Das PR-Interview Geschichtskommunikation braucht moderne Forschung

Quellenkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit erforderlich

Am 17. November empfingen das Center for History & Corporate Communication und das Praxis-Netzwerk Corporate History Communication Gäste aus Wissenschaft und Praxis zu einem Roundtable über Qualität in der Geschichtskommunikation. Das PR-JOURNAL sprach aus diesem Anlass mit dem Wissenschaftlichen Direktor des Centers Felix Krebber und einer der Referentinnen, Irmgard Zündorf, Leiterin des Bereichs Public History am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF).

Felix Krebber und Irmgard Zündorf beim Roundtable über Qualität in der Geschichtskommunikation. (Foto: Hans-G. Unrau)

Die Vertreterinnen und Vertreter von Großunternehmen, Mittelstand, Kommunikations- und Geschichtsagenturen trafen sich in der Unternehmenszentrale der Körber AG in Hamburg. Den Einstieg ins Thema machte der Praxis-Case von Moritz Strobel zur Körber Xperience, die die Besucher virtuell in Kurt A. Körbers Wohnhaus mitnimmt. Weitere Referate kamen unter anderem von GPRA-Präsidentin Alexandra Groß und Daniel Ziegele (Uni Leipzig, Lehrstuhl Professor Ansgar Zerfaß).

Das PR-JOURNAL hatte Gelegenheit, mit Felix Krebber und Irmgard Zündorf über die Tagung zu sprechen. Der Kommunikationswissenschaftler Krebber, Professor an der Business School Pforzheim, ist einer der Organisatoren und Treiber des Center for History & Corporate Communication. Irmgard Zündorf war eine der Referentinnen, die die Seite der Geschichtswissenschaft vertrat.

PR-JOURNAL: Zunächst vorweg: Worum geht es bei Geschichtskommunikation?
Felix Krebber: Strategische Geschichtskommunikation beschreibt ein Handlungsfeld der Unternehmenskommunikation, bei dem die Geschichte des Unternehmens thematisiert wird. Es spielt in der Marketingkommunikation zum Beispiel in historischen Motiven in der Werbung oder Verweisen auf die Produktgeschichte eine Rolle. In der gesellschaftsorientierten Kommunikation (PR) ist der offene, verantwortungsvolle Umgang – beispielsweise mit Fehlern und Vergehen in der Unternehmensgeschichte (Stichwort NS-Vergangenheit) zentral. In der Internen Kommunikation werden Geschichtsbezüge genutzt, um Motivation und Identifikation der Mitarbeitenden zu stärken.

PR-JOURNAL: Was war der Grund, sich in einer Veranstaltung mit dem Thema Qualität in der Geschichtskommunikation auseinanderzusetzen?
Krebber: Geschichte ist in der Unternehmenskommunikation kein Thema wie jedes andere. Gerade wenn ein Unternehmen auch auf kritische Ereignisse, Fehler und Vergehen zurückblickt, ist ein besonders verantwortungsvoller Umgang mit der Geschichte gefordert. Außerdem ist Geschichte nicht allein ein Thema der Kommunikation. Im Handlungsfeld sind auch Historikerinnen und Historiker, Archivarinnen und Archivare beschäftigt.
Public History beschreibt kurz gesagt Geschichtsdarstellungen, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten und findet sich beispielsweise in Museen. Auch Unternehmen stellen ihre Geschichte öffentlich dar.

PR-JOURNAL: Was sind ganz grundsätzlich wesentliche Qualitätsmerkmale von Public History?
Irmgard Zündorf: Die Merkmale beziehen sich sowohl auf geschichtswissenschaftliche Standards als auch auf geschichtsdidaktische und kommunikationswissenschaftliche Kriterien. Seriöse Geschichtsdarstellungen sollten daher auf neuesten Forschungsergebnissen basieren und die genutzten Quellen nachvollziehbar ausweisen und kontextualisieren. Zudem sollte die Darstellung im Sinne der Multiperspektivität und Narrativität konzipiert sein, um sowohl Kontroversität als auch Imagination und die Herstellung von Gegenwartsbezügen zu ermöglichen. Auch die Emotionalität ist ein wichtiges Merkmal, gleichwohl diese nicht überwältigend wirken sollte. Ein immer wichtiger werdender Aspekt ist schließlich die ermöglichte Partizipation der Öffentlichkeit.

