Kommentare & Kolumnen Voll auf die Presse, Olga Herschel! „Die Psychiatrie ist dem Journalismus erstaunlich ähnlich“
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- von Nils Wigger, Berlin
Nach einem Jahr als Ärztin in der Notaufnahme und weiteren vier in der Kinder- und Jugendpsychiatrie entschied sich Olga Herschel 2022 für einen konsequenten Wechsel in den Journalismus. Heute berichtet sie als freie Journalistin für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel, die Zeit, und den Deutschlandfunk an der Schnittstelle von Medizin und Gesellschaft. Zu ihren Schwerpunkten gehören investigative Recherchen und Doku-Podcasts wie zuletzt „Geteiltes Leid“. Im Interview erklärt die Quereinsteigerin, wieso ihre psychotherapeutische Erfahrung das perfekte Handwerkszeug für sensible Recherchen ist, weshalb in Gesundheitsresorts naturwissenschaftliche Expertise wichtiger ist denn je und warum der Gesundheitsjournalismus mehr Ambition, Tiefe und einen Fokus auf lösungsorientierte Ansätze braucht.
PR-Journal: Olga, wie kam es, dass du von der Medizin in den Journalismus gewechselt bist?
Olga Herschel: Eigentlich wollte ich schon immer Journalistin werden, aber als Kind aus einem nicht bildungsbürgerlichen Migrantenhaushalt fehlte mir schlicht der Zugang – ich wusste einfach nicht, wie man diesen Weg einschlägt. Ich war schon immer gut in Naturwissenschaften und wollte etwas Sinnstiftendes machen, deshalb entschied ich mich erst einmal für die Medizin. Aber der Journalismus hat mich nie losgelassen. Direkt nach dem Studium habe ich eine Art Quereinstieg versucht, fühlte mich aber durch die damaligen Altersgrenzen an den Journalistenschulen erst einmal ausgebremst. Die damaligen Altersbeschränkungen von 27 bis 30 Jahren signalisierten mir, dass ich schlicht zu spät dran bin. Nach einer Absage der DJS dachte ich: „Das war mein last shot“, habe mich dann wieder auf die Medizin fokussiert und mich in die Kinder- und Jugendpsychiatrie umorientiert. Erst 2022, da waren die Altersgrenzen längst abgeschafft, habe ich einen zweiten Anlauf gewagt und einen Platz an der DJS bekommen. Seit dem Beginn meiner Ausbildung zur Redakteurin, arbeite ich konsequent nur als Journalistin.
PRJ: Du hast gerade schon deine Arbeit im Kinder- und JugendpsychiatrischenBereich erwähnt. Was nimmst du aus dieser Zeit mit, das dir heute im Journalismus hilft?
Herschel: Die Psychiatrie ist dem Journalismus erstaunlich ähnlich. Das liegt natürlich daran, dass sich in der Psychiatrie sehr stark unsere Gesellschaft abbildet. In beiden Arbeitsfeldern geht es außerdem darum, eine Geschichte wirklich zu durchdringen, die richtigen Fragen zu stellen und eine tiefe Neugier am Menschen zu besitzen. Zudem ist die Psychiatrie wahnsinnig politisch: Alles, was wir gesellschaftlich verhandeln – beispielsweise Bildung, Bürgerhilfe oder Gesundheit – spiegelt sich dort wider. Mein Hauptinstrument war damals wie heute das Gespräch. Durch meine psychotherapeutische Erfahrung habe ich kaum Hemmschwellen, intime Fragen zu stellen und Dinge sehr direkt zu adressieren oder auch mal sehr viel Schmerz und Leid bei meinem Gegenüber auszuhalten.
Dennoch musste ich mich aktiv aus der Therapeutenrolle heraus in die Rolle der Journalistin entwickeln. Die Werkzeuge sind ähnlich: Es geht darum, Vertrauen aufzubauen, keine Berührungsängste zu haben und aufgeschlossen zu sein. Aber der Fokus hat sich verschoben: Als Journalistin bezeuge ich zwar das Leid der Menschen, aber ich bin nicht mehr für die Lösung der Probleme verantwortlich. Das ist eine wichtige Abgrenzung.
PRJ: Deine Tätigkeit in der Notaufnahme ist mit dem Journalismus sicher weniger vergleichbar als die therapeutische Tätigkeit. Wo liegt für dich da der größte Unterschied in deiner täglichen Arbeit und was schätzt du so an deiner heutigen Tätigkeit?
