Von Unternehmen wird erwartet, dass sie eingreifen, wenn die Demokratie bedroht ist. Das belegen die hohen Zustimmungswerte in allen Ländern. (Quelle: Umfrage von Weber Shandwick und KRC Research zu den Folgen des Krieges in der Ukraine; April 2022)

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine wird manchenorts bereits als Zeitenwende eingeordnet – zumindest bestimmt er seit dem 24. Februar die Agenda, politisch, wirtschaftlich und kulturell. Um die Erwartungen, die sich aus der durch den Krieg veränderten geopolitischen Situation ergeben haben, zu untersuchen, hat die international agierende Kommunikationsberatung Weber Shandwick in Zusammenarbeit mit KRC Research, eine repräsentative Umfrage in sechs Ländern erhoben, darunter Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Vom 11. bis 16. März 2022 wurden insgesamt 6.066 Personen zwischen 18 und 64 Jahren zu Themen rund um den andauernden Krieg in der Ukraine befragt. Zu den Ergebnissen gehört unter anderem, dass in allen Ländern die Erwartung besteht, dass Unternehmen sich positionieren sollen.

Vier Kernthesen lassen sich aus den Ergebnissen der Befragung ableiten.

1. Starke Wechselwirkung der Erwartungen in Deutschland

Bei der Frage, wer die Führungsrolle zur Lösung von kriegerischen Auseinandersetzungen oder existentiellen Krisen übernehmen sollten, lagen zwar in allen befragten Ländern internationale Organisationen (wie UN, EU, WHO, NATO etc.) an der Spitze. In Deutschland aber wurden bereits auf Rang 2 „Unternehmen und Industrie“ (Zustimmung 65 %) genannt, gefolgt von Finanzinstituten.

Erst auf Rang 4 folgt mit der Regierung (55 %) die nationale Politik, die wiederum in Frankreich, dem UK, den USA und Japan auf dem zweiten Platz liegt. Diese Ergebnisse zeigen zum einen gerade in Deutschland eine starke Wechselwirkung der Erwartung, die Unternehmen hinsichtlich ihrer Haltung zu existentiellen Herausforderungen entgegengebracht wird, zum anderen der signifikanten Zustimmung zu Maßnahmen, die genau diesen Erwartungen entsprechen. Diese Wechselwirkung könnte außerdem erklären, warum bei einem Ausbleiben einer entsprechenden Position und Reaktion seitens der Unternehmen die Ablehnung entsprechend drastisch ausfällt, wie es derzeit beispielsweise Ritter Sport erlebt.

2. Erwartung an Unternehmen sich zu positionieren und zu agieren

Die Umfrage hat ergeben, dass in allen befragten Ländern eine überwiegende Mehrheit (Spanne: 65 bis 80 %) der Meinung ist, dass Unternehmen sich positionieren sollten, wenn demokratische Werte in Gefahr sind; in Deutschland liegt der Wert bei 69 Prozent (Zustimmung bzw. teilweise Zustimmung).

Dies lässt sich durchaus als Mandat und Arbeitsauftrag an Unternehmen interpretieren, eine eigene Haltung zu entwickeln und dafür einzustehen. Die breite Welle der Zustimmung zu den wirtschaftlichen Sanktionen seitens Unternehmen aller Branchen und die mannigfaltige Unterstützung, die auch von Wirtschaftsteilnehmern geleistet wird, findet damit auch ihre Rechtfertigung in der Erwartungshaltung, die Unternehmen entgegengebracht werden. In Deutschland sind 55 Prozent der Befragten der Meinung, der Support durch den Arbeitgeber sei genau richtig; die Arbeitgeber handeln also im Einklang mit den überwiegenden Erwartungen ihrer Beschäftigten.

Die Ergebnisse der Umfrage bestätigt einige Erkenntnisse einer bereits im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie – „Home Country as Stakeholder: The Rising Geopolitical Risk for Business Leaders“, die Weber Shandwick mit KRC Research in zwölf Ländern weltweit durchführte. Gefragt wurde nach der Stärke des „nationalen Zugehörigkeitsgefühls“ in multinationalen Konzernen. In der letztjährigen Studie wurden 1.217 Führungskräfte gefragt, wie sie die Beziehung zwischen einem multinationalen Unternehmen und dem korrespondierenden Heimatland beurteilen. Im Ergebnis landete das Heimatland in vielen Ländern unter den Top 3 der „wichtigsten Stakeholder“ (in Deutschland sogar auf Platz 2). 93 Prozent der befragten Führungskräfte gaben damals an, dass es wichtig ist, bei Geschäftsentscheidungen multinationaler Unternehmen auch die Interessen des Heimatlandes zu berücksichtigen.

3. Der Ukraine-Krieg als wichtigstes Thema mit weltweiter Relevanz

Die Mehrheit der befragten Länder sehen den Krieg in der Ukraine als das weltweit relevanteste Thema an (Ausnahme USA: Rang 2). Es verdrängt damit andere Krisen, wie die Covid-19-Pandemie, Sorgen um Inflation und wirtschaftliche Rückgänge, sowie die Klimakrise. Letztere hat es allein bei den Befragten in Deutschland unter die Aufzählung der drei wichtigsten Themen mit weltweiter Relevanz geschafft und rangiert auf Position 2. Stimmen, die Sorgen äußern, dass der Krieg in der Ukraine auch ein Rückschritt für die internationalen Klimaschutzbemühungen ist, dürften sich durch diese Ergebnisse bestätigt fühlen.

4. Multilateralismus ist wieder im Kommen

Schließlich zeigt diese Einstufung der möglichen Lösungsbeteiligten auch, dass der vom ehemaligen US-Präsidenten Trump vehement verfolgte Kurs des (US-)Unilateralismus, sichtbar an der Abkehr oder Marginalisierung von internationalen Organisationen, als Sackgasse interpretiert wird: Internationale Organisationen haben gerade bei Bewältigung von weltweiten Bedrohungen weiter ihre Legitimation. Dies ist insbesondere mit Blick auf andere Krisen wie beispielsweise den Klimawandel, der derzeit vom Ukraine-Krieg verdrängt werden, ein entscheidender Fingerzeig in die Zukunft und möglicherweise auch Teil der Antwort auf die Frage, wer künftig die Führungsrolle zur Lösung dieser Krisen übernehmen soll.

Die vollständigen Umfrageergebnisse zum Krieg in der Ukraine und weitere Informationen sind unter diesem Link auf die Website von Weber Shandwick zu finden.


Wir haben die Kommentarfunktion wegen zu vieler Spam-Kommentare abgeschaltet. Sie können uns aber trotzdem Ihre Meinung zu diesem Artikel als Leserbrief direkt zusenden. Falls Sie wünschen, dass wir Ihren Leserbrief als Kommentar dem Artikel hinzufügen, vermerken Sie dies bitte in der Mail an uns.
leserbrief@pr-journal.de