James Sean NFL Spieler Minnesota VikingsDer Runningback im American Football muss schnell sein. Denn er nimmt im Gegensatz zum Quarterback den Ball in die Hand und läuft. Damit rennt er buchstäblich in die gegnerische Verteidigung hinein. Nach dem Super Bowl 2016 in San Francisco. Und einige Wochen nach der „Diagnose Hirndegeneration“ bei Ken Stabler, einer Football-Ikone der 1970-er Jahre, zeigt das Bekenntnis von Sean James (Foto), wo das PR-Problem der National Football League (NFL) aktuell liegt. „Meinen Helm setzte ich als Waffe ein“, erklärt der Ex-Runningback der Minnesota Vikings kürzlich auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit Traumaforschern der Medizinischen Fakultät der Universität Ulm. Im Deutschen Wissenschaftshaus (DWIH) in New York startet das transatlantische Marketing für die Traumaforschung und -behandlung. Sportler, Kriegsveteranen und Unfallopfer sollen davon profitieren.

James Sean NFL SpielerJames (Foto) baut die Brücke zwischen Film und Wirklichkeit. Der aktuell in den deutschen Kinos zu sehende Streifen „Erschütternde Wahrheit“ mit Will Smith in der Hauptrolle legt den Finger in die Wunde. US-Medien berichten seit zwei Jahren immer wieder. In den zurückliegenden Monaten häuften sich die kritischen Stimmen. Das Milliarden-Geschäft NFL hat ein massives PR-Problem, das sich ausweitet. Denn viele Ex-Spieler leiden an neurodegenerativen Erkrankungen, wahrscheinlich bedingt durch übermäßige Gehirnerschütterungen während der Sportlerkarrieren.

Eltern überlegen, ob sie ihre Kinder auf das grüne Feld schicken sollen. US Universitäten, die mit ihren Profi-Collegemannschaften viele Geld verdienen – das sie wieder in den Unibetrieb speisen – haben Sorgen, dass der Football-Nachwuchs ausbleiben könnte. Eine amerikanische Rechtsanwaltskanzlei – Kyros Law Group – schaltet gegenwärtig TV-Anzeigen in den USA und Kanada. Sie ruft ehemalige Spieler auf, sich beraten zu lassen, um Schmerzensgeld zu erstreiten.

Traumadebatte am East River
Im DWIH – direkt gegenüber dem UNO Hauptquartier am New Yorker East River – war es plötzlich still. James, der dem Sport sehr viel zu verdanken habe wie zum Beispiel sein Studium auf dem College, sagt aber auch ehrlich: „Meinen Kindern würde ich eher Golf oder Tennis empfehlen. Denn bereits einem 10-jährigen Jungen, der Football spielt, wird gesagt, dass entscheidend für seinen Karriereverlauf sei, wie viele Kopfstöße er einstecken könne.“ Damit stehe die Brutalität in dieser Sportart über der Technik vieler Spieler. Die NFL versucht ständig, bessere Ausrüstungen ihrer Spieler einzuführen. Mediziner der Liga optimieren die Untersuchungsmethoden. Und die Regeln sollen sich anpassen. Spieler, die einen Kopfstoß erlitten haben, sollen sofort die Bank drücken. Sie sollen Zeit zur Regeneration erhalten und nicht im nächsten Spiel aufgestellt werden. James: „Bessere Technik ist gut, führt auch dazu, dass noch mehr riskiert wird.“

Das populäre Thema zeigt, wie die Wissenschaft für die Gesellschaft grundsätzlich nützlich ist. Und wie Marketingaktivitäten dabei helfen können. „Verletzungen und Unfälle sind die häufigste Todesursache bei Menschen unter 45“, sagt Professor Florian Gebhard, Sprecher des Sonderforschungsbereichs (SFB) „Gefahrenantwort, Störfaktoren und regeneratives Potenzial nach akutem Trauma“ an der Universität Ulm in New York. Deshalb starten die Ulmer Forscher rund um das jüngst gegründete Traumazentrum und SFB Trauma eine Nordamerika-Initiative. Mit den Universitäten UCSF in San Francisco und McGill in Montreal soll eine neue Phase der transatlantischen Zusammenarbeit in der Traumaforschung noch in 2016 beginnen.

Football, Kriegsveteranen und Unfallopfer haben alle ähnliche Probleme. Denn wer sich mit einem einfachen Messer schneidet, klebt rasch ein Pflaster auf die Wunde und denkt nicht mehr über die Verletzung nach. „Für den Körper ist jede schwerere Verletzung wie eine Erkrankung zu sehen“, sagt Gebhard. Die Forschungsrichtung, die sich mit diesen „Krankheiten“ beschäftigt, steht selten im Rampenlicht. Sie wird aber dank der neuen internationalen Initiative eine weltweite Beachtung erfahren. Davon sind die Ulmer Wissenschaftler überzeugt. Sie arbeiten an einer besseren gesellschaftlichen Wahrnehmung, einem besseren Image der Traumaforschung. Denn physische und auch psychische Traumata können die menschliche Gesundung ein Leben lang negativ beeinflussen.

WHO zählt 5,8 Millionen Traumatote jährlich
Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass 5,8 Millionen Menschen weltweit pro Jahr an den Folgen von Unfällen und Verletzungen sterben, deutlich mehr als an AIDS, Tuberkulose und Malaria zusammen. Todesursache sind neben dem Blutverlust vor allem die von den Verletzungen ausgelösten Begleiterscheinungen. „Vor drei Jahrzehnten haben wir uns nur mit den Wunden, Einzelverletzungen und Frakturen beschäftigt“, erklärt Gebhard. „In intensiven Forschungsarbeiten können wir jetzt auch die vielen Wechselwirkungen von Traumata im Körper untersuchen“, ergänzt er.

Für die Forschung gibt es einen guten Grund: Die Kosten zur Behandlung und Nachsorge von Verletzungen und Traumata werden allein in Deutschland auf mehr als 30 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet helfen den Patienten und machen das Gesundheitssystem insgesamt effektiver, so die Forscher weiter.

Ulm ist weltweiter Spitzenstandort
Um diese Themen weltweit voranzubringen, wurde in Ulm das transdisziplinäre Zentrum für Traumaforschung, ZTF, gegründet. Gefördert wird es vom Land Baden-Württemberg. Das ZTF arbeitet sowohl an Fragen physischer als auch psychischer Traumata. Wissenschaftler mehrere Disziplinen zum Beispiel der Medizin, Biologie, Psychologie, Chemie und Informatik kommen in der Erforschung von Diagnose- und Behandlungsmethoden akuter Verletzungen zusammen. „Es sind beispielsweise Experten zu Gewebeschädigungen, Organausfällen, psychologischen Folgen und zu Genesung und Rehabilitation“, beschreibt der Dekan der Medizinischen Fakultät, Professor Thomas Wirth und ergänzt: „Ulm ist in Deutschland führend in der Traumaforschung. Jetzt können gemeinsam mit San Francisco und Montreal erstens die politische Wahrnehmung der Traumaforschung erhöht und zweitens die finanzielle Voraussetzung zur Unterstützung der Forschung verbessert werden.“ Die internationale Kooperation verspreche eine höhere Sichtbarkeit und Durchsetzung der Ziele.


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