Rezensionen Erste brauchbare Vermessung Tina Sprung: 30 Minuten Generation Alpha
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- von Markus Kiefer, Heiligenhaus
Wer jetzt schon über die „Generation Alpha“ nachdenkt, riskiert den Vorwurf der Überhitzung. Schließlich sind viele von ihnen noch Kinder. Und währenddessen sind zahlreiche Organisationen nicht einmal mit der Gen Z wirklich im Reinen. Das greift allerdings zu kurz. Denn die ersten Alphas stehen längst vor der Tür von Praktika und Ausbildung. Wer erst reagiert, wenn sie im Bewerbungsprozess auftauchen, ist zu spät. Die eigentliche Herausforderung beginnt vorher: bei Sichtbarkeit, Relevanz und Glaubwürdigkeit in einer Lebenswelt, die mit klassischen Kommunikationslogiken nur noch wenig zu tun hat.
Diese Generation wächst nicht digital auf – sie existiert digital. KI, Sprachinterfaces und permanente Vernetzung sind kein Fortschritt, sondern Ausgangslage. Medien werden nicht mehr „genutzt“, sie sind Umgebung. Entsprechend verschieben sich auch Autoritäten: Orientierung kommt weniger von Institutionen als von Peers, von Creatorn, oft von Gleichaltrigen. Wer hier noch auf Hochglanzkampagnen und zentral gesteuerte Botschaften setzt, sendet ins Leere.
Der vielleicht wichtigste Unterschied: Generation Alpha erwartet Beteiligung. Nicht als nettes Add-on, sondern als Standard. Sie will mitreden, mitgestalten, mitentscheiden – auch bei Konsumfragen im familiären Kontext. Unternehmen, die weiterhin Einwegkommunikation betreiben, werden nicht abgelehnt, sondern schlicht ignoriert.
Für Kommunikation und HR bedeutet das eine unbequeme Konsequenz: Es reicht nicht, bestehende Gen-Z-Strategien zu verlängern. Der nächste Schritt ist kein Feinschliff, sondern ein Perspektivwechsel. Glaubwürdigkeit entsteht nicht mehr durch Formate, sondern durch erlebbare Praxis. Junge Mitarbeitende und Auszubildende werden zu den eigentlichen Absendern. Hierarchie verliert kommunikativ an Wert, Inszenierung an Wirkung.
Gleichzeitig wächst hier eine Zielgruppe von globaler Dimension heran – rund zwei Milliarden Menschen, mit Schwerpunkten klar außerhalb Europas. Wer heute nur lokal denkt, unterschätzt die Dynamik der kommenden Jahre erheblich.
Das Buch von Tina Sprung liefert dafür eine brauchbare erste Vermessung: weniger gesicherte Erkenntnis als strukturierte Annäherung. Genau darin liegt sein Wert – als Impulsgeber für die richtigen Fragen, nicht als Sammlung fertiger Antworten.
Und vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Themas: Es zwingt Organisationen, früher als gewohnt über Dinge nachzudenken, für die es noch keine belastbaren Blaupausen gibt. Wer darauf wartet, wird es später schwer haben, Anschluss zu finden.
Was sollen Kommunikationsmanager mit der Lektüre anfangen? Wie lassen sich die Informationen und Einsichten auf die operative Ebene bringen?
Drei konkrete Workshop-Formate für Kommunikationsverantwortliche, die den Einstieg erleichtern können:
- Lebenswelt-Immersion statt Zielgruppenfolie: In einem halbtägigen Workshop analysieren Teams reale Plattformen (TikTok, Roblox, Twitch) anhand konkreter Beispiele, zerlegen erfolgreiche Formate und übersetzen diese in erste eigene Prototypen. Ziel ist nicht Verständnis „über“ die Generation, sondern ein praktisches Gefühl „für“ ihre Kommunikationslogik.
- Glaubwürdigkeits-Check mit Perspektivwechsel: Gemeinsam mit Auszubildenden oder jungen Mitarbeitenden werden bestehende Kommunikationsmaßnahmen schonungslos gespiegelt. Was wirkt gestellt, was ist nachvollziehbar, was interessiert überhaupt? Daraus entstehen konkrete Leitlinien, wer künftig sprechen sollte – und wer besser nicht.
- Formatlabor statt Kampagnenplanung: In kurzen Sprints entwickeln interdisziplinäre Teams spielerische, interaktive Kommunikationsformate (z. B. Challenges, dialogische Serien, Co-Creation-Ansätze) und testen diese intern oder in kleinen Zielgruppen. Im Fokus steht das Lernen durch Ausprobieren – nicht die perfekte Botschaft.
Tina Sprung, 30 Minuten Generation Alpha, GABAL, Offenbach 2026, ISBN 9783967392784, 96 Seiten, 10,90 Euro.
Über den Rezensenten: Professor Dr. Markus Kiefer war von 2010 bis Ende des Sommersemesters 2022 hauptberuflich an der FOM Hochschule tätig, als Professor für Allgemeine BWL, mit dem Schwerpunkt Unternehmens- und Wirtschaftskommunikation. Seitdem nimmt er an unterschiedlichen Hochschulen Lehraufträge zur Unternehmenskommunikation wahr.