Die Panelteilnehmer. Nicht im Bild: Christoph Koch.

Wie geht seriöse Wissenschaftskommunikation? Braucht es dafür neue Richtlinien? Befeuert durch verschiedene Fälle wie die Heinsberg-Protokolle oder den Skandal um angeblich marktreife Bluttests zur Krebsdiagnostik (HeiScreen GmbH / Universitätsklinikum Heidelberg), mit denen sich der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) in den vergangenen Jahren beschäftigten musste, hat der Ethik-Rat der PR- und Kommunikationsbranche die Frage zur öffentlichen Diskussion gestellt. Geladen waren Alexander Gerber, Professor an der Hochschule Rhein-Waal, Elisabeth Hoffmann von der TU Braunschweig, Christoph Koch, Leiter des Wissenschaftsressorts beim „Stern“, sowie Monique Luckas, Leiterin der Kommunikation des Futuriums in Berlin. In einer Videokonferenz sprachen sie vor Fachleuten aus der Branche darüber, ob Wissenschaftskommunikation neue Regeln braucht und wie diese Regeln aussehen könnten.

Kohrs Uwe Gf Impact Chairman GPRA 2020„Wissenschaftskommunikation findet immer häufiger in der allgemeinen Öffentlichkeit statt und der Rat ist gefordert, unseriöses Vorgehen zu ahnden. Gleichzeitig sehen wir aber auch, wie schwierig das Thema ist. Auf der einen Seite steht der gewollte wissenschaftliche Diskurs, der von widerstreitenden Erkenntnissen lebt und sie zum Thema macht, auf der anderen Seite will die interessierte Öffentlichkeit klare Ergebnisse. Kommt es dann noch zur Begegnung zwischen Wissenschaft und Boulevard-Journalismus, wird es besonders schwierig. Das haben wir in den letzten Wochen und Monaten sehen können.“ Mit diesem Statement eröffnete Uwe A. Kohrs (Foto), Vorsitzender des DRPR Trägervereins die Diskussion.

Prof. Dr. Alexander Güttler,CEO komm.passion GmbHDRPR-Mitglied und Panel-Moderator Alexander Güttler (Foto) ergänzte: „Die jüngsten Fälle zeigen, dass es zwingend erforderlich ist, verbindliche Regeln zu entwickeln, die in der Branche Orientierung geben. Unser Hearing soll hierzu einen Beitrag leisten.“ Denn aktuell fehle es noch an Verbindlichkeit. Güttler: „Wir müssen der Branche etwas an die Hand geben, damit Wissenschaftskommunikation Verständnis und Akzeptanz erfährt.“

Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation

Im ersten Block der Diskussion ging es zunächst darum in Erfahrung zu bringen, wie groß eigentlich die aktuellen Herausforderungen für die Wissenschaftskommunikation sind und wie sie sich von anderen Disziplinen unterscheidet.

Monique Luckas, Kommunikationsleiterin am Berliner Futurium, erklärte: „Für jede Art der seriösen und professionellen Kommunikation muss gelten: Transparenz, nichts Wichtiges weglassen und Absendernennung. In der Wissenschaftskommunikation ist das aber besonders wichtig.“ Dem stehe aber die Vorläufigkeit, die der Wissenschaftskommunikation innewohne, gegenüber. „Sie ist Teil dieser speziellen Kommunikationsdisziplin, aber für die allgemeine Öffentlichkeit schwer zu auszuhalten. Die will Fakten und keinen Diskussionsstand.“ Besonders zeigt sich das Problemfeld der Vorläufigkeit an sogenannten „Pre-Prints“. Diese wissenschaftlichen Veröffentlichungen haben noch kein Verfahren zur Qualitätssicherung einer wissenschaftlichen Arbeit (z. B. Peer-Review) durchlaufen.

