Moderator Hajo Schumacher und Sebastian Ackermann verkünden die Namensänderung des BdP. (© Dillmann)

Der Kommunikationskongress 2019 läuft. Gleich zum Start gelang es den Veranstaltern des Bundesverbandes deutscher Pressesprecher (BdP) und der Quadriga Media Berlin GmbH in mehrfacher Hinsicht die rund 1.500 Besucherinnen und Besucher zu überraschen. So gehörten die ersten Worte des KK’19 der zehnjährigen Jara. Getreu dem Fokusthema „Zeit“ empfahl sie den Teilnehmern mit fester Stimme zunächst einmal die „Zeit“ des Kongresses richtig zu nutzen, um die Zukunft zu gestalten. Deswegen, so Jara, müsse man auch nicht ständig auf sein Handy schauen, sondern solle die Zeit für vernünftige Gespräche nutzen. Die zweite Überraschung: der BdP hat seinen Namen geändert. Das erste Highlight folgte dann unmittelbar: die fulminante Keynote des Philosophen, Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers Rüdiger Safranski.

Da staunten die Besucher des KK’19 nicht schlecht als Jara die Bühne betrat, sich kurz vorstellte und dann direkt den Appell an die Besucher richtete, die Zeit des Kongresses vernünftig zu nutzen. Selbst der ebenso souveräne wie schlagfertige Moderator Hajo Schumacher schien kurz überrascht zu sein und fragte: „Ist Klima nicht immer freitags?“ Doch eine Demo initiierte Jara nicht, sie setzte ihren Appell ab und verschwand wieder. Der Applaus zeigte, die Botschaft kam an.

Seine Zeit genutzt hatte wohl offensichtlich auch der Bundesverband deutscher Pressesprecher. Zum Abschluss eines mehrjährigen Diskussionsprozesses verkündete der geschäftsführende Vizepräsident des BdP, Sebastian Ackermann (Innogy SE), zum Auftakt des Kommunikationskongresses die Umbenennung in BdKom, Bundesverband der Kommunikatoren e.V. Die am Vorabend tagende Mitgliederversammlung hatte die Entscheidung mit der erforderlichen Zweidrittel-Mehrheit getroffen. Voran ging eine mehrstündige Diskussion. Nun soll die Verbandsmarke weiterentwickelt werden - sicher auch ein gendergerechter Auftritt. Ackermann: „Unser Berufsbild wird weiter gefasst als bisher.“

Bei den Präsidiumswahlen am Vorabend wurde Regine Kreitz ( Hertie School) für zwei weitere Jahre als Präsidentin bestätigt. Zum geschäftsführenden Vizepräsidenten wurde Sebastian Ackermann (Innogy SE) wiedergewählt. Monika Schaller (Deutsche Post DHL Group) und Florian Amberg (Munich RE) übernehmen die Ämter der weiteren Vizepräsidenten.

„Langeweile ist das Rendezvous mit dem Zeitvergehen.“

Was dann folgte, war ein philosophischer Vortrag zum Kongressthema Zeit. Rüdiger Safranski beleuchtete das Thema von allen Seiten, der Titel seiner Keynote lautete: „Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.“ Er bot Definitionen an und gab Hinweise zum Umgang mit der Zeit auf unterschiedlichen Ebenen. „Zeit“, so Safranski, „ist die Dauer von Ereignissen.“ Er fügte an: „In dem Maße wie die Ereignisse sich ausdünnen, tritt die Zeit hervor.“ Er spielte an auf Langeweile und gab das Bonmot an die Hand: „Langeweile ist das Rendezvous mit dem Zeitvergehen.“

Nach dieser Einführung, die sich vor allem mit dem persönlichen Erleben von Zeit beschäftigte, betrachtete er das Thema auch aus wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Sicht. Safranski diagnostizierte Synchronisationsprobleme zwischen Wirtschaft und Politik, die durch unterschiedliche Geschwindigkeiten hervorgerufen würden. Während sich in der Wirtschaft und Finanzwelt Produktions- und Geschäftsabläufe immer weiter beschleunigten, gerate die Politik unter Zeitdruck. Ihr falle es bei dieser Entwicklung schwer, einen stabilen Rahmen für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben zu zimmern. Diese Diskrepanz sei schwierig aufzulösen, da die Kräfte der Beschleunigung übermächtig seien. Und dennoch plädierte er dafür, dass sich Politik die Zeit nehmen müsse, die zu treffenden Entscheidungen – auch unter diesem Druck – sorgsam abzuwägen.

Die Verfügbarkeit von Kommunikationsmedien und das daraus resultierende Erleben globaler Gleichzeitigkeit von noch so weit entfernten Ereignissen suggerierten zudem, dass die Zeit sich ständig noch weiter beschleunige. Doch es sei nicht die Zeit, die sich beschleunige, sondern nur die Ereignisse und Geschehensabläufe, erklärte der Philosoph. Das führe dazu, dass zwar die Zahl der Erlebnisepisoden zunehme, aber es blieben eben nur Episoden, da die Zeit fehle, dass aus ihnen wirkliche Erfahrungen werden könnten. Safranski machte klar, dass es eine dramatische Differenz zwischen globalen Ereigniswelten und der eigenen, individuellen Einflussmöglichkeit gebe. Das führe zu einer theaterhaften Wahrnehmung vieler Ereignisse, die einem das Gefühl gebe, die Zeit rase davon.

Sein Lösungsvorschlag: die Zurückgewinnung der Zeitsouveränität. Das sei möglich, erfordere aber Übung. Safranski schloss seinen Vortrag mit einem Zitat von Friedrich Nietzsche: „Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.“

Speakersnight im Admiralspalast

Wie sehr es den Kongressteilnehmern gelingt, die persönliche Zeitsouveränität zurückzugewinnen, muss wohl jeder für sich entscheiden. Das Programm ist schließlich auf Gleichzeitigkeit ausgelegt. Bis zu zwölf Foren, Diskussionsrunden, Impulsvorträge und Workshops finden gleichzeitig statt. Doch spätestens am Abend des 1. Kongresstages wird das beschauliche Element sicher verstärkt – bei der Speakersnight im Admiralspalast. Die Galarede hält Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland. Und nach der Preisverleihung der BdP-Awards ist sicher Zeit für die Pflege des beschaulichen Elements.


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