Kommentare & Kolumnen Populistische PR Die Politik kommuniziert misslungen, die AfD ist aber kein Vorbild

Ich könnte diesen Text mit „Es war einmal“ beginnen. Denn es geht um Geschichten. Also: Es war einmal eine Bielefelder Agentur, die es sich zur Aufgabe machte, Geschichten zu erzählen, oder wie sie es selbst erklärt: „Für uns zählen nur Geschichten. Wir blicken auf die Geschichten hinter den Geschichten – auf echte Menschen mit wahrhaftigen Visionen und Ideen.“ So wird die Pressearbeit der Agentur „The Trailblazers“ auf ihrer Homepage erklärt. Ihr CEO, Jannis Johannmeier, veröffentlichte kürzlich hier im PR-Journal den Text: „Hört auf, die AfD zu unterschätzen und fangt an, von ihr zu lernen.“ Steiler Titel. Provokant, so wie es auch die AfD machen würde. Meine Aufmerksamkeit hatte er damit. Jedoch nicht meine Zustimmung.

Hier ist sich Schwien mit Johannmeier einig: Die etablierten Parteien schöpfen nicht ihr Potenzial aus. (Foto: NW)

Denn vieles, was er sagt, ist märchenhaft, weil er Beispiele für gute Kommunikation nennt, die seinem eigenen Unternehmensethos nicht entsprechen.

Bei den „Trailblazers“ heißt es auf der Homepage nämlich, sie blicken „Auf Personen, die Verantwortung übernehmen und wirklich etwas verändern wollen.“ Warum er die AfD da als „positives“ Beispiel hervorhebt, bleibt fraglich. Ein Schelm würde vermuten, dass das mehr Aufmerksamkeit generiert.

Zur Erinnerung: Das macht die AfD laut Johannmeier richtig:

  • „Sie wiederholt eine einzige, simple Botschaft, bis sie sitzt, und weicht ihr nie aus, auch nicht unter Druck. (…) Die Mitte dagegen relativiert, wechselt die Formulierung von Woche zu Woche und ist sich selbst nicht einig.“
  • „Sie spricht so, wie Menschen tatsächlich reden, nicht wie ein Ministerialroboter.“
  • „Sie tritt auf, als hätte sie nichts zu verlieren. Sie provoziert bewusst, weil Aufmerksamkeit die härteste und wichtigste Währung der Gegenwart ist und Empörung die günstigste Art, sie zu bekommen.“

Ich frage mich, ob Johannmeier seine eigene Strategie oder die der AfD erklärt. Zudem macht er in seiner Argumentation genau das falsch, was er den Altparteien vorwirft: Er ist unkonkret – und denkt seinen eigenen Gedanken nicht zum Schluss durch. Welche Botschaft wiederholt die AfD denn? Dass Ausländer dem Land schaden? Und weil die Partei das fleißig trotz aller Widerstände wiederholt, ist sie erfolgreich?

Ein ähnliches Beispiel aus der Politik. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärt der Öffentlichkeit regelmäßig, dass sie mehr arbeiten solle. Er wird emotional, zornig, erklärt, dass der Staat nur weiter funktioniere, wenn wir uns alle mehr anstrengen würden. Er provoziert mit Aussagen über „Paschas“ und erschlichenen Zahnarztbehandlungen von Geflüchteten. Beliebt ist Merz laut Umfragen dadurch nicht.

Merz kann aber auch anders: An vielen Stellen ist er sehr konkret und hält sein Wort. So zum Beispiel am Tag des CSD-Anschlags in Berlin. An einem Tag reiste Merz zum Anschlagsort, begleitete einen Trauergottesdienst für die Opfer, gab eine Pressekonferenz, stieg ins Flugzeug, ernannte einen Verkehrsminister, landete, fuhr mit dem Auto in die Paderborner Innenstadt und hielt eine Rede anlässlich der hiesigen Libori-Festlichkeiten. All das in wenigen Stunden. Ist das „unsicheres, schwammiges Gedaddel“ von dem Johannmeier spricht?

Öffentlichkeits- und Pressearbeit ist ein wichtiges Feld. Doch es ist ein strategischer Fehler, die Regeln dieses Systems auf den Rest der Gesellschaft zu übertragen. Denn es geht nicht immer um Profit. Es geht nicht immer um Reichweite. Und es geht sicherlich nicht darum, der Lauteste zu sein.

Wo ich Johannmeier recht gebe: Die etablierten Parteien schöpfen nicht ihr Potenzial aus. Misslungene Kommunikation ist sicherlich ein Teil davon, aber doch nicht alles. Vor allem fehlt es an Innovationskraft und Lösungen, die der Bevölkerung unmittelbar helfen. Diese Lösungen finden sich primär im Handeln und nicht im Reden.

Johannmeier konzentriert sich bei seiner Lösung auf eine starke Botschaft, deren Kerne geprüft werden und rote Linien enthalten. Doch wo führt das hin? Ist das nachhaltig?

Bleiben wir beim Motiv der Geschichten. Hier ist eine Geschichte über einen Boris Johnson, der mit dem Brexit eine starke Botschaft für den eigenen, kurzfristigen Machterhalt hatte, seinem Land wirtschaftlich schadete und von der politischen Bühne verschwand.

Oder wie wäre es mit der Geschichte über Sebastian Kurz, der Österreich im Sturm mit einer reichweitenstarken Kampagne eroberte, nur um unter der Last eines Korruptionsverdachts und der Zusammenarbeit mit Populisten einzuknicken? Erinnert sich noch jemand an die grandiose Kommunikation der italienischen Politiker Matteo Salvini? Oder Silvio Berlusconi, der ein ganzes Medienimperium als Wahlkampfhelfer besaß? Was ist mit Viktor Orbán?

Diese Geschichten ließen sich endlos weiterführen und in ein paar Jahren vielleicht mit der AfD und Donald Trump beenden. Wie man im Strudel der sozialen Medien, der digitalen Welt und Algorithmen ferner US-Konzerne, die negative Emotionen begünstigen, auf politischer Ebene wirklich „Propaganda – for the Good“ – wie es in Johannmeiers Buch heißt – betreibt, verrät er nicht. Vielleicht, weil das Buch selbst dem Zwecke dient, zu provozieren und Aufmerksamkeit zu erzielen, statt sehr konkrete Lösungen anzubieten – ganz ähnlich, wie die AfD.

 

Über den Autor: Felix Schwien ist Journalist und Redakteur in der Lokalredaktion Paderborn der Neuen Westfälischen. Er hat Literaturwissenschaft und Soziologie in Bielefeld studiert und schreibt unter anderem über Wirtschafts- und Verbraucherthemen.

Seitennavigation