Aus dem Zuhörer-Kreis kam via Chat ein der PR-Ethik inhärenter Vorschlag: Transparenz – durch die verpflichtende Angabe wissenschaftlicher Gütekriterien. Spätestens bei der Kommunikation wissenschaftlicher Publikationen durch Dritte sei die Qualität einer Publikation nicht mehr ohne Weiteres nachvollziehbar.

Druck zur Verdichtung

Die erfahrene Wissenschaftskommunikatorin Elisabeth Hoffmann, seit 1996 Leiterin der Stabsstelle Presse und Kommunikation der Technischen Universität Braunschweig und unter anderem zusätzlich noch Initiatorin und Organisatorin des "Siggener Kreises" zur Zukunft der Wissenschaftskommunikation, pflichtete Luckas bei: „Das ist in der Tat schwierig, weil es schon einen Druck zur Verdichtung gibt. Die Erwartung ist immer, dass es schnell Ergebnisse gibt, aber das ist nicht realistisch.“

Alexander Gerber, Professor und Studiengangsleiter für Wissenschaftskommunikation an der Hochschule Rhein-Waal und Wissenschaftlicher Leiter des gemeinnützigen außeruniversitären Instituts für Wissenschafts- und Innovationskommunikation, mahnte an, dass in der Wissenschaftskommunikation stärker als in anderen Disziplinen alle Beteiligten in die Pflicht genommen werden müssten: „In der Wissenschaftskommunikation gibt es eine geteilte Verantwortung, das betrifft die Wissenschaftler, die Kommunikatoren und die Journalisten gleichermaßen. Hinzu kommt, dass wir anders als in der Unternehmens- oder Produktkommunikation in unserem Bereich immer wieder neu nur ein Stückchen näher an die Wirklichkeit heranrücken. Das macht es so schwierig.“ Die letzte Wahrheit könne man daher nicht liefern. Dies den Medien zu vermitteln sei eben sehr schwierig.

Storytelling ist in der Wissenschaftskommunikation eine heikle Sache

Der Journalist in der Runde, Christoph Koch, Wissenschafts-Ressortleiter des „stern“, konstatierte, dass es auch in der Wissenschaftskommunikation nötig sei, Storytelling zu betreiben. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssten eingebettet und Kontexte hergestellt werden, um sie besser vermitteln zu können und Zusammenhänge deutlich zu machen. „In der Wissenschaftskommunikation ist das aber eine heikle Sache, weil die Gefahr der Manipulation dann relativ groß ist“, erklärte er.

DRPR-Leitlinie für Wissenschaftskommunikation

Im zweiten Teil der Diskussion lenkte Güttler die Aufmerksamkeit auf inhaltliche Punkte, die in Zukunft berücksichtigt werden müssten, um für den DRPR eine zeitgemäße Leitlinie für die Bewertung von Wissenschaftskommunikation zu bekommen. Wie bei der Online-Richtlinie, die 2017 für den DRPR verabschiedet wurde, will man öffentliche Stellungnahmen einholen, um die Richtlinie auf möglichst breite Basis stellen zu können. Beim DRPR-Hearing machte Güttler den Anfang und bat die Panel-Teilnehmerinnen und Teilnehmer um ihre Einschätzungen.

Elisabeth Hoffmann appellierte an die Verantwortung der Kommunikatoren und Alexander Gerber an die der Wissenschaftler. Beide waren sich einig, dass – wie Gerber es nannte – eine „Propaganda Prokura“ nicht vergeben werden könne und alle Beteiligten sich an der Wahrhaftigkeit orientieren müssten. Das könne nicht delegiert werden. Hoffmann: „Das, was wir veröffentlichen, muss stimmen, sonst fliegt es uns um die Ohren und schädigt unser Image. Die Frage ist, wie können wir unserer Rolle gerecht werden.“

Güttler gab zu bedenken, dass der „Imperativ der Wahrhaftigkeit“ auf das Experiment im digitalen Raum, sprich soziale Medien und Menschen, treffe, die nicht an Differenzierung und Tiefgang interessiert seien.

