Das private Handy klingelt! Rangehen oder nicht? Das kann sich wieder ziehen, so ein privates Telefonat. Und dann gibt’s vielleicht sogar eine Frage mitten im Gespräch, auf die Sie antworten sollen oder gar müssen. Ganz schnell eine Entscheidung treffen, die Sie bald sogar bereuen könnten. Wer will das heute schon noch? So ganz ohne Not. Dann doch lieber per WhatsApp kommunizieren. Unser Sprach-Optimist Murtaza Akbar (Foto) ist von der enormen Reichweite von WhatsApp ganz fasziniert. Und erst recht von der Bedeutung dieses Kanals für Beziehungen und die Liebe. Da könnte nicht mal Parship mithalten, bei dem sich bekanntlich alle elf Minuten ein Single verlieben soll, meint er. Was das alles mit Telefonieren zu tun hat wollen Sie jetzt sicher wissen? Eine ganze Menge!

Von Murtaza Akbar, Neu-Isenburg

Wissen Sie, was oder wer ein „Telefon-Hasser“ ist? Die kannte ich bis vor kurzem auch nicht. Klingt ein bisschen wie das Gegenteil von „Sprach-Optimist“, finde ich. Jedenfalls „hassen“ diese Menschen, wenn das Telefon klingelt, und drücken den Anruf zumeist weg. Angst vor dem direkten (quälenden) Gespräch heißt die Diagnose. Sonst müsste ja sofort reagiert werden, vielleicht sogar verbindlich geantwortet. Welch‘ Horrorvorstellung. Nee, nee. Das geht vor allem immer mehr jungen Menschen gehörig auf den Zeiger. Auf so ne WhatsApp lässt sich ja in Ruhe reagieren, ganz unverbindlich mit „vielleicht“ oder „mal schauen“. Wer will da noch telefonieren?

Ja, WhatsApp heißt die Lösung. Für fast alles. Da kann Mark Zuckerberg, dem gehört ja nicht nur Facebook, sondern auch WhatsApp, nur lachen, wenn er den Slogan hört „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship“. Denke, das passiert bei WhatsApp alle elf Sekunden, mindestens. Und alle acht Sekunden wird Schluss gemacht. Fragen Sie mich nicht, wie das mathematisch möglich ist, aber laut Bitkom-Umfrage haben 36 Prozent der 16- bis 29-Jährigen in Deutschland tatsächlich schon einmal einen Liebespartner über WhatsApp aus ihrem Leben „gekickt“.

Falls Sie jetzt fragen, wer ist um Himmels Willen dieser Bitkom? Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, so viel Zeit muss sein. Quellen sind ja wichtig, damit das ganze seriös ist. Und diese Kolumne ist hochseriös. Direkt noch ein Zitat hinterher. Denn eine von der „Telefon-Angst“ Betroffene beschreibt ihr Leiden so: „Telefonisch ist es mir einfach nicht möglich, einen normalen, klaren Satz rauszubringen.“

Leute, Leute. Jetzt ist erstmal genug mit Angst und Anführungszeichen. Jetzt brauchen wir hier mehr Optimismus. Also, WhatsApp ist erstmal was Schönes. Denn fast 60 Millionen Bundesbürger nutzen den Kanal. Fast 60 Millionen! Wahnsinn. Und wenn ich Sie jetzt frage, wer davon komplette Sätze mit Punkt und Komma und sogar Groß- und Kleinschreibung tippt, dann wird’s ganz dünn, oder?

Macht aber nichts, Hauptsache es wird miteinander kommuniziert, dass auch mal die Oma mit dem Enkel schreibt und andersrum. Und ja, es gibt dabei Tausende von Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Finden Sie schlimm? Jetzt kommt eine Aussage des Sprach-Optimisten, die Sie hoffentlich nicht erschaudern lässt. Ich schreibe deshalb mal in der dritten Person von mir, so wie Lothar Matthäus gerne in der dritten Person von sich spricht. Oder ist das nur ein Klischee? Dem Sprach-Optimisten ist es jedenfalls lieber, es wird viel geschrieben und auch mal falsch, als dass gar nicht geschrieben wird. Uff, jetzt ist es raus. Ich liebe nämlich Kommunikation und finde es toll, wenn sich Menschen austauschen. Hach, ich werde sentimental. Apropos Grammatik, wenn Sie mal jemanden schocken oder beeindrucken wollen, fragen Sie einfach, wann ein Semikolon benutzt wird? Weiß keiner mehr.

Zurück zu fast 60 Millionen WhatsApp-Nutzern. Alle Generationen sind dabei, alle Schichten und überhaupt. Klar, Datenschutz ist da schon eine wichtige Frage. Der Zuckerberg soll ja nicht alles wissen. Deshalb mein Tipp: Behalten Sie Ihre intimen Bilder lieber für sich, bevor Sie überlegen, sie über WhatsApp oder sonstwas zu verschicken. Es sei denn, Sie sind ein TV-Sternchen, dann könnte es Ihnen helfen, im Gespräch zu bleiben. Na ja, zumindest für ein paar Tage.

Hoppala, jetzt habe ich gerade eine neue WhatsApp-Nachricht erhalten. Ein guter Freund steht bei mir vor der Tür, wir sind verabredet. Warum er wohl nicht die Klingel an unserer Haustür drückt, sondern über WhatsApp schreibt, dass er da ist? Ich glaube, Klingeln ist irgendwie generell out, nicht nur beim Telefonieren. Verraten Sie es mir: Wo und wann haben Sie das letzte Mal geklingelt? 

Über den Autor: Murtaza Akbar ist Geschäftsführer von Wortwahl – Agentur für Unternehmens- und Onlinekommunikation in Neu-Isenburg. Der gebürtige Frankfurter mit pakistanischen Wurzeln ist zudem Dozent an der Hochschule Darmstadt im Studiengang Onlinekommunikation sowie Speaker, Trainer und Coach zum Thema Sprache und (Kunden-)Kommunikation. Zu erreichen ist Murtaza Akbar per E-Mail beziehungsweise via TwitterInstagram und Facebook.


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