Kommentare & Kolumnen Proof of Human Wie Authentizität im AI-Slop nicht verloren geht
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- von Lea Dirnhofer, Regensburg
Wir sehen es jeden Tag in Newslettern oder im Feed, vor allem auf LinkedIn. Veröffentlicht wird häufig Owned-Content, der von generativer KI in Sekunden produziert wurde. Zurück bleibt ein diffuses Gefühl: Die Inhalte werden glatter, besser, aber dennoch irgendwie austauschbar. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Was bedeutet Authentizität in dieser Zeit noch – und warum ist sie gerade jetzt wichtiger als je zuvor?
KI macht Content austauschbar. Denn LLMs können zwar sehr gut reproduzieren, was bereits existiert. Was sie nicht können, ist etwas wirklich Neues zu produzieren – eine Perspektive, die aus einer echten Erfahrung kommt, eine Beobachtung, die nur aus einem bestimmten Leben entstehen kann.
Das Ergebnis sieht man auf LinkedIn jeden Tag. Content wird besser und gleichzeitig irgendwie austauschbarer. Glatt formuliert, gut strukturiert, mit einem runden Learning am Ende. Und dennoch merkt man: Irgendetwas stimmt nicht. Der Post kommt einem bekannt vor. Man baut keine Verbindung zum Autor auf, keine Wiedererkennbarkeit entsteht, keine Identifikation. Was fehlt, ist genau das, was Kommunikation eigentlich leisten soll: Wirkung. Dass jemand nach dem Lesen anders denkt, anders fühlt, anders handelt. Der begründete Verdacht: Ein übermäßiger Einsatz von KI.
Das Problem zeigt sich nicht nur auf LinkedIn oder Unternehmensblogs. Auch in Interviews, Gastbeiträgen oder Statements wird Kommunikation zunehmend glatter und vorhersehbarer. Wer KI nutzt, um Botschaften zu schleifen, bis keine Kante mehr übrig ist, verliert genau das, was Journalist:innen und Redaktionen interessiert: eine echte Perspektive. Und wer auf Owned-Kanälen eine Haltung kommuniziert, die nicht mit dem übereinstimmt, was er im Interview sagt oder worüber in earned Media berichtet wird, verliert Vertrauen.
Und trotzdem zeigt eine Studie des Helmholtz-Zentrums CISPA, dass Menschen KI-generierte Texte bewusst kaum noch von menschlichen unterscheiden können. Warum spüren wir also trotzdem, dass etwas nicht stimmt?
Das Gehirn weiß es – auch wenn wir es nicht benennen können
Vielleicht liegt die Antwort darin, wie wir als Menschen grundsätzlich auf Echtheit reagieren. Unser Gehirn hat eine eigene Region, die ausschließlich für die Erkennung menschlicher Gesichter zuständig ist: die sogenannte Fusiform Face Area. Wir sind evolutionär darauf trainiert, Echtheit in menschlichen Signalen zu erkennen und darauf zu reagieren. Es wäre zumindest eine naheliegende Hypothese, dass dasselbe für Sprache gilt: dass wir auch im Text instinktiv spüren, ob da wirklich jemand spricht – oder ob errechnet wurde, was wir hören wollen. Was sich daraus als neues Qualitätsmerkmal herausschält, wird "Proof of Human" genannt – der Nachweis, dass da wirklich jemand ist. Wer kommuniziert, muss erkennbar sein. Eine Person oder Organisation mit einer Geschichte, einer Perspektive, einer Haltung, die aus echten Erfahrungen kommt.
Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht (mehr?), denn laut einer Studie von Metricool sehen 38 Prozent der Marketer die Wahrung von Stil und Tonalität als größte Herausforderung beim Einsatz von KI. Und laut Accenture zweifelt bereits mehr als die Hälfte der Verbraucher weltweit an der Authentizität von Online-Inhalten. Das Misstrauen wächst also schneller als die Fähigkeit, KI-Content zu erkennen – ein Hinweis darauf, dass das Gespür für Inauthentizität tiefer sitzt als rationale Einschätzung.
Doch was bedeutet es konkret, authentisch zu kommunizieren? Denn Authentizität bedeutet nicht, alles zu sagen – nicht jeder Gedanke muss nach außen, nicht jede Meinung muss öffentlich sein. Es gibt Privates, und das darf privat bleiben. Authentizität bedeutet: Das, was kommuniziert wird, muss mit dem übereinstimmen, wofür jemand oder etwas tatsächlich steht. Eine klare Haltung haben – und sie konsistent nach außen tragen. Über Kanäle, über Kontexte, über die Zeit hinweg.
Plattformgerecht und authentisch – kein Widerspruch, sondern eine Kompetenz
Authentizität bedeutet dabei nicht, überall gleich zu klingen. Das Gegenteil ist richtig. Verschiedene Kontexte und Kanäle folgen verschiedenen Logiken. Ein Zeitungsinterview folgt anderen Regeln als ein Podcast, eine Rede vor Investoren klingt anders als ein LinkedIn-Post, TikTok funktioniert anders als ein Fachmagazin. Wer überall gleich kommuniziert, wird auf den meisten Kanälen nicht ankommen. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch: Einerseits soll Kommunikation konsistent sein, andererseits soll sie sich anpassen. Aber es ist keiner. Konsistenz bedeutet nicht Uniformität. Es bedeutet, dass dieselbe Haltung in verschiedenen Sprachen ausgedrückt wird – so, dass sie auf diesem Kanal, für diese Zielgruppe, in diesem Kontext funktioniert. Die entscheidende Frage lautet nicht: Was muss ich sagen? Sondern: Wie sage ich das, was ich wirklich meine so, dass es hier ankommt?
Wer diese Frage nicht beantworten kann, bevor er anfängt zu schreiben, produziert Content. Aber keine Kommunikation. Laut Ketchum Trendradar 2026 sind echte Erkenntnisse, Erlebnisse und Persönlichkeit der entscheidende Differenzierungsfaktor – gerade weil KI alles andere beschleunigt. Der Edelman Trust Barometer zeigt: Vertrauen entsteht dort, wo Menschen und Unternehmen konsistent handeln und transparent kommunizieren – unabhängig vom Kanal.
Wie das gelingt – und wie es scheitert – lässt sich in der politischen Kommunikation besonders anschaulich beobachten. Heidi Reichinnek spricht im WDR-Podcast "Auf einen Döner" anders als im Magazin-Interview – und nochmal anders im Bundestag. Locker und direkt hier, analytisch dort, mitreißend im Plenum. Die Sprache, das Tempo, das Format ändern sich. Die Haltung nicht. Auf der anderen Seite erinnern sich vielleicht manche noch an die TikToks von Olaf Scholz: Sein @TeamBundeskanzler-Account erzielte durchaus Reichweite, ein Video über seine Aktentasche kam auf 3 Millionen Views. Aber man nahm ihm nicht ab, dass er wirklich er selbst ist – auf dieser Plattform, in diesem Format. Statt zuzuhören machte man sich über die Aktentasche lustig. Die Kommunikation entfaltete keine Wirkung.
Das gilt in der Unternehmenskommunikation genauso. Die zentrale Herausforderung ist, herauszuarbeiten, wofür das eigene Unternehmen steht – und wie sich das so formulieren lässt, dass es Anklang bei der Zielgruppe findet, ohne dass es aufhört, nach ihm zu klingen. Ein besonders großes Potenzial hat dabei die CEO-Kommunikation: Auf LinkedIn erzielen CEO-Profile heute oft mehr Reichweite als die eigene Unternehmensseite. Doch gerade hier ist Authentizität besonders wichtig – denn es geht nicht nur darum, was gesagt wird, sondern dass es wirklich nach dieser Person klingt.
Authentizität ist keine Technik. Sie ist eine Voraussetzung.
Je mehr Content automatisch produziert werden kann, desto wertvoller wird das, was nicht automatisiert werden kann: eine erkennbare Stimme, eine echte Perspektive, das Gefühl, dass da wirklich jemand spricht. Genau das ist es, was unser Gehirn sucht und was "Proof of Human" als neues Qualitätsmerkmal so relevant macht.
Das bedeutet nicht, dass KI in der Kommunikation nichts zu suchen hätte – im Gegenteil. Als Werkzeug ist sie mächtig. Aber entscheidend bleibt, was der Mensch hineingibt: seine Perspektive, seine Erfahrung, seine Haltung. KI verstärkt. Sie ersetzt nicht.
Über die Autorin: Lea Dirnhofer ist Attention Manager bei der PR-Agentur hypr, wo sie Personen und Unternehmen der Digitalbranche in CEO-/Executive-Kommunikation berät.