Branche Branchen-Klassentreffen Halt mal! Was auf dem Kommunikationskongress 2026 los war
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- von Joris Duffner, Dortmund
Wie viel Orientierung kann Kommunikation geben, wenn die eigentlichen Probleme weit über Kommunikation hinausreichen? Der Kommunikationskongress 2026, organisiert von Quadriga und BdKom, kreiste in Berlin immer wieder um diese Frage. Rund 1700 Kommunikationsprofis, etwa 250 Speaker:innen und rund 100 Sessions kamen am 17. und 18. September im Berlin Congress Center zusammen. Unter dem Motto „HALT“ ging es um Führung, KI, gesellschaftliche Debatten – und darum, wie Kommunikation in unübersichtlichen Zeiten glaubwürdig bleiben kann.
Los ging es mit einer, die wenig Anlass für Hochglanzkommunikation hat: Evelyn Palla. Die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn eröffnete den Kongress mit ihrer Keynote „Neustart Bahn: Führen mit Kommunikation“. Ihre Botschaft passte zur Lage des Konzerns: nichts schönreden, keine falschen Versprechen machen, Orientierung geben. „Ich verstehe interne Kommunikation als Teil von Führung“, sagte Palla. Und auch beim Thema Pünktlichkeit blieb sie nüchtern: „Es wird erstmal nicht besser mit der Pünktlichkeit. So ehrlich müssen wir sein.“
Kommunikation wurde hier nicht zum Reparaturbetrieb für operative Probleme erklärt. Ein sanierungsbedürftiges Schienennetz lässt sich nicht wegkommunizieren, auch das gehörte zu Pallas Botschaft. Und die Sanierung braucht Zeit: Mindestens zehn Jahre werde es dauern, das deutsche Schienennetz wieder in einen guten Zustand zu bringen. Verbesserungen sollen die Fahrgäste allerdings deutlich früher spüren.
Viel Programm – manchmal von ziemlich weit oben
Das Programm blieb auch danach breit. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger wurde für seinen Auftritt per Video aus Montréal zugeschaltet, wo er an einer KI-Konferenz teilnahm. Daneben ging es beim Kongress um Krisenkommunikation, Führung, Medienwandel, Public Affairs, interne Kommunikation und natürlich immer wieder um künstliche Intelligenz.
Die Eindrücke von Teilnehmer:innen fielen überwiegend positiv aus: interessante Köpfe, relevante Themen, viel Gelegenheit zum Austausch. Ein Kritikpunkt war allerdings ebenfalls zu hören. Manche Vorträge bewegten sich auf beträchtlicher Flughöhe. Strategie, Transformation, gesellschaftliche Großfragen und C-Level-Kommunikation bestimmten weite Teile des Programms. Wer ein paar Ebenen darunter täglich selbst Kommunikationsarbeit macht, hätte sich stellenweise mehr Konkretion gewünscht: mehr Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag, mehr Antworten auf die Frage, was sich dort tatsächlich anders machen lässt.
Zwischen Kaffee und Flaggen
Was ziemlich gut funktionierte, war der Kongress als Branchentreffen. Das BCC am Berliner Alexanderplatz wurde für zwei Tage zum kompakten Treffpunkt der Kommunikationsszene. Die Organisation lief geräuschlos und nach ein paar Stunden hatten die meisten ohnehin ihre eigenen Orientierungspunkte gefunden.
Man wusste, wo es den besten Kaffee gab. Und wer jemanden suchte, versuchte es draußen bei den Flaggen. Dort, an den Ständen und auf den Fluren spielte sich mindestens ebenso viel Kongress ab wie auf den Bühnen. Vorträge wurden weiterdiskutiert, alte Freunde getroffen und neue Kontakte geknüpft.
Precht und die gefühlte Meinungsfreiheit
Für Gesprächsstoff sorgte am Ende des ersten Tages Richard David Precht. Unter dem Titel „Mut zur Meinung: Wie offen ist unsere Debatte wirklich?“ stellte er der rechtlich garantierten Meinungsfreiheit die „gefühlte Meinungsfreiheit“ gegenüber. Precht unterschied zwischen dem, was Menschen rechtlich sagen dürfen, und dem, was sie sich aufgrund möglicher sozialer Konsequenzen tatsächlich noch zu sagen trauen. Aus seiner Sicht verschieben gesellschaftliche Normen die Grenzen dessen, was als sagbar empfunden wird.
Der Auftritt kam nicht bei allen gut an. In Gesprächen im Anschluss wurde teilweise kritisiert, dass Prechts Diagnose an manchen Stellen zu unterkomplex bleibe. Dagegengehalten wurde etwa, dass aus dem subjektiven Gefühl, etwas nicht sagen zu können, noch keine tatsächliche Einschränkung der Meinungsfreiheit folge. Auch die Frage, wo gesellschaftlicher Widerspruch endet und problematischer sozialer Druck beginnt, blieb weitgehend offen.
Auszeichnungen und Party im Tipi
Vom Alexanderplatz ging es am Donnerstagabend weiter ins Tipi am Kanzleramt. Bei der Speakers Night wurden zunächst die BdKom Awards vergeben. Leica Camera wurde für die Kommunikation zum 100-jährigen Jubiläum der Leica I als „Team des Jahres“ ausgezeichnet. Dafür entwickelte das Kommunikationsteam eine globale PR-Architektur für 32 Kernmärkte.
Der Preis als „Smart Team“ ging an das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht für die Zentrale Onlineredaktion der Schleswig-Holsteinischen Justiz. Dort betreut ein Team aus Richter:innen, unterstützt von Werkstudierenden, zentrale Social-Media-Kanäle der Justiz. Den BdKom Talent Award erhielt Anja Körnle von der Business School Pforzheim für ihre Masterarbeit „Deepfakes auf Social Media als disruptive Vertrauenskrise in der Krisenkommunikation“. Insgesamt waren 70 Projekte für die BdKom Awards eingereicht worden.
Mit dem BdKom-Ehrenpreis wurde Prof. Dr. Michael Otto geehrt. Der frühere Vorstandsvorsitzende und spätere Aufsichtsratsvorsitzende der Otto Group erhielt die Auszeichnung für sein langjähriges unternehmerisches und gesellschaftliches Wirken. Es war erst die dritte Vergabe des Ehrenpreises nach Christian Drosten 2020 und Steffen Seibert 2022.
Danach wurde aus dem Kommunikationskongress die Kommunikationskongress-Party: Essen, Drinks, Gespräche. Und schließlich ab auf die Tanzfläche. Im Tipi zeigte sich noch einmal, weshalb Präsenzkongresse trotz Teams, Zoom und digitaler Panels nicht zu ersetzen sind.
Der Austausch wurde dabei anscheinend nicht flacher. Ein Teilnehmer, der zum ersten Mal beim Kommunikationskongress dabei war und beruflich erst vor Kurzem aus dem Marketing in die PR gewechselt ist, formulierte seine Beobachtung auf der Party besonders schön: In der PR gebe es „mehr intellektuelle Tiefe in den Gesprächen“. Ob die Marketingkolleg:innen das unterschreiben würden, sei dahingestellt.
Zweiter Tag: KI, Praxis und Presseclub
Am Freitag ging es im Kuppelsaal weiter. Einen der inhaltlichen Schwerpunkte setzte Feiyu Xu. Die frühere SAP-KI-Chefin rückte den internationalen Wettbewerb um künstliche Intelligenz in den Mittelpunkt und verband ihn mit der Frage, welche Rolle Kommunikation in der technologischen Transformation spielen kann. Ihr Satz „Halt geben heißt nicht stehen bleiben“ passte dabei gut zum Kongressmotto. Denn dieses Spannungsfeld zog sich durch viele der Sessions: Orientierung geben, ohne Veränderung kleinzureden.
Am zweiten Tag wurde auch der Thought Leadership Award 2026 an Siemens überreicht. Für die Untersuchung hatte Unicepta die 50 sichtbarsten Unternehmen Deutschlands in den vier Dimensionen Demokratie, Diversität, Nachhaltigkeit und Glaubwürdigkeit analysiert. Siemens erreichte 772 von 1.000 möglichen Punkten.
Traditionell endete der Kongress schließlich mit dem Presseclub. Alev Doğan, Michael Bröcker, Nikolaus Blome und Hajo Schumacher diskutierten über aktuelle innen- und außenpolitische Fragen. Moderiert wurde die Runde von Janna Linke, bei der auch die Hauptmoderation des Kongresses an beiden Tagen lag.
Nach zwei Tagen blieb ein Eindruck: An Themen mangelt es der Kommunikationsbranche derzeit nicht. KI verändert Arbeitsweisen und Berufsbilder, Unternehmen sollen in gesellschaftlichen Debatten Orientierung bieten, Führung und Kommunikation rücken enger zusammen. Gleichzeitig bleibt die Frage, was gute Kommunikation tatsächlich leisten kann. „HALT“ war deshalb ein treffendes Motto. Nicht im Sinne von Stillstand. Sondern als Anspruch: in unübersichtlichen Zeiten Orientierung zu geben, ohne so zu tun, als wäre die Welt einfacher, als sie ist.