Medien Frisch gepresst: Benedikt Becker "Lungern ist eine unterschätzte Kunst"
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- von Nils Wigger, Berlin
Benedikt Becker berichtet seit mehreren Jahren aus dem Herzen der Hauptstadt – aktuell vor allem über den Kanzler und die CDU. Im Gespräch erklärt der Chefreporter der WirtschaftsWoche, warum er der schnellen Nachrichtenwelle nicht hinterherrennt, Gespräche mit etwas Abstand oft die besten Einsichten liefern – und wie Social Media die Rolle von Politik und Journalismus verändert.
PR-Journal: Benedikt, bevor wir tiefer einsteigen: Was macht eigentlich ein „Chefreporter Politik“ bei der WirtschaftsWoche genau?
Benedikt Becker: Ich berichte aus Berlin über Bundespolitik und mag diesen klassischen Hauptstadtjournalismus. Mein Privileg ist es, dass ich gelegentlich einfach meiner Neugier folgen darf. Und dass ich mir etwas mehr Zeit nehmen kann, Dinge besser zu verstehen und aufzuschreiben.
PR-Journal: Also weniger News-getrieben?
Becker: Jeder Journalist sucht die Nachricht. Das kann auch mal länger dauern. Ich finde es spannend, mit Politikern über Entscheidungen oder Ereignisse zu sprechen, die ein paar Tage zurückliegen. Aus diesen Treffen nehme ich oft am meisten mit. Ein aktuelles Beispiel: Wir haben neulich mit CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann über die Einigung beim Bürgergeld gesprochen. Mit einer Woche Abstand konnte er das ganz anders reflektieren als am Morgen nach dem Koalitionsausschuss. Er war sehr offen: Was gelungen ist, was nicht. Und warum er nicht zufrieden sein will. Magazinjournalismus, wie wir ihn bei der WiWo machen, muss aktuell sein – sonst interessiert’s keinen –, aber er darf nicht nur getrieben sein von dem, was die eine Politikerin morgens bei X schreibt oder der andere abends bei Lanz sagt.
PR-Journal: Kam Carsten Linnemann gezielt auf dich zu oder suchst du dir deine Themen?
Becker: In dem Fall habe ich ihm einfach spontan eine SMS geschickt. Jeder Politikjournalist baut sich mit der Zeit ein Netzwerk auf. Das muss man pflegen. Manchen fällt das leicht. In meinem Fall ist das eher harte Arbeit.
PR-Journal: Und was macht den Politikjournalismus für dich so besonders?
Becker: Mich hat Politik schon immer interessiert. Ich bin der Typ Nerd, der nach Feierabend mit Kollegen im Büro hockt und die Liste der SPD-Generalsekretäre im Wechsel rückwärts aufsagt, bis einer nicht mehr weiterkommt. Und ich bin einfach sehr gerne Journalist – mit all den Zweifeln an der eigenen Zunft, die dazugehören. Mich beschäftigt, wie sich Politikjournalismus verändert. Die Taktung ist hoch, geht gar nicht anders. Das führt bei Kommentaren und Analysen dazu, dass häufig der erste Gedanke reichen muss. Mein Problem: Ich traue meinem ersten Gedanken nicht, dem zweiten auch eher selten. Und wenn der dritte sitzt, ist die Debatte längst weitergezogen. Muss das so sein? Ich weiß es nicht. Aber ich ermutige gerne: Tempo ist gut. Aber Tempo ist nicht alles.
PR-Journal: Wie hat sich das verändert, seit du gestartet bist?
Becker: Als ich vor acht Jahren angefangen habe, gab es tatsächlich noch getrennte Print- und Onlineredaktionen. Für ein gedrucktes Wochenmagazin hieß das: Du musst am Montag überlegen, wo Nachrichtenzyklus und politische Debatte am Freitag stehen. In einer Woche kann viel passieren, aber einiges lässt sich antizipieren. Das fand ich super reizvoll. Ein Handwerk, das leider ausstirbt. Die Print-Online-Trennung ist heute zum Glück Geschichte. Ein guter Text ist ein guter Text – egal, auf welchem Kanal. Der Output an Artikeln in den Hauptstadt-Redaktionen ist dadurch natürlich gestiegen. Aber es sollte immer Zeit sein, auch mal ein bisschen im Bundestag zu lungern.
