Das Schaubild zeigt die Entwicklung des Medienvertrauens von 2008 bis 2019. Der grüne Balken zeigt eine leichte Zunahme des Vertrauens. Der rote Balken macht klar, dass aber auch der Vertrauensverlust ansteigt. (Quelle: Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen / JGU)

Der Vertrauensverlust gegenüber Institutionen und Medien scheint sich zu manifestieren. Verschiedene Studien wie das Edelman Trust Barometer stellen das fest. Der jüngste Beleg: die neuen repräsentativen Befunde der Langzeitstudie "Medienvertrauen", die am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) durchgeführt wird. Demnach wirft etwa jeder fünfte Bürger in Deutschland den Medien vor, die Bevölkerung systematisch zu belügen. Zugleich wächst aber die Zahl der Menschen, die solche Vorwürfe zurückweisen. Der Deutsche Journalisten-Verband wertet die Studie als Alarmsignal für die Glaubwürdigkeit des Journalismus.

Insgesamt stimmen 18 Prozent der Bevölkerung der Aussage "Die Bevölkerung in Deutschland wird von den Medien systematisch belogen" zu. Im Jahr 2018 waren es 16 Prozent, im Jahr 2016 19 Prozent. In der neuen Umfrage weisen jedoch 58 Prozent den "Lügenpresse"-Vorwurf zurück – dies ist der bisher höchste gemessene Wert in der Langzeitstudie. Ein Jahr zuvor waren es 51 Prozent, 2016 nur 44 Prozent. Die Zahl der Menschen, die sich nicht auf eine Seite festlegen, ist kontinuierlich gesunken und liegt nun bei 22 Prozent (2016 waren es 36 Prozent).

„Ein schlimmer Befund“

DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall kommentiert die Ergebnisse der Langzeitstudie so: „Eine so starke Zunahme des Misstrauens gegen uns Journalistinnen und Journalisten ist ein schlimmer Befund.“ Das könne auch nicht dadurch wettgemacht werden, dass immer mehr Menschen den „Lügenpresse“-Schmähruf ablehnten.

Die Ergebnisse der Studie basieren auf einer repräsentativen Telefon-Umfrage (CATI), die das Meinungsforschungsinstitut IFAK im November und Dezember 2019 im Auftrag der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Publizistik in Mainz durchgeführt hat. Die statistische Fehlertoleranz beträgt maximal 2,8 Prozent.

Eine ähnliche Polarisierung wie beim "Lügenpresse"-Vorwurf zeigt sich bei anderen Aussagen. So stimmen 23 Prozent der Aussage "Die Medien arbeiten mit der Politik Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren" zu. 53 Prozent wenden sich gegen diesen Vorwurf. Im Jahr 2016 lag die Zustimmung bei 27 Prozent, die Ablehnung bei 40 Prozent. Insgesamt weisen mehr Menschen als in den vergangenen Jahren Aussagen zurück, die den Medien absichtliche Manipulation und systematische Lüge vorwerfen.

Zudem zeigen die Daten, für die 1.200 Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahren befragt wurden, dass 43 Prozent den etablierten Medien in wichtigen Fragen vertrauen. Die Zustimmung bleibt damit seit nunmehr vier Jahren in Folge vergleichsweise konstant (2016: 41 Prozent; 2017: 42 Prozent; 2018: 44 Prozent). Allerdings äußern 28 Prozent Misstrauen – ein Anstieg gegenüber dem langjährigen Trend (2016: 22 Prozent; 2017: 17 Prozent; 2018: 22 Prozent) Die Gruppe derjenigen, die beim Vertrauen eine mittlere Position einnehmen ("teils, teils") ist so klein wie noch nie in den bisher sechs Umfragewellen der Mainzer Forschungsgruppe. Ihr Anteil beträgt nun 29 Prozent. Im Jahr 2018 waren es 34 Prozent, im Jahr 2008 noch 63 Prozent. Offenbar sehen sich immer mehr Menschen angesichts einer sich immer weiter polarisierenden Debattenkultur dazu veranlasst, auch selbst Position zu beziehen.

Stabiles Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Das Vertrauen ins öffentlich-rechtliche Fernsehen ist seit Jahren recht stabil. In der aktuellen Erhebungswelle vertrauen ihm 67 Prozent der Bevölkerung (2018: 65 Prozent, 2016: 69 Prozent). Regionalzeitungen liegen mit 65 Prozent direkt dahinter. In der Umfrage wurde zwischen regionalen und überregionalen Zeitungen unterschieden. Überregionale Zeitungen werden von 55 Prozent der Befragten als vertrauenswürdig eingeschätzt (2018: 49 Prozent). Die Daten zeigen allerdings auch, dass viele Menschen überregionale Zeitungen nicht (mehr) aus eigenem Lesen und Erleben kennen: So enthalten sich 20 Prozent der Befragten eines Urteils über die Vertrauenswürdigkeit der überregionalen Presse.

Vertrauen in Berichterstattung über Wohnungsnot und Klimawandel relativ hoch

Das Medienvertrauen der Bürger ist nicht über alle Themen hinweg gleich groß: Übergreifend vertrauen 43 Prozent der Deutschen den etablierten Medien bei "wichtigen Dingen". Beim Thema "Wohnungsnot", das in der Diagnose wenig umstritten ist, halten 55 Prozent die Berichterstattung für vertrauenswürdig, nur 16 Prozent haben kein Vertrauen, die übrigen äußern sich unentschieden oder gar nicht. Beim Klimawandel haben 48 Prozent Vertrauen in die Medien, 23 Prozent nicht. Umstrittener ist die Berichterstattung über die AfD: Hier haben nur 36 Prozent Vertrauen, 32 Prozent haben kein Vertrauen. Nur 31 Prozent äußern Vertrauen in die Berichterstattung über den Islam.

Social Media gewinnen leicht an Vertrauen

Das Vertrauen in Social-Media-Angebote als Quelle von Nachrichten ist gestiegen, nachdem das Image des Internets in den Vorjahren unter den Debatten über Datenskandale und Fake News gelitten hatte. Ein Faktor könnten Auswirkungen von Imagekampagnen der Digitalkonzerne sowie politische Regulierungen beziehungsweise Debatten über Regulierungen sein. 2018 äußerten nur vier Prozent Vertrauen zu den Nachrichten in sozialen Netzwerken, in der neuen Umfrage sind es zehn Prozent. Der Anteil derjenigen, die Nachrichten in sozialen Netzwerken nicht für vertrauenswürdig halten, liegt nun bei 45 Prozent (2018: 51).

Geringe Zufriedenheit mit der Demokratie und pauschale Medienkritik hängen zusammen

Wie in den Vorjahren legen die Befunde nahe, dass das Vertrauen in die etablierten Medien im Zuge der "Lügenpresse"-Debatte keineswegs in großem Stil erodiert ist. Dennoch hat sich ein relevanter Kern an Kritikern herausgebildet, der die etablierten Medien pauschal verurteilt. Dieser Kern ist zuletzt angewachsen, bei einer insgesamt seit Jahren zunehmenden Polarisierung, die sich klar in den Daten niederschlägt. Menschen, die gegenüber den etablierten Medien zynisch eingestellt sind, finden sich überdurchschnittlich häufig am rechten Rand des politischen Spektrums. Sie sind formal niedriger gebildet, deutlich politikverdrossener und sie haben Angst, dass sich ihre wirtschaftliche Situation in der Zukunft verschlechtern wird. Darüber hinaus zeigt sich, dass die etablierten Medien vor allem von denjenigen Bürgern pauschal verurteilt werden, die häufig alternative Nachrichtenquellen im Social Web konsumieren und regelmäßig Nutzerkommentare auf den Seiten der etablierten Medien schreiben.

Zur Studie: Die langfristig angelegte Untersuchung zum Medienvertrauen basiert auf mehr als einem Jahrzehnt kommunikationswissenschaftlicher Vertrauensforschung am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Mittelpunkt stehen regelmäßige repräsentative Befragungen, die die Entwicklungen, Ursachen und Folgen des Medienvertrauens erheben. Schwerpunkte der Studie sind die Verbreitung von funktionaler und dysfunktionaler Medienkritik (unter anderem "Lügenpresse"-Vorwürfe) und die Beziehungen zwischen Medienvertrauen, Mediennutzung, politischen und gesellschaftlichen Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften. Zum Forschungsteam gehören Privatdozent Nikolaus Jackob, Ilka Jakobs, Professor Oliver Quiring, Professor Christian Schemer, Professor Tanjev Schultz und Professor Marc Ziegele.


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