PR-JOURNAL: Und welche dieser Merkmale müssen auch für Unternehmen gelten?
Zündorf: Es ist letztendlich gleichgültig, ob die Auftraggeber der Geschichtsdarstellung staatliche Einrichtungen oder private Unternehmen sind. Wichtiger sind die Ziele, die sie mit den Darstellungen verfolgen: Wenn es darum geht, Geschichte zu vermitteln und dabei glaubwürdig zu sein, gelten all die genannten Merkmale auch für Unternehmen. Nur auf der Basis einer quellenkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit kann eine seriöse Präsentation entstehen. Soll diese zudem für die Öffentlichkeit konsumierbar sein, helfen die genannten geschichtsdidaktischen und kommunikationswissenschaftlichen Aspekte.

PR-JOURNAL: Gibt es Unterschiede zum Qualitätsbegriff der Unternehmenskommunikation?
Krebber: Gemeinsamer Nenner in der Diskussion war, dass grundsätzlich alle Qualitätskriterien der Unternehmenskommunikation auch für die Geschichtskommunikation gelten. Nur kommen hier die eben genannten Kriterien hinzu. Geschichtskommunikation ist auf Erkenntnisse angewiesen, die von Expertinnen und Experten aus Geschichtswissenschaft und Archiv erarbeitet werden – auf Basis wissenschaftlich abgesicherter Methodik. Entweder mit Experten im Haus oder durch spezialisierte Geschichtsagenturen, die solches qualifiziertes Personal vorhalten. Das bedeutet nicht, dass Geschichtskommunikation nur Historikerinnen und Historiker machen können. Aber die Historizität der Aussagen, also die fachliche Absicherung, muss gegeben sein. Der Schlüssel für Qualität besteht hier in der Zusammenarbeit zwischen Geschichts- und PR-Agenturen, Kommunikationsabteilungen, Unternehmensarchiven und Geschichtsbereichen.

PR-JOURNAL: Welche weiteren Qualitätsmerkmale wurden beim Roundtable herausgearbeitet?
Krebber: Als wesentlich wurde noch benannt, dass selbstverständlich kommunikationsethische Prinzipien auch für die Geschichtskommunikation gelten, etwa die Regeln im Deutschen Kommunikationskodex oder in der DRPR-Richtlinie zu Wissenschaftskommunikation. Hinzu kommen fachethische Prinzipien der Geschichtswissenschaft. Beide Stränge sind konstitutiv für eine gute Praxis. Welche weiteren, zusätzlichen ethischen Prinzipien gelten müssen, wird Gegenstand der weiteren Forschung sein.

PR-JOURNAL: Wir geht es jetzt weiter mit dem Thema?
Krebber: Das Center for History & Corporate Communication plant eine praxisbezogene Publikation zum Thema Qualität der Geschichtskommunikation als Leitfaden.
Zündorf: Außerdem wird es ein Forschungsprojekt des Centers mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam geben, wo wir die Debatte um Ethik in der strategischen Geschichtskommunikation vertiefen wollen.

Hintergrund

Das Netzwerk Corporate History Communication versteht sich als Austauschplattform zu Fragen der Kommunikation von Geschichte. Gegründet wurde das Netzwerk im Sommer 2020 von H&C Stader sowie von Koch Kommunikationsmanagement.

Das Center for History & Corporate Communication ist eine Initiative der Günter-Thiele-Stiftung für Kommunikation und Management im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Es bündelt die Forschungsbemühungen rund um die Geschichte des Berufsfelds Public Relations und die Erforschung von Geschichte als Thema in der Unternehmenskommunikation.

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