Beratungsrolle für die Wissenschaft

Letztendlich, so Monique Luckas, müsse es darauf hinauslaufen, die Wissenschaftskommunikatoren zu stärken, damit der Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit hergestellt werden könne. Wörtlich sagte sie: „Was wir aus der Wirtschaft lernen können, ist, dass Kommunikationsentscheidungen auch strategische Entscheidungen sind, das müssen wir stärker einbeziehen.“ Hoffmann erwiderte dazu aber, dass man so weit noch nicht sei. „Wir müssten eigentlich schon in die Beratungsrolle für unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlicher schlüpfen. Das ist aber für viele ein großer Schritt.“ Aktuell sei es doch eher so, ergänzte sie, dass manche Kommunikatoren ihren Wissenschaftlern hinterherlaufen müssten, um „das Schlimmste“ – sprich unabgesprochene und mitunter konzeptionslose Einzelaktionen – zu verhindern. Hoffmann: „Deswegen ist es dringlich, dass wir unsere Rolle klären müssen.“

Einen Vorschlag dazu unterbreitete am Ende Zuhörer Henning Krause, Social-Media-Manager der Helmholtz-Gemeinschaft. Er regte an, Wissenschaftskommunikatoren sollten sich nicht nur als Serviceeinheit für ihre Institutionen verstehen, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Denn aus den Untiefen des Internets kämen so viele Fake News, dass man gemeinsam den Kampf gegen den irrationalen Wahnsinn aufnehmen solle. Es brauche einfach mehr Aufklärung, appellierte er.

Anfang ist gemacht

Und die Empfehlungen für Richtlinie? Die Diskussion lieferte eher eine Problem- und Statusbeschreibung für die Wissenschaftskommunikation heute denn zukunftsgerichtete Empfehlungen. Moderator Güttler hatte genau das gewollt: „Heute haben wir den Anfang für unsere Stoffsammlung gemacht. Wie bei der Online-Richtlinie werden wir das fortsetzen. Unser Ziel bleibt die Erarbeitung einer Leitlinie für die Wissenschaftskommunikation. Der Austausch dazu hat heute erst begonnen.“

Leitlinien aus dem Wissenschaftsumfeld

Handreichungen aus dem Wissenschaftsumfeld gibt es bereits. Zu nennen ist die „Leitlinie zur guten Wissenschafts-PR“ aus dem Jahr 2016. Sie wurde in einem überinstitutionellen Arbeitskreis erarbeitet, der von Wissenschaft im Dialog und dem Bundesverband Hochschulkommunikation organisiert wurde. Außerdem gibt es die „Siggener Impulse 2020“, die der „Siggener Kreises“ unter dem Dach der Wissenschaft im Dialog gGmbH erstellt hat.

Nachfolgend zum Thema zwei aktuelle Medientipps:

  • Medientipp I: Special zum Thema Wissenschaft und Journalimus von Zapp
    Das Thema Wissenschaftskommunikation wird derzeit aus ganz unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. So hat sich auch die Redaktion von Zapp, dem Medienmagazin des Norddeutschen Rundfunk, mit dem Thema beschäftigt. Zapp beleuchtet dabei insbesondere das Verhältnis der Wissenschaft zum Journalismus und dazu ein Special produziert. Der Beitrag ist hier auf der NDR-Webiste abrufbar.
  • Medientipp II: PR-gesteuerter Journalismus
    Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl hat übrigens eine andere Wahrnehmung als die oben zitierten Panelteilnehmerinnen und -teilnehmer. Russ-Mohl sieht vielmehr, dass die Wissenschaftskommunikation sich professionalisiere. Aber sie verlagere sich auch immer mehr ins Vorfeld des Journalismus, in die Öffentlichkeitsarbeit. Im Berliner „Tagesspiegel“ zweifelt er am Nutzen dieser Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation.

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