Kommentare & Kolumnen Voll auf die Presse, Olivia Harder! „Vertrauen ist keine Einbahnstraße”
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- von Nils Wigger, Berlin
Nach ihrem Studium der Philosophie, Politikwissenschaften, Geografie und Soziologie in Gießen zog es Olivia Harder in den Wirtschaftsjournalismus. Seit 2019 arbeitet sie beim Wirtschaftsfachverlag FAZ Business Media (FBM) und ist heute als Redakteurin beim Fachmagazin Finance und als Chefin vom Dienst bei Finance-Online tätig. Zu ihren thematischen Schwerpunkten gehören Finanzthemen rund um das Private-Equity- und M&A-Geschäft. Im Interview erklärt die Fachjournalistin unter anderem, wie sie selbst zum Journalismus gefunden hat und warum Vertrauen sowie ein starkes persönliches Netzwerk in ihrer Branche die wichtigsten Währungen sind. Außerdem erzählt sie, wie sie KI als Werkzeug in den Redaktionsalltag integriert, ohne ihre eigene Autorenschaft zu verlieren und was sie sich für die Zusammenarbeit mit PR-Schaffenden wünscht.
PR-Journal: Olivia, fangen wir ganz vorne an: Wie bist du zum Journalismus gekommen?
Olivia Harder: Ich bin eine von diesen Journalistinnen, die schon als Kind Journalistin werden wollte. Eigentlich wollte ich zuerst Detektivin werden, und letztendlich ist Journalismus ja irgendwie auch eine Mischung aus Schreiben und detektivischem Arbeiten. Und dann habe ich, seitdem ich wusste, dass ich Journalistin werden will, immer darauf hingearbeitet. Angefangen habe ich noch während der Schulzeit als freie Mitarbeiterin bei einer Lokalzeitung, ohne das in irgendeiner Form gelernt zu haben. Da habe ich ab und an Feedback von der Chefredaktion bekommen, aber das war es auch. Als ich dann von der Schule ging, habe ich mir im Prinzip auf eigene Faust so eine Art Berufsberatung eingeholt. Ich habe damals bei der FAZ angerufen, ich glaube bei der Personalabteilung und habe gesagt: “Ich würde gerne Journalistin werden. Was mache ich da am besten?” Eine nette Mitarbeiterin hat mich tatsächlich mit einem Redakteur verbunden, mit dem ich wenige Tage später telefonieren durfte. Und der wiederum hat mir geraten, etwas zu studieren, was mir Spaß macht, wo ich mir Fachwissen aneignen kann und das journalistische Handwerk hands-on bei einem Volontariat zu erlernen. Ich habe mich dann für Philosophie entschieden, im Studium ein Praktikum beim Gießener Anzeiger absolviert und dort später auch als freie Mitarbeiterin weitergeschrieben.
Nach dem Studium war die FAZ immer noch mein Traum. Dort habe ich zwar anfangs Absagen kassiert, aber nach einem sehr guten Bewerbungsgespräch bei der FAZ Business Media – dem Verlag, bei dem ich auch heute noch bin – bekam ich eine Stelle. Geplant war eigentlich eine Rotation durch die Redaktionen, aber bei meiner ersten Station beim Magazin Finance habe ich mich direkt in das Team und die Themen verliebt und hatte dann Glück und habe mein Volontariat dort beenden dürfen.
PRJ: Fiel es dir leicht, nach deinem Studium ins journalistische Schreiben reinzukommen und wie war der Einstieg in die Finanzthemen für dich?
Harder: Ich kam damals aus einem Philosophie- und Soziologie-Background in diese harten Finanzthemen rein und musste mir erst mal alle Inhalte komplett neu und selbst erarbeiten. Ich erbte das M&A-Ressort und wusste gerade mal, was die Abkürzung bedeutet. Man wird am Anfang natürlich extrem auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, wenn die ersten Texte redigiert werden. Man schreibt, wie man es von der Uni gewohnt ist, und fragt sich schon öfter mal, ob man hier vielleicht falsch ist. Aber irgendwann hat sich der Schalter umgelegt, auf einmal habe ich die Terminologie besser verstanden und dann bin ich auch in dieser Zahlenwelt angekommen. Trotzdem lerne ich fast täglich noch Neues dazu, einfach weil man als Fachjournalistin, glaube ich, einen sehr hohen Anspruch an die Themen hat, mit denen man sich beschäftigt. Und je tiefer man einsteigt, desto mehr findet man auch immer wieder Aspekte, von denen man noch nicht wusste.
PRJ: Als B2B-Medium schreibt ihr für absolute Brancheninsider. Wie unterscheidet sich eure Arbeit von klassischen General-Interest-Medien und woher bekommst du deine Geschichten?
Harder: Der Anspruch an die fachliche Tiefe ist deutlich größer, weil unsere Leserschaft vom Fach ist. Es ergibt keinen Sinn, sie über Themen zu belehren, mit denen sie sich tagtäglich selbst beschäftigen. Die ganze Bandbreite an klassischen Ratgeber-Themen fällt dadurch bei uns weg. Da ich hauptsächlich über Private-Equity schreibe, kommen meine Ideen und Aufhänger aus meinem Netzwerk und durch den Austausch mit unserer Community – also mit Finanzentscheidern aus Unternehmen, Finanzinvestoren und Corporate-Finance-Beratern. Dabei liegt der Mehrwert für unsere Leser und Leserinnen letztlich in der Exklusivität der Nachrichten. Das kann ein Personalwechsel sein, Markt-News oder tiefergehende Analysen, die neue Perspektiven bieten. Ein Finanzierungsberater blickt beispielsweise ganz anders auf den Markt als ein Kreditnehmer. Diese unterschiedlichen Perspektiven aufzuzeigen, ist für viele extrem hilfreich.
Letztens war ich zum Beispiel mit einem Private-Equity-Manager Kaffee trinken – ein ganz normaler Termin für mich, in den ich ohne feste Erwartungen gegangen bin. Im Gespräch sind wir auf KI gekommen und wie diese ihr Haus beeinflusst, sowohl auf der Ebene des Private-Equity-Investors und auch auf der Ebene der Portfoliounternehmen. Und da erzählte er mir von seiner These, dass Künstliche Intelligenz Analysten auf der Einstiegsstufe künftig überflüssig machen würde. Da bin ich natürlich hellhörig geworden. Das war der perfekte Aufhänger: Daraus ist eine Recherche entstanden, in der ich im nächsten Schritt mit anderen Investoren spreche, um zu prüfen, ob sie die Lage genauso einschätzen. Und genau auf diese Weise entstehen viele meiner Artikel.
PRJ: Das Thema KI beschäftigt aktuell die gesamte Medienlandschaft. Wie sieht euer Redaktionsalltag bei Finance diesbezüglich aus?
Harder: Für die journalistische Tätigkeit selbst gibt es momentan wohl kaum ein wichtigeres Thema als KI. Wir nutzen KI in der Redaktion sehr intensiv, was auch von der Geschäftsführung unterstützt wird. Uns steht eine sichere interne Umgebung zur Verfügung, an die ChatGPT, Gemini und Claude angedockt sind. Für die Recherche nutze ich außerdem Perplexity sehr gerne. Für regelmäßige Aufgaben habe ich mir in unserer Systemumgebung auch noch eigene Agenten auf Claude-Basis gebaut – zum Beispiel zur Textformulierung oder zur Unterstützung bei meinen Moderationen, da wir ein recht großes Veranstaltungsportfolio betreuen.
Ich finde es aber total wichtig, den Unterschied zu machen: Die KI schreibt keine Texte für uns, sondern sie unterstützt uns beim Schreiben. Auch wenn ein Prompt noch so gut ist – so wie die KI Texte ausgibt, werden sie bei uns nicht veröffentlicht. Da müssen mein eigener Stil, mein Fachwissen und vor allem die journalistische Sorgfalt einfließen. Wir müssen als Autoren voll und ganz hinter unseren Texten stehen, und sobald dieses Gefühl verloren geht, hat die KI zu viel übernommen. Schließlich stehe ich mit meinem Autorennamen letztlich für den Inhalt gerade.
PRJ: Neben dem Schreiben bist du auch als Moderatorin auf euren Konferenzen, im Podcast und bei Finance TV sehr präsent. Wie wichtig ist das Thema „Personal Brand“ für dich im Fachjournalismus?
Harder: Für mich persönlich und für meinen Job ist das essentiell, aber absolut nicht im Sinne von Selbstdarstellung. Das Netzwerk baut sich nicht auf, wenn man den ganzen Tag nur in der Redaktion sitzt und genau in diesem Rahmen spielt die persönliche Brand eine entscheidende Rolle. Man muss Vertrauen aufbauen, in dem Sinne, dass man mit seinem Namen für Qualität und Vertrauenswürdigkeit steht. Wenn Marktteilnehmende mit mir sprechen, müssen sie wissen, dass ihre Informationen in sicheren Händen sind und im Artikel sauber eingeordnet werden. Vertrauen funktioniert nicht als Einbahnstraße.
PRJ: Wenn du auf deinen Markt blickst: Welche Themen werden in den Medien aktuell überbewertet und wo siehst du einen blinden Fleck?
Harder: Absolut überbewertet wird in meinem Bereich aktuell das Thema „Private Credit in der Krise“. Das wird in der deutschen Medienlandschaft oft unkritisch aus den USA übernommen – nach dem Motto: Was dort ein großes Thema ist, kommt auf jeden Fall auch nach Deutschland. Was ich jedoch aus dem Markt mitnehme, ist, dass die Kreditfonds hierzulande viel besser mit Liquidität ausgestattet und die Investoren längst nicht so nervös sind. Die Marktteilnehmer sind sich gar nicht sicher, ob diese Krise überhaupt nach Deutschland überschwappt.
Ein Thema, über das wir dagegen mehr und kritischer sprechen sollten, ist das Selbstverständnis der Branche. Finanzinvestoren präsentieren sich unheimlich gerne als die großen Partner und Retter des Mittelstands. Das ist jedoch oft nur ein Narrativ. Der Mittelstand, der wirklich Kapital braucht, um eine harte digitale Transformation zu stemmen, bekommt von Private-Equity häufig gar kein Geld, weil das Geschäftsmodell nicht attraktiv genug ist oder nicht schnell genug Rendite verspricht. Da gehen das glatte Selbstbild und die Realität stark auseinander. In unserer sehr newsgetriebenen Berichterstattung gehen solche tieferen, strukturellen Themen, und moralische Fragen leider manchmal unter.
PRJ: Zum Abschluss: Was wünschst du dir ganz konkret für die Zusammenarbeit mit PR-Schaffenden?
Harder: Was wirklich anstrengend ist, sind völlig unpassende Themenvorschläge, bei denen man direkt merkt, dass sich nicht angeschaut wurde, was wir eigentlich machen. Wenn man dann im stressigen Tagesgeschäft absagt und am Telefon kein „Nein“ akzeptiert wird, ist das ein extremer Zeitfresser. Mein Wunsch ist: Setzt euch wirklich mit unserem Medium auseinander und bevor ein Pitch komplett danebengreift, ruft lieber direkt an und sagt: „Ich habe euer Medium gesehen und das Gefühl, es könnte passen. Können wir uns kurz abstimmen, was eure Schwerpunkte sind?“ Für so ein transparentes Gespräch nehme ich mir gerne zehn Minuten Zeit, weil es am Ende zu viel besseren Themen führt. PR-Schaffende müssen ja letztlich auch gut zwischen beiden Seiten vermitteln können. Ein fruchtbarer Diskurs und ehrliche Hintergrundgespräche auf Augenhöhe bringen uns alle viel weiter, als im schlimmsten Fall später Zitate komplett zu blockieren. Wir Journalisten müssen umgekehrt aber auch bereit sein, Feedback zu geben und Kontakten eine Chance zu bieten – man weiß im Netzwerk schließlich nie, wo man sich im Laufe der Zeit wieder begegnet, auch wenn ein Themenvorschlag vielleicht beim ersten Mal nicht ganz ins Schwarze trifft.
Über den Autor: Nils Wigger ist Managing Partner von DUNKELBLAU | 360°. DUNKELBLAU | 360° unterstützt Unternehmen in komplexen B2B-Märkten dabei, Stakeholder-Beziehungen zu systematisieren und begleitet strategische Veränderungsprozesse kommunikativ – immer in enger Verzahnung mit den Leipziger Krisen-Experten von DUNKELBLAU. Wigger verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der strategischen Kommunikation mit Schwerpunkt auf B2B-Tech und dem politischen Umfeld. Vor DUNKELBLAU | 360° leitete er als COO u.a. die Agentur getpress und war in der Kommunikation bei WAGO, dem Luftfahrtverband BDL und Brose tätig.