Herschel: Wenn ich meine Arbeit heute mit meiner Zeit als Ärztin in der Notaufnahme vergleiche, ist es ein völlig anderes Gefühl. Ich habe dort oft eine Art „Fließbandarbeit für Akademiker“ erlebt – sehr standardisiert, sehr routiniert. Man spult dort eher Wissen und Können ab, das man schon hat. Natürlich gibt es einem auch viel, weil man in kurzer Zeit vielen Menschen helfen kann. Trotzdem ist die traditionelle Medizin, mit meiner journalistischen Tätigkeit kaum zu vergleichen. Im Journalismus erlebe ich eine Form der Rückfütterung, die ich in der Medizin so nicht gespürt habe. Ich muss ständig über mich hinauswachsen, neue Perspektiven entwickeln und darf so tief in Themen eintauchen, wie ich es für richtig halte. Ich habe das Privileg, Fragen zu stellen, die bis dahin vielleicht noch niemand gestellt hat. Es fühlt sich weniger nach Dienstleistung und viel mehr nach einer Erkenntnisreise an bei der am Ende glücklicherweise ein Produkt herauskommt, mit dem ich mein Geld verdiene. Es ist in jedem Fall ein deutlich freieres und kreativeres Arbeiten, und das schätze ich sehr.
PRJ: Du bist den medizinischen Themen trotzdem journalistisch treu geblieben. Wie würdest du das Feld beschreiben, über das du heute schreibst?
Herschel: Genau, mein Schwerpunkt liegt weiterhin auf der Medizin, allerdings mit einem Fokus auf der Schnittstelle zur Gesellschaft. Mich interessiert Medizin vor allem dort, wo sie gesellschaftlich relevant wird. Dabei kann es um strukturelle Probleme gehen, um Ungerechtigkeiten, Misswirtschaft aber auch Chancen und funktionierende Strukturen, wie Erziehungs- und Beratungsstellen, über die ich mal geschrieben habe. Alles, worüber ich schreibe, ist im Kern mit Medizin, Gesundheit und Gesundheitspolitik verwandt, aber eben aus einer sozialen Perspektive. Es geht immer um die Frage: „Was hat das eigentlich mit uns als Gesellschaft zu tun?“
PRJ: Gesundheit betrifft uns alle existenziell, dennoch wirkt die Berichterstattung oft sehr eindimensional. Welches Bild wird dort deiner Meinung nach aktuell gezeichnet und wo siehst du – auch im Vergleich zu anderen Ressorts – die größten Unterschiede in der medialen Aufarbeitung?
Herschel: Ich finde, dass Gesundheitspolitik im Vergleich zu anderen Politikbereichen journalistisch sehr stiefmütterlich behandelt wird. Es gibt diesen Irrglauben, das Thema sei trocken und die Leute wollten darüber ohnehin nicht lesen. Das eigentliche Problem ist aber, dass oft ambitionslos und in alten Narrativen verhaftet über Gesundheitspolitik erzählt wird – erst dadurch wird das Thema langweilig. Ein Beispiel ist das unreflektierte Narrativ vom „kaputtgesparten“ Gesundheitssystem, welches jede Woche wieder von irgendeinem Medium aufgegriffen wird. Dabei stimmt das gar nicht: Wir haben in Deutschland das zweitteuerste Gesundheitssystem der Welt. Wenn überhaupt, ist es überfinanziert und ineffizient, und hier liegen die spannenden Geschichten: Wo versickert das ganze Geld? Wo herrscht Misswirtschaft? Solche Recherchen bleiben leider oft auf der Strecke.
Was ich auch häufig sehe, ist, dass Forderungen oder Behauptungen aus der Politik einfach übernommen werden, ohne die dahinterliegenden Zahlen zu prüfen. Viele Medienhäuser kommen ihrer Aufgabe hier nicht nach, diese Themen tiefgründig aufzuarbeiten. Im Vergleich zur Berichterstattung über andere Wirtschaftsthemen beobachte ich hier eine gewisse Ambitionslosigkeit. Es scheint ein geringeres Interesse daran zu bestehen, Gesundheitsdaten wirklich zu durchdringen, um Strukturen offenzulegen. Dabei gibt es in Deutschland inzwischen herausragende datenjournalistische Redaktionen. Wir dürfen als Journalisten nicht zum reinen Sprachrohr der Politik werden und – überspitzt gesagt – auch nicht zu „Rage-Bait-Affen“, die nur auf Klicks aus sind.
PRJ: Ein großes Thema in deiner Arbeit ist die wissenschaftliche Evidenz. Wie stehst du dazu, wie über jegliche Art von Studien oder Umfragen im Medizinbereich berichtet wird, und was sind deine Ansprüche in diesem Bereich?
Herschel: Mein Eindruck ist, dass es bestimmte Themen gibt, von denen die Redaktionen wissen, dass sie erfahrungsgemäß extrem gut beim Publikum ankommen. Die werden so oft geklickt, dass die Belastbarkeit der Evidenz fast egal ist. Das führt dazu, dass auch eher schlecht gemachte Studien veröffentlicht werden. Eine kritische Einordnung findet zwar statt, aber meistens erst ganz weit hinten im Text – vorne wird die Studie erst einmal unhinterfragt präsentiert. Das erlebe ich vor allem bei Themen, die wirklich jeden betreffen, zum Beispiel im Ernährungsbereich. Ich beobachte da oft einen regelrechten Publikationsdruck: Wenn das erste, zweite und dritte Leitmedium berichtet hat, haben alle anderen das Gefühl, sie müssen dazu jetzt auch etwas machen. Das Problem ist: Korrekturen bzw. fachgemäße Einordnungen der Evidenz solcher Studien, wie sie beispielsweise CORRECTIV veröffentlicht, erscheinen natürlich mit ein paar Tagen Verzögerung. Zu diesem Zeitpunkt ist die Herde längst vorgeprescht, und auf die zwei oder drei, die dann mit den Fakten hinterhertrotten, achtet niemand mehr so richtig.
Ich selbst gehe da sehr selektiv vor: Umfragen oder Studien mit geringer Probandenzahl, fehlender Kontrollgruppe oder ohne Metaanalyse greife ich nur in absoluten Ausnahmefällen auf – etwa bei Nischenthemen, und wenn sie dennoch einen Aussagewert zu besitzen scheinen. Aber selbst dann frame ich das strikt als das, was es ist, und ordne die Schwächen ein. Für größere Themen sind für mich echte kontrollierte Studien und belastbare Metaanalysen die absolute Voraussetzung. Es geht mir immer um die Frage: Gibt es einen wissenschaftlichen Konsens, einen gemeinsamen Nenner, der dahintersteckt?
PRJ: Die Pandemie war in vielerlei Hinsicht eine Zäsur – hat sich dadurch, aus deiner Sicht, auch das Bewusstsein in den Redaktionen für medizinisches Fachwissen nachhaltig verändert?
Herschel: Ich würde sagen, es gab im Rahmen der Pandemie eine Art Wake-up-Call für die Redaktionen, in der Form, dass man gemerkt hat, dass es mehr medizinisches Fachwissen und echte Naturwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen braucht, um bestimmte Themen fachgerecht aufzuarbeiten. Diese Dynamik wird durch die aktuelle KI-Entwicklung noch einmal verstärkt: Heute kommen massenhaft wissenschaftliche Deepfakes, Pseudostudien und komplett gefälschte Daten hinzu. Große, renommierte Wissenschaftsjournale gelten eigentlich noch als sicher, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch dort gefälschte Studien auftauchen. Das tückische Problem ist, dass das oft erst viel zu spät auffällt – nämlich erst dann, wenn andere wissenschaftliche Teams versuchen, die Ergebnisse für ihre eigene Arbeit zu reproduzieren, und merken, dass es hinten und vorne nicht funktioniert. Ich habe das Gefühl, dass meine medizinische Ausbildung mir da bei der Einordnung enorm hilft, weil ich eine Art Intuition habe – ich spüre oft schon beim Lesen, wenn etwas biochemisch gar nicht sein kann. Ich hinterfrage dann sofort: Passt das beispielsweise zu dem, was ich über Physiologie, Biochemie oder Neurowissenschaften weiß? Aber ohne diesen Hintergrund ist das enorm schwierig.
PRJ: Wo siehst du in der aktuellen Gesundheitsberichterstattung einen blinden Fleck?
Herschel: Ein riesiger Faktor, der bisher viel zu wenig beleuchtet wird, ist der Vormarsch der großen Tech-Konzerne. In den USA betreibt Amazon bereits eigene Telekliniken, wenn diese Konzerne in die Infrastruktur drängen, schaffen sie schleichend Tatsachen, die wir später kaum noch rückabwickeln können. Das wird in den Medien bisher kaum diskutiert. Wenn plötzlich ein Premium-Abo den schnellen Zugang zu einer Diagnose verspricht, auf die man sonst monatelang warten müsste, ist das der Abschied von unserem solidarischen System. Wir zahlen in Deutschland jährlich eine halbe Billion Euro für unsere Gesundheit – da muss eine gerechte Versorgung für alle drin sein, nicht nur für eine zahlungskräftige Elite. Dass solche Dynamiken nicht laut genug thematisiert werden, ist definitiv ein Problem: Wir berichten zu oft nur über den Status Quo, statt lösungsorientiert und damit zukunftsorientiert zu denken. Das perfekte Gesundheitssystem gibt es nicht, aber in Ländern wie Dänemark, Japan oder Frankreich beispielsweise wurden für ähnliche Probleme, wie wir sie haben, längst smarte Lösungen gefunden. Es braucht im Gesundheitsjournalismus mehr Mut und Ambition, Strukturen wirklich zu hinterfragen und Daten fachgerecht aufzuarbeiten.
Über den Autor: Nils Wigger ist Managing Partner von DUNKELBLAU | 360°. DUNKELBLAU | 360° unterstützt Unternehmen in komplexen B2B-Märkten dabei, Stakeholder-Beziehungen zu systematisieren und begleitet strategische Veränderungsprozesse kommunikativ – immer in enger Verzahnung mit den Leipziger Krisen-Experten von DUNKELBLAU. Wigger verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der strategischen Kommunikation mit Schwerpunkt auf B2B-Tech und dem politischen Umfeld. Vor DUNKELBLAU | 360° leitete er als COO u.a. die Agentur getpress und war in der Kommunikation bei WAGO, dem Luftfahrtverband BDL und Brose tätig.
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