Ein Screenshot aus dem Werbeclip von Volkswagen bei Instagram, der klar rassistische Merkmale aufwies.

Am 22. Mai veröffentlichte das „PR-Journal“ mit freundlicher Genehmigung des Autoren einen Beitrag von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach zu einem rassistischen Werbeclip von Volkswagen. Der Artikel war zuvor unter der Überschrift „Why Bildung matters und Diversity rulez“ im Blog „Haltungsturnen“ von Lünenbürger-Reidenbach erschienen. Lünenbürger-Reidenbach, der im Hauptberuf CEO von Burson Cohn & Wolfe ist, hatte in seinem privaten Blog "Haltungsturmen" als Ursache für die Veröffentlichung eines rassistischen Werbeclips bei Volkswagen eine Kombination aus mangelnder Bildung der Führung und nicht vorhandener Diversität im Team diagnostiziert. Zu diesem Beitrag hat uns jetzt Hendrik Reinert aus Oldenburg einen Leserbrief geschickt. Er bringt noch eine andere Ursache ins Spiel.

Leserbrief von Hendrik Reinert vom 29. Juni 2020

„Sehr geehrter Herr Lünenbürger-Reidenbach,

bezüglich Ihres Artikels vom 22. Mail zum „Petit-Colon-Werbespot“ habe ich als Ergänzung einen weiteren Erklärungsansatz, wieso dieser Spot inhaltlich und zeitlich so positioniert wurde.

Anfang Mai waren die Probleme rund um die Produktion und Softwareprogrammierung des GOLF 8 auf ein Ausmaß angewachsen, dass sie die Ergebnislisten der Suchmaschinen dominierten. Zusätzlich zu den durch die Covit19-Pandemie global massiv geschwächten Absatzmärkten drohte VW und seinem Zugpferd GOLF 8 ein massiver Absatzverlust durch den Imageschaden, weil jeder verbleibende potentielle Käufer, der online über das bisherige Erfolgsmodell Informationen suchte, vorrangig mit Informationen zu produktionstechnischen und softwarebasierten Problemen konfrontiert wurde.

Die Problematik war bei VW seit längerem bekannt Eine auch mediale Eskalation konnte nicht ausgeschlossen werden. Zeit genug also, um eine PR-Nebelkerze in Auftrag zu geben.

Entgegen der Annahme einiger Journalisten (auch bei Ihnen schwingt das mit), ein Konzern wie VW sei mit den Anforderungen der Kommunikation und der Vermarktung in sozialen Netzwerken überfordert, denke ich, dass die PR- und Marketingabteilungen hier auf höchstem – wenn auch fragwürdigem Niveau – mitspielen. Internationale Konzerne kontrollieren durch gezielten Einsatz von (teils manipulierten, teils lancierten) Inhalten Informationsflüsse zunehmend und sehr erfolgreich. Für den rassistischen Spot bedeutet dies: die PR-Verantwortlichen des Volkswagen-Konzerns waren sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur zu jedem Zeitpunkt des rassistischen Inhalts des Sports bewusst, sie wussten nicht nur um die Aufmerksamkeit, Empörung und die Kritik, die der Spot im Netz hervorrufen würde. Nein, der Werbespot wurde meiner Ansicht nach bewusst dahingehend gestaltet und zu einem Zeitpunkt eingesetzt, als von Negativschlagzeilen abgelenkt werden musste, die die Kernkompetenz des Konzerns in Frage stellten. Der vermeintlich versehentlich entstandene Rassismus in einem Spot ist mit einigen Worten der Entschuldigung sicher eher vergessen, als massive Fertigungs- und Softwareprobleme beim Prestigemodell. Kaum etwas bindet hingegen so effektiv mediale Aufmerksamkeit wie offen zur Schau gestellter, oder – in diesem Fall – scheinbar nachlässig versteckter Rassismus. Ein klassischer Fall von Message Control.

Die Aufklärung über die Manipulationsmöglichkeit von Informationsflüssen durch die Nutzung sozialer Netzwerke sollte in der journalistischen Beurteilung von Meldungen eine größere Gewichtung bekommen, damit künftig Nachrichten und rein manipulative Inhalte (Propaganda) erfolgreicher voneinander unterschieden werden können. Eine unreflektierte Verstärkung der Empörungswelle durch die konventionellen Medien, ohne die Möglichkeit wenigsten mitzudenken, dass hinter der Empörungsursache eine systematische Überlegung und Absicht des Urhebers stecken könnte, schwächt den Diskurs. Abschließend möchte ich betonen, dass jedwede Form von offenem oder verstecktem Rassismus verabscheuungswürdig ist, die Empörung gegenüber dem im „Petit-Colon-Werbespot“ zur Schau gestellten Rassismus angebracht und berechtigt ist und die Benutzung von Rassismus für ein mediales Ablenkungsmanöver eine mindestens gleichsam starke Empörung in uns hervorrufen sollte.

Mit herzlichem Gruß
Hendrik Reinert, Oldenburg“


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