Bürgermeisterin Carolin Weitzel umringt von Medien am Rande des Zugangs zum Stadtteil Erftstadt-Blessem.

In vielen Fachbeiträgen hier im „PR-Journal“ und in anderen Medien wird immer wieder theoretisch beschrieben, wie wichtig Krisenkommunikation ist. Doch wie sieht das gerade in der Praxis rund um die Flutkatastrophe aus? Einblicke in die mehr als herausfordernde Aufgabe der Verwaltungen vor Ort gibt uns Daniel Silberhorn, Associate Director Corporate Communications bei FleishmanHillard in Deutschland. Für das „PR-Journal“ schildert er in einer persönlichen Reportage, was er im nordrhein-westfälischen Erftstadt an den Tagen nach der Flutkatastrophe erlebt hat. Dort, wo das weitere Schicksal des Ortsteils Blessem tagelang ungewiss war, hat er einen Tag lang die Kommunikation im Krisenzentrum mit unterstützt. Vor den Menschen in Erftstadt, das bringt er zum Ausdruck, hat er den größten Respekt.

Von Daniel Silberhorn (Foto), Erftstadt

Silberhorn Daniel InfoStand ErftstadtDer Anruf erreicht mich im Homeoffice in Frankfurt am Main. Es ist Mittwoch, 21. Juli, 14:30 Uhr, und ganze Regionen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz kämpfen seit Tagen gegen die verheerenden Folgen einer Flut, deren Ausmaß die schlimmsten Szenarien übersteigt. Der Anruf kommt aus Erftstadt, einer mittelgroßen Stadt mit rund 50.000 Einwohnern im Rhein-Erft-Kreis in Nordrhein-Westfalen. Und er ist dringend.

Es ist eine ehemalige Kundin meiner Agentur FleishmanHillard, die sich meldet. Sie fragt, ob wir sie am kommenden Tag in der Kommunikation der Stadt Erftstadt unterstützen können. Dort hatte die Erft eine Kiesgrube geflutet – mit dramatischen Folgen: Erdrutsche rissen eine Wiese fort, drei Häuser stürzten ein, weitere müssen abgerissen werden. Glücklicherweise gab es keine Toten.

Gefahrenzone am Rande der Kiesgrube in Erftstadt-Blessem

Die Gefahrenzone am Rande der Kiesgrube in Erftstadt-Blessem, wo rund 1.600 Menschen ihre Häuser verlassen mussten, ist zu diesem Zeitpunkt gesperrtes Katastrophengebiet. Und im Fokus der Aufmerksamkeit von Behörden, Bürgern und Hilfsorganisationen: Wie stabil ist der Boden, wird noch mehr abrutschen oder werden die Menschen zumindest kurz wieder in ihre Häuser können?

Ich sage mein Kommen noch für den gleichen Abend zu. Drei Stunden später sitze ich im Zug Richtung Köln; neben dem Laptop auch Gummistiefel und ein Schlafsack im Gepäck, da ich keine Ahnung habe, was mich erwartet. Und das ist zunächst eine mehr als dreistündige Fahrt, denn der Schienenersatzverkehr hält heute nicht an meinem Zielort: „Die Straßen sind einfach zu unsicher.“

Direkt in den Krisenstab

Als ich gegen 20:45 Uhr im zuständigen Rathaus Liblar ankomme, tagt gerade der Krisenstab. Unter Leitung der Bürgermeisterin Carolin Weitzel besprechen Vertreter der Einsatzkräfte und der Stadt die Lage. Die Atmosphäre ist konzentriert, man arbeitet diszipliniert, trotz später Stunde. Gerade hat die Gruppe wichtige Informationen erhalten und eine wegweisende Entscheidung getroffen.

Am kommenden Morgen sollen die Bürgerinnen und Bürger von Blessem endlich in ihre Häuser zurückkehren dürfen. Die Sicherheitslage wird von den Experten als stabil bewertet. Die Erleichterung im Raum ist spürbar, schnell löst sich die Versammlung in Arbeitsgruppen auf. Es gilt, alle Seiten zu informieren und vor Ort am Zugang zu Blessem die nötige Infrastruktur zu schaffen.

22:00 Uhr – weiterhin Hochbetrieb im Rathaus

Ein Fastfood-Restaurant hat bergeweise Hamburger für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gespendet, ein Möbelhaus 1.200 Tragetaschen. Ich schiebe derweil einen großen Spenden-Scheck einer Heimwerker-Kette auf die Seite, um mich in einer Sitzgruppe im Vorraum des Bürgermeisterinnen-Büros setzen zu können. Es ist bald 22:00 Uhr, aber es herrscht weiter Hochbetrieb im Rathaus.

Mehrere Freiwillige unterstützen das Kommunikationsteam. Eine davon hatte eigentlich nur einen Friseurtermin in der Stadt, und jetzt ist sie schon seit einer Woche im Einsatz. Genauso lange waren einige nicht bei ihrer Familie. Mitarbeiterinnen haben Urlaub zurückgegeben. Und niemand erwähnt auch nur das Wort Feierabend. Die aktuelle Aufgabe und die Bürgerinnen und Bürger sind wichtiger.

Auf der Bürgermeisterin lastet der größte Druck

Und das, obwohl die meisten hier selbst betroffen sind – das Wasser steht auch in ihrem Keller, und in dem der achtzigjährigen Mutter. Auch ihre Häuser müssen gesichert werden, auch ihr Leben ist komplett aus dem normalen Takt geraten. Aber es ist jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Es ist unglaublich viel zu tun, dennoch bleibt insgesamt die Stimmung der Situation entsprechend gut.

Die Bürgermeisterin beeindruckt mich besonders: Auf ihr lastet der größte Druck. Trotzdem ist sie freundlich, gefasst, organisiert effizient ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Überall soll sie zugleich sein: An den Schnittstellen mit Ämtern und Helfern. Im Gespräch mit den Medien, wo sie um Unterstützung für ihre Stadt wirbt. Und vor allem natürlich bei den Bürgerinnen und Bürgern.

Nicht auf alle Fragen gibt es jetzt schon Antworten

Gegen 22:30 Uhr kommt Carolin Weitzel aus der Notunterkunft zurück, in der die Blessemer untergebracht sind. Sie hat die Nachricht von der Öffnung persönlich überbracht und die Fragen der Bürger beantwortet. Nicht auf alles gibt es jedoch schon Antworten. Einiges wird sich erst noch klären: Wann gibt es wieder Wasser? Wann gibt es Strom? Ist Blessem jetzt komplett sicher?

23:00 Uhr: Die Security schaut bereits zum dritten Mal, wie lange wir noch brauchen. Der Mann blickt in den fensterlosen Konferenzraum mit den Flipcharts und Kontaktlisten an den Wänden, den Laptops auf dem großen runden Tisch in der Mitte, um die herum Tassen, Teller und hastig gekritzelte Notizen verteilt sind. Er nickt langsam, dreht sich um und geht zurück an die Pforte.

Meldungen für alle Kanäle vorbereiten

Wir sitzen im Dunkeln, da die Deckenbeleuchtung automatisch ausgegangen ist. Die Bildschirme leuchten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kommunikation schreiben Meldungen für die Presse und die eigenen Kanäle wie etwa den Newsticker, ein Info-Blatt, organisieren einen Stand als Anlaufstelle für die Presse für den nächsten Tag. Es ist fast Mitternacht, als die Bürgermeisterin die letzten nach Hause schickt.

Meinen Schlafsack brauche ich nicht, ich werde mit nach Köln genommen, wo ich eine Unterkunft gebucht habe. Zum Glück wissen wir direkt von der Polizei, welche Straßen nutzbar sind. Im Hotel sortiere ich meine Gedanken, mache mir noch Notizen für den nächsten Tag. Schon knapp fünf Stunden später klingelt der Wecker. Ich bin froh um den Kaffee, den ich an der Rezeption bekomme.

Kommunikationsteam teilt sich auf

Donnerstag, 22. Juli: Als wir um 7:30 Uhr den Infostand an der Zufahrtsstraße nach Blessem aufbauen, haben sich bereits die ersten Menschen an der Absperrung versammelt, die sich quer über die Straße zieht. Noch ist alles recht ruhig und geordnet. Später wird es ein paar Momente geben, in denen sich die Autos stauen und die Schlange lang wird. Nur wenige Journalisten sind zu so früher Stunde bereits vor Ort.

Das Kommunikationsteam teilt sich auf: Einige bespielen im Rathaus die elektronischen Kanäle und verschicken E-Mails an die Presse, eine Person begleitet Carolin Weitzel in die Sperrzone, ich bleibe am Eingang in das Sperrgebiet. Dort werde ich den ganzen Tag sein, denn ein Katastrophentourismus an die Abbruchkante kommt für mich nicht in Frage. Ich bin hier, um wenigstens etwas zu helfen.

Medien aus aller Welt – von „Al Jazeera“ bis zur „Washington Post“

Um 8:00 Uhr öffnet das Ordnungsamt die Sperre. Ein Blick in den Ausweis und die Bürgerinnen und Bürger wandern unter surreal strahlender Sonne am Ortsschild (siehe Foto) vorbei, beladen mit Taschen und große Koffer hinter sich herziehend. Manche radeln, manche ziehen einen Leiterwagen. Später dürfen auch Fahrzeuge die Straße nach Blessem nutzen, nachmittags auch weitere Helfer.

Flutkatastrophe Erftstadt Blessem Buerger

Vorerst können allerdings nur die Bewohner in das abgesperrte Gebiet, um ungestört nach ihren Häusern zu sehen. Wir schicken einen Fotografen mit nach Blessem, damit wir dennoch Bilder für die Presse bereitstellen können. Von „Al Jazeera“ bis zur „Washington Post“ waren in der vergangenen Woche Medien aus aller Welt hier. Auch heute wird der Andrang groß werden, vom WDR bis Sat.1.

Ein Mann mit Hut macht sich vor laufenden Kameras Luft

Gegen 11:00 Uhr macht sich ein Mann mit Hut vor laufenden Kameras Luft. Ich verstehe seine Emotionen, versuche mir seine Verzweiflung vorzustellen. Wie fühlt es sich an, wenn man eine Woche nicht in seinem überfluteten Zuhause war und keine Ahnung hat, wie es dort aussieht? Vielleicht ergibt sich beizeiten noch die Gelegenheit für ein persönliches Gespräch mit ihm.

Ansonsten gibt es nur selten Unruhe, etwa als eine Gruppe von Bürgern erfährt, dass sie nicht in ihre Häuser können; denn ein paar wenige Straßen in Blessem müssen zunächst weiter gesperrt bleiben. Auch wenn das am Vorabend bekanntgemacht worden war, ist es nicht leicht, immer alle zu erreichen. Ein anderes Mal fährt ein Smart-Fahrer einen Beamten des Ordnungsamtes beinahe an.

Pressekonferenz gegen 12:00 Uhr

Am Presse-Stand geben wir Auskunft, nehmen E-Mail-Adressen auf, kündigen die Pressekonferenz gegen 12:00 Uhr an. Kurz gerät alles ins Stocken, als der Zugang nach Blessem unterbrochen wird. Wir wissen nicht gleich, warum. Dann geht es weiter. Die Kollegin ist von der Runde mit der Bürgermeisterin zurück und widmet sich zwei Bürgerinnen, die viele Fragen haben. Sie ist da und hört zu. Gehört zu werden und nicht allein gelassen zu werden, ist für viele Betroffene zentral.

Schon ab 11:30 Uhr bauen Journalisten ihre Kameras auf und warten ungeduldig auf das gemeinsame Statement von Landrat Rock und Bürgermeisterin Weitzel. Als diese vor die Mikrofone treten, haben sie gute Nachrichten: Die Situation ist ausreichend stabilisiert, mehr Menschen können in den Ort. Mobile Sirenen würden bei Erdbewegungen warnen. Feuerwehr und Polizei sind dauerhaft vor Ort. Und das Land NRW hat Soforthilfen für betroffene Bürger bereitgestellt. Alles strömt nach Blessem.

„Unsicherheit ist für uns das Schlimmste“

Gegen 13:00 Uhr komme ich mit einer engagierten Bürgerin ins Gespräch, die eine ganze Gruppe von Helfern koordiniert und sich ein wenig zu deren Sprachrohr gemacht hat. Sie haben irgendwo Wohncontainer aufgetrieben und suchen Möglichkeiten, sie aufzustellen. Was gar nicht so einfach ist. Genauso wie die Frage, was man mit 100 Hilfstransportern aus den Niederlanden machen soll.

Kurz darauf kommt ein älteres Ehepaar auf uns zu und möchte wissen, wann es in ihrer Straße wohl wieder Strom geben wird. Das kann zu diesem Zeitpunkt allerdings noch niemand sicher sagen. Der Pressesprecher des Rhein-Erft-Kreises sagt, das würde sicher noch ein paar Tage dauern. „Das ist ok, dann wissen wir Bescheid und können uns drauf einstellen. Unsicherheit ist für uns das Schlimmste.“

Info-Points für die Bürger einrichten

15:00 Uhr. Die Zufahrt nach Blessem wird von allen rege genutzt, die Journalisten haben das Interesse an uns verloren. Wir packen ein. Auf der Rückfahrt ins Rathaus werde ich auf die Rechnung für meine Arbeit angesprochen. Ich sage, ich fände es absurd, eine Rechnung in einem Moment zu senden, in dem alle hier um ein normales Leben ringen. Ich telefoniere mit meinem Chef, der sieht das genauso.

Bis etwa 17 Uhr weitere Planung im Rathaus, neue Helfer sind dazugestoßen. Info-Points für die Bürger werden eingerichtet, um direkt in Blessem Auskunft geben zu können. Und am Wochenende wird Carolin Weitzel an einer Charity-Veranstaltung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens teilnehmen, um für weitere Unterstützung für Erftstadt zu werben. Außerdem wird es ein weiteres persönliches Treffen mit allen Bürgern von Blessem geben, gemeinsam mit Experten und dem Kreis.

Beeindruckt von der großen Solidarität

Abends hat mein Bus zum Bahnhof Köln Verspätung, aber er fährt immerhin wieder. Es ist kurz nach 18:00 Uhr, ich bin erschlagen von den Eindrücken, Schicksalen und den Details der Katastrophe und der Maßnahmen. Ich bin geschockt, betroffen, berührt – und vor allem auch beeindruckt von den Menschen hier und von der überall sichtbaren großen Solidarität. Wenn wir zusammenstehen, kommen wir auch mit der größten Katastrophe klar. Und hier packen wirklich alle mit an.

Die Behörden und Einsatzkräfte werden in der kommenden Zeit weiter mit Hochdruck daran arbeiten, den Stadtteil zu sichern und wieder bewohnbar zu machen. Am Samstag werden Abwasserversorgung und Mobilfunk wiederhergestellt, und ein Großteil der Häuser mit Strom versorgt sein. Der Wiederaufbau wird wohl Monate und Jahre dauern. Kaum jemand ist versichert.


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