PR-Journal: Wie viel Zeit verbringst du denn im Bundestag?
Becker: In Sitzungswochen bin ich an zwei bis drei Tagen dort unterwegs. Dienstags auf der Fraktionsebene, mittwochs mal zur Regierungserklärung auf der Pressetribüne, regelmäßig zu Gesprächen bei Abgeordneten im Büro. Der Zugang zu Politik ist niedrigschwellig. Wir können uns in den Gebäuden des Bundestags weitgehend frei bewegen, Leute ansprechen, Kontakte pflegen, Käffchen trinken. Oder einfach mal gucken, was so los ist. Lungern ist eine unterschätzte Kunst im Hauptstadtjournalismus. Die spannende Geschichte findet schließlich niemand im Pulk zwischen allen anderen. Eine Pressekonferenz mit Jens Spahn kann ich mir später auch bei YouTube ansehen. Vielleicht kommt aber ein paar Meter weiter gerade ein frustrierter Fraktionsvize vorbei, der Redebedarf hat. Ist doch viel spannender. Man muss schon Präsenz zeigen. In den letzten Wochen der FDP im Bundestag zum Beispiel habe ich viel Zeit vor dem Fraktionssaal der Liberalen verbracht. Im Vorbeigehen wollten nur wenige reden – aber der ein oder die andere rief dann ein paar Stunden später an.
PR-Journal: Und was ist dein Geheimnis, um so nah wie möglich an den Politiker:innen zu bleiben?
Becker: Da gibt es kein Geheimnis. Professionelle Distanz muss sein. Ansonsten: Freundlich bleiben, hartnäckig, nicht nur in Berlin viel unterwegs sein, sondern Abgeordnete auch mal im Wahlkreis beobachten. Gleichzeitig hat sich das Spielfeld verändert. Früher galt: Wer seine Botschaft loswerden wollte, musste mit uns reden. Heute reicht ein gut gepflegter Insta-Account. Warum die meisten trotzdem noch mit uns reden? Den einen liegt etwas am Journalismus. Andere merken, dass ein kritischer Artikel mehr transportieren kann als drei Sätze bei X. Da hat jemand draufgeschaut, nachgefragt, eingeordnet. Smarte Politikerinnen und Politiker nutzen den Austausch mit uns natürlich auch, um Thesen zu testen.
PR-Journal: Wie siehst du den fortschreitenden Bedeutungs- und Vertrauensverlust bei den Leser:innen? Merkt ihr das im Politikjournalismus? Gibt es Lösungen?
Becker: Bedeutung schwindet, Vertrauen auch, klar. Aber wir sollten uns nicht voreilig klein machen. Mein Lieblingsbeispiel kommt aus Frankreich, wo ich studiert habe. Da kaufen TV-Sender nun Influencerinnen mit großer Community ein, um sie als Interviewer zum Beispiel bei den Filmfestspielen in Cannes an den roten Teppich zu stellen. Aus strategischer Sicht würde ich sagen: kluge Idee. Als Journalist finde ich das schwierig. In Cannes mag es verkraftbar sein, wenn jemand Tom Hanks nicht die kritischste Frage stellt. Aber da fallen mir im politischen Journalismus ganz andere Situationen ein. Die Frage wird sein: Kaufen Medien Reichweite bei Leuten ein, die sie schon haben? Oder formulieren wir selbstbewusst: Recherchieren, informieren, Fragen stellen – das war und ist unser Job. An diesen Anspruch ändern ein paar Apps nichts. Bauen wir also unsere eigenen Stimmen in sozialen Netzwerken auf, wie es viele Medien längst tun. Am Ende wird man wohl beides tun müssen: Influencer zu Journalisten ausbilden und Journalistinnen zu Newsfluencerinnen.
