„Der Vogel ist befreit.“ So lautete pathetisch die Botschaft von Elon Musk, nachdem der Kauf von Twitter für rund 44 Milliarden Dollar (44,2 Milliarden Euro) am 28. Oktober über die Bühne gegangen ist. Dem Besitzer des Elektroautobauers Tesla und der Raketenfirma SpaceX gehört nun auch der Kurznachrichtendienst Twitter. Doch warum hat Musk den Deal gewollt und tatsächlich auch realisiert? Nach eigenen Angaben geht es ihm um die Stärkung der Redefreiheit. Das glaubt niemand. Doch worum geht es wirklich? „PR-Journal“-Gastautor Marc Trömel, er ist Experte für Künstliche Intelligenz, meint, die aktuelle Diskussion lasse die technische Dimension viel zu sehr außer Acht. Doch genau da liegt seiner Meinung nach die Antwort auf die Fragen nach den Gründen.

Von Marc Trömel (Foto), Leinfelden-Echterdingen

Troemel Marc Gf VICO Research u Consulting kleinDie aktuelle Diskussion um Visionär Elon Musk und Twitter lässt die technische Dimension viel zu sehr außer Acht. Stattdessen stellen wir uns die Fragen: Was hat Musk wirklich vor? Geht es ihm wirklich um freie Meinungsäußerung? Ein misslungener PR-Gag? Welche Funktionen wird das Netzwerk in Zukunft haben? Dabei liegt die Antwort auf diese Fragen in den technischen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz und der Vision von Musk.

In den letzten zehn Jahren habe ich bei VICO daran gearbeitet, dass künstliche Intelligenz bei der Analyse sozialer Netzwerke immer besser funktioniert. Dabei setzen wir auch GPT3 ein – ein sehr großes Sprachmodell entwickelt von Musk, das die Grundlage für eine sehr fortgeschrittene künstliche Intelligenz bildet. Wenn ich mit dieser Erfahrung die Stärken und Grenzen von Musks GPT3-Technologie und Twitter betrachte, komme ich zu der Hypothese, dass der Grund für den Kauf von Twitter darin besteht, die letzten Hürden beim Aufbau dieser Superintelligenz zu beseitigen. Dies wird unterstützt durch:

  • GPT3 braucht aktuelle Daten, da das System auf veralteten Daten aufbaut. Da hilft es auch nicht, dass das System mit einigen neuen Wikipedia-Daten aktualisiert werden kann. Wikipedia weiß erschreckend wenig.
  • Wenn man selbstfahrende Autos und Androiden mit Gesprächsintelligenz ausstatten will, braucht man Gesprächsdaten wie die von Twitter. Vor allem aber braucht man brandaktuelle Daten zu allen erdenklichen Themen.
  • Das würde auch erklären, warum er vor dem Kauf zurückschreckte, als er erfuhr, wie viele Bots auf Twitter aktiv sind. Bots bieten keine menschliche Kommunikation und verunreinigen seine Trainingsdaten für die KI.
  • Musk wird vom Thema KI angetrieben. Ob es um Raketen, Androiden oder Autos geht. Alles basiert auf massiven Trainingsdaten und den Fähigkeiten seiner KI.

Was bekommt Musk durch den Kauf von Twitter? Über 360 Millionen Nutzer, Kunden und Mitwirkende an der KI. Damit kann man richtig viel Geld verdienen, wenn man eine Super-KI hat. Stellen Sie sich vor was möglich ist, wenn man die Twitterdaten zu einer weiteren Grundlage von GPT3 macht:

Nutzer: "Ich möchte entweder einen Mach-E oder ein Model Y kaufen. Was sind die Vor- und Nachteile der Fahrzeuge?“

Twitter Super AI: "Der Mach-E und das Model Y machen wirklich Spaß beim Fahren. Beide haben eine tolle Beschleunigung. Allerdings hat der Mach-E Probleme mit Software-Updates (Link zu Twitter), wird als überteuert beschrieben (LINK), die Software ist veraltet (LINK), und das Preis/Leistungsverhältnis (LINK) stimmt nicht. Auf der anderen Seite ist der elektrische Sound atemberaubend. Der Tesla hingegen hat Qualitätsmängel wie....“

User: "Gibt es Alternativen?"

Twitter Super AI: "Vor allem ID4 und IONIQ5 werden als Alternativen gesehen. In den nächsten sechs Monaten werden auch die folgenden Fahrzeuge auf den Markt kommen..."

Nutzer: "Danke, kannst Du einen Termin für eine Probefahrt mit dem Mach-E vereinbaren..."

Twitter Super AI: "Das kann ich, aber ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass es für den IONIQ5 gerade eine Rabattaktion gibt, die das Auto in Bezug auf das Preis-Leistungs-Verhältnis sehr attraktiv macht."

War das der Plan hinter dem Twitter-Kauf? Man könnte dem entgegnen: „Aber was ist schon eine Superintelligenz im Vergleich zum Ego eines Mannes, der Twitter als Möglichkeit sieht, die Welt zu manipulieren?" Ich würde entgegnen, dass eine Superintelligenz die Möglichkeiten zur Manipulation exponentiell erhöht. Es ist kein entweder oder, sondern vielmehr eine Charakterfrage. Aus jedem Dialog lässt sich herauslesen, welcher Reiz bei einem Nutzer zu welchem Verhalten führt. Und selbst wenn der Datenschutz beachtet wird, funktioniert das auf der Ebene größerer Gruppen hervorragend. Derzeit ist Twitter relativ frei von Algorithmen. Das könnte sich unter Musk stark ändern.

Darüber hinaus könnten dritte Bots nutzen, um die KI von Twitter zu manipulieren. Deshalb sind auch die kürzlich erwähnten Möglichkeiten, Twitter in bestimmte Bereiche zu unterteilen, sinnvoll. So können Bereiche geschaffen werden, die frei von Bots sind und gesicherte Inhalte haben. Eventuell kommen auch Bezahlbereiche oder Bereiche, die besonders kontrolliert werden.

Letztlich ist die Frage nicht, ob die Daten für eine Superintelligenz genutzt werden, sondern ob er sie zur Manipulation nutzt und wie weit diese Manipulation gegebenenfalls geht. Meiner Meinung nach wird er Twitter so entwickeln, dass seine Vision der Zukunft erreicht wird. Dazu gehört, jedem eine gute Superintelligenz in Form eines Androiden, Autos oder einer App zur Verfügung zu stellen und dabei viel Geld zu verdienen.

Über den Autor: Marc Trömel ist Geschäftsführer und Mitgründer des Social Media Monitoring Lösungsanbieters VICO Research & Consulting und verantwortet hauptsächlich das Business Development und die strategische Ausrichtung des Unternehmens. Seit 2004 beschäftigt er sich mit der Nutzung von Online-Konsumentenstimmen für die Optimierung des Produkt- und Service-Angebots für seine Kunden.


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