Kommentare & Kolumnen Misslungene Fußball-Kommunikation Warum mir das WM-Aus leider kaum noch weh tut
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- von Joris Duffner, Dortmund
Über Nagelsmanns fragwürdige Kommunikation nach dem WM-Aus wurde schon viel geschrieben. Hinzuzufügen ist nicht mehr viel. Auch dieser Text hat keine völlig neue Perspektive. Ihn zu schreiben, wollte ich mir trotzdem nicht nehmen lassen. Denn was mit der Nationalmannschaft passiert ist, sagt einerseits viel über den deutschen Fußball aus, andererseits auch einiges über völlig misslungene Kommunikationsansätze. Seit Jahren. Unabhängig von Nagelsmann. Hängt am Ende beides zusammen?
Es tut mir leid, aber das WM-Aus löst bei mir nicht besonders viel aus. Ich würde gerne traurig sein, aber ich spüre so gut wie nichts. Bei der Nationalmannschaft habe ich seit 2016 nicht mehr viel gefühlt.
2016? 2014 war natürlich der Höhepunkt. Schürrles Flanke, Götzes Tor, mir kommen immer noch die Tränen. Dieses perfekte Schlussbild einer Geschichte, die Jahre zuvor mit dem Sommermärchen begonnen hatte. Aber vorbei war es danach noch nicht. 2016 ging noch etwas bei der EM, das vergessen viele! Boateng, Hummels, Neuer: Das war die beste Abwehr der Welt. Diese Elf von 2016 wirkte selbstbewusst, angekommen. Sie musste sich vor niemandem mehr verstecken, weil sie zwei Jahre zuvor schon alles erreicht hatte: das 7:1, den Titel, den Mythos. Auch das Halbfinale gegen Frankreich war knapper, als es die Erinnerung manchmal macht. Der unglückliche Handelfmeter durch Schweini, die verpassten Chancen, es hätte noch einmal reichen können fürs Finale, für den Titel?
Danach passierte irgendetwas. Lag es an mir?
Es begann in der Phase, als aus der Nationalmannschaft kommunikativ „Die Mannschaft“ wurde. Warum das so schief wirkte, zeigt der Vergleich mit den Niederlanden. Begriffe wie „Elftal“ (frei übersetzt "Mannschaft") sind nicht am Konferenztisch entstanden. Sie kommen aus Fußballkultur, Fans, Medien. Sie setzen sich durch, weil sie benutzt werden, nicht weil ein Verband sie ausrollt. Beim DFB war es hingegen umgekehrt: zu viel Top-down, zu viel Senderlogik, zu viel Wille, ein Gefühl zu erzeugen, das sich nicht verordnen lässt. Aus einer Mannschaft, die Menschen ohnehin so nannten, wie sie sie nennen wollten, wurde zunehmend ein Kommunikationsprodukt. Warum eigentlich? Die Euphorie nach 2014 war doch da, da hätte man nichts mehr überstülpen müssen.
Dazu kam, dass auch der internationale Fußball selbst immer schwerer zu romantisieren war. 2018 fand die WM in Russland statt, vier Jahre nach der Annexion der Krim. Dass ein Turnier, das weltweit Gemeinschaft und Begeisterung erzählen wollte, dort ausgetragen wurde, war schon damals absurd. Auch ich habe das damals viel zu wenig hinterfragt, die Ukraine schien einfach so weit weg, ein regionaler Konflikt irgendwo im Osten. Wie falsch diese Einschätzung war, sollten wir erst Jahre später realisieren. 2021 folgte die paneuropäische EM mitten in der Corona-Zeit, offiziell noch als EM 2020, tatsächlich aber unter Bedingungen, die mit unbeschwerter Fußballnähe wenig zu tun hatten. Und 2022 kam Katar: ein Turnier, bei dem vor dem ersten Anpfiff mehr über Menschenrechte und Korruptionsvorwürfe gesprochen wurde als über Fußball.
Joachim Löw blieb nach dem historischen Vorrunden-Aus in Russland im Amt, obwohl schon damals vieles für einen klaren Schnitt gesprochen hätte. Er selbst hat später eingeräumt, dass das ein Fehler war. Auch das ist Teil der Geschichte. Dann kam das Intermezzo mit Flick. Aber darum soll es hier nicht gehen.
Selbst bei der Heim-EM 2024, als für kurze Zeit wieder Stimmung entstand, war dieses Gefühl bei mir nicht mehr richtig da. Ich habe gesehen, dass viele wieder etwas gespürt haben, habe aber nicht mehr verstanden, warum. Vielleicht aus Pflichtgefühl zur Begeisterung. Es blieb seltsam gedämpft. Und natürlich tragen auch jetzt das absurde Turteln von Infantino mit Trump und die Werbe-Trinkpausen zum Verdruss bei.
Das alles ist nicht ein DFB-Problem. Aber die Versuche des Verbands in dieser Zeit, Haltung zu zeigen und das Verhältnis zur Öffentlichkeit, zu den Fans immer wieder zu kitten, waren eher der Amateurliga als dem Profifußball zuzuordnen. Die Regenbogenbinde von Manuel Neuer bei der EM 2021, die One-Love-Debatte bei der WM 2022, die Geste mit den zugehaltenen Mündern vor dem Japan-Spiel: Viele Anliegen dahinter waren richtig, trotz Gegenwind aus Teilen der Fankurve. Vielfalt, Respekt und Menschenrechte sind keine Nebensächlichkeiten. Kommunikativ aber wirkte auch das oft unbeholfen. Weil aus Haltung zu schnell Symbolverwaltung wurde. Plötzlich wurde mehr über Binden, Verbote, Gesten und politische Botschaften gesprochen als über die Mannschaft und den Fußball selbst. Der DFB wollte Nähe herstellen und landete wieder in einer Meta-Debatte über seine eigene Kommunikation. Dann die Kehrtwende: Die Marke „Die Mannschaft“ wurde nicht mehr aktiv beworben, aber ein neuer Ansatz fehlte, war zumindest nicht erkennbar.
Hier liegt das Grundproblem des DFB seit fast einem Jahrzehnt. Er müsste Stimmungen aufnehmen und verstärken, statt sie künstlich erzeugen zu wollen. Er müsste zuhören, bevor er sendet. Er müsste endlich akzeptieren, dass Identität im Fußball nicht von innen nach außen beschlossen werden kann, sondern von außen getragen werden muss.
Zurück zu Nagelsmann: Vor diesem Hintergrund wirken seine Aussagen rund um das Aus nicht wie ein einzelner kommunikativer Ausrutscher, sondern wie die Fortsetzung dieser Denke. Vor dem Spiel gegen Paraguay sagte er sinngemäß, er verspüre keine Beweispflicht gegenüber anderen, sondern in erster Linie gegenüber seinen Spielern. Doch „die anderen“ sind bei einer Nationalmannschaft nicht einfach die anderen. Sie sind der Resonanzraum, ohne den diese Mannschaft gar keine Nationalmannschaft wäre.
Nach dem Ausscheiden wurde es nicht besser. Nagelsmann sagte, er stehe zur Verfügung und sei keiner, der wegläuft. Auch das ist menschlich verständlich. Aber kommunikativ blieb diese Reaktion, wie leider schon bei Löw, sehr stark bei ihm selbst. Die größere Frage wäre gewesen, warum andere überhaupt noch dableiben sollen. Warum Fans, Öffentlichkeit, vielleicht auch Teile der Mannschaft noch daran glauben sollen, dass dieser Weg mehr ist als die nächste Analyse nach der nächsten Enttäuschung.
Hätte Deutschland mit besserer Kommunikation gegen Paraguay gewonnen? Natürlich nicht. Kommunikation schießt keine Tore, hält keine Elfmeter. Aber sie schafft das Resonanzfeld, auf dem eine Nationalmannschaft spielt. Das ist das Versäumnis des DFB: Nicht, dass schlechte Kommunikation dieses eine Spiel verloren hätte. Sondern dass über Jahre ein Klima entstanden ist, in dem selbst ein WM-Aus kaum noch weh tut.
Ich würde einfach gerne wieder etwas spüren. Wer gibt uns das Gefühl zurück? Ein österreichischer Getränkehersteller?