PR-Journal: Schaust du auf TikTok & Co. – auch um neue Gesprächspartner zu finden – oder ist das für dich nicht so relevant?
Becker: Ich mag zwar etwas oldschool sein und morgens erst mal schauen: Was steht im Spiegel? Wer schreibt auf Seite 3 der SZ? Aber natürlich ist Social Media extrem wichtig für meine Arbeit. Ich nutze X und Bluesky eher passiv. Unsere WiWo-Leserinnen und Leser sind vor allem bei LinkedIn unterwegs. Eine Kurzversion meiner Recherchen und Analysen gibt es inzwischen als Reels auf unserem Instagram-Kanal. Ich nutze soziale Medien auch, um auf neue Ideen zu kommen. Während der Corona-Pandemie etwa haben jüngere FDP-Abgeordnete regelmäßig Insta-Lives organisiert und sich locker unterhalten, Johannes Vogel und Konstantin Kuhle zum Beispiel. Das war vertrauter und persönlicher als in Runden mit uns Journalisten. Ich habe mir das angeschaut, Notizen gemacht und manche kleine Info später in Artikel einfließen lassen. Das ersetzt kein persönliches Gespräch, aber es sind zusätzliche Einblicke.
PR-Journal: Was macht das alles mit dem Journalismus?
Becker: Viel. Mein Berufsleben wird ein jahrzehntelanger Change-Prozess. Interessant ist: Neue Formen des Nachrichtenkonsums entstehen, die alten verschwinden aber nicht völlig. Es gibt immer noch genug Menschen, die die Aktualität für einen Augenblick einfrieren möchten. Die gerne am Wochenende mal ein längeres Stück lesen. Oder sogar zwei.
PR-Journal: Und was heißt das für den Nachwuchs im Politikjournalismus?
Becker: Wenn alles flüchtiger wird, muss die Grundausbildung stimmen. Das heißt für mich nicht nur gutes Handwerk, sondern auch Kontextwissen. Die Zeiten sind unübersichtlich. Da kann auch eine gute Einordnung ein kleiner Scoop sein. Dafür muss ich aber ein bisschen was gelesen haben. Welche Konflikte tauchen in Partei XY immer wieder auf? Hat Linnemann den „Herbst der Reformen“ erfunden oder gab es den schon früher mal? Wer heute vom Kanzler eine „Ruck-Rede“ fordert, sollte das Original zumindest mal überflogen haben. Und wissen, dass das Echo damals nicht nur positiv war. Ich lese gern alte Politiker-Biografien und Spiegel- oder stern-Artikel aus Bonner Zeiten, um längere Linien besser zu begreifen.
PR-Journal: Zum Schluss: Eine journalistische Anekdote, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Becker: Gern, sie hat mit Christoph Heusgen zu tun, früher außenpolitischer Berater der Kanzlerin und danach Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Wir kommen beide aus Neuss am Rhein, wo es ein großes Schützenfest gibt. Und wir sind beide dort im Schützenverein aktiv. Heusgen hatte einen großen Traum: Schützenkönig werden. Und als vor zwei Jahren klar war, dass er tatsächlich auf den Vogel schießen wird, habe ich – damals noch beim stern – von vor Ort auf meinem Handy ein kleines Feature vorgeschrieben. Heusgen holte den Holzvogel tatsächlich runter, ich habe mir schnell ein Glückwunsch-Zitat vom damaligen FDP-Generalsekretär besorgt – auch Schütze in Neuss – und den Text nach Hamburg geschickt. Damit war ich schneller online als die Lokalzeitung. Tempo kann schon auch Spaß machen.
Über den Autor: Nils Wigger ist Geschäftsführer von Neo Relations. Die Kommunikationsberatung unterstützt Technologieführer und Investoren bei Stakeholder Relations, C-Level-Kommunikation und strategischem Storytelling. Wigger hat über 10 Jahre Erfahrung in der Technologiekommunikation, u.a. bei Unternehmen wie WAGO, dem Luftfahrtverband BDL, Brose und